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Jähe Vollbremsung

21. April 2000

Schulkinder in SirnakMeine Reise ist zu einem Stillstand gekommen. Keine jähe Vollbremsung, sondern viele kleine Hindernisse, mal hier ein Rempler, mal dort eine Verzögerung. Zum Schluss bedurfte es nur noch eines Hinhaltemanövers und ich war gestrandet.

Der Tag begann irgendwie auf dem falschen Fuss. Ich war bereits um 7 Uhr zum Internetcafe gegangen, um von dort aus meinen täglichen Bericht vom Vortag, die Fotos, die fertiggestellten Hörfunkbeiträge und meine Email nach Deutschland zu schicken. Zu früher Stunde bestanden eigentlich alle Hoffnungen, eine nicht überlastete Leitung zu erwischen, aber was immer ich anstellte, welche Telefonnummer ich auch versuchte, ich erhielt entweder eine tote Leitung oder ein Besetztzeichen.

Auch das Satellitentelefon, das ich für solche Fälle dabei habe, bockte. Eine Sprechverbindung war mühelos zu bekommen, aber Daten wollte es nicht übertragen.

Mein neuer Begleiter, Serder, der freundliche Soldat von gestern, der weiterhin beteuerte nichts als mein Freund zu sein, tauchte wieder im Hotel auf und bat mir seine Hilfe an. Mein Entschluss, seinen Ratschlag nicht anzunehmen und zurück über Diyarbakir weiter nach Van zu fahren, sondern die Strecke entlang der irakischen Grenze über Hakkari zu nehmen, löste bei ihm eine Flut von Bedenken aus. Erstens sei der Weg über Diyarbakir viel bequemer. Zweitens sei die Strecke wegen möglicher Anschläge von Terroristen (gemeint ist die kurdische PKK) gefährlich, weshalb mich die Kontrollposten (zu meiner eigenen Sicherheit) nicht ohne weiteres passieren lassen würden. Viertens gebe es keine direkte Busverbindung, sondern der Bus fahre nur bis Harbikiri, wo ich mit meinem schweren Gepäck ein Stück zu Fuss gehen müsse, um auf einen Anschluss zu warten, den ich aber fünftens wahrscheinlich verpassen würde, weshalb ich sechstens dort übernachten müsse. Leider gebe es aber siebtens dort kein Hotel. Die einzige Alternative sei ein Taxi, was mich achtens 100 Dollar kosten würde, und neuntens sei in Hakkari nichts Besonderes zu sehen. Ihm war nicht klar, dass er mit neun Gründe nannte, es eben deshalb zu versuchen.

Im übrigen hatte ich Serder dabei erwischt, wie er sich an der Rezeption ein paar Daten über mich geben liess. Wir sprachen nicht mehr weiter darüber, es war nur ein Grund mehr, nach Hakkari zu fahren.

Zudem mag mir nicht einleuchten, dass dort wo auf meiner Landkarte eine gut ausgebaute Fernverkehrsstrasse eingezeichnet ist, eine Mauer stehen soll, die Leute daran hindert, von einem Ort zum anderen zu fahren.

Immerhin fand sich Serder bereit, mich zum Busbahnhof von Sirnak zuMilitär in Sirnak bringen, um Erkundigungen einzuholen. Ein kleiner Hoffnungsfunke glimmte auf, als ich dort erfuhr, es fahre heute sehr wohl ein Bus direkt bis Hakkari, unklar sei nur wann. Nach einer guten Stunde Wartezeit verblasste diese Hoffnung aber immer mehr. Die Ankunftszeit wurde immer unbestimmter. Es konnte auch morgen sein.

Option zwei bestand darin, einen Bus bis zur Hälfte der Strecke zu nehmen, dort zu übernachten und am anderen Tag weiterzufahren. Das war besser als nichts, aber der Fahrer des Busses machte mir wenig Hoffnung, dass ich am anderen Tag einen Anschluss bekommen würde.

Möglichkeit Nummer 3 war schliesslich, dass ich mir ein Taxi teilte. Ein Lehrer samt Vater, Frau und Kind tauchte auf und bot mir für 20 Dmark einen Platz in einem von ihm angeheuerten Taxi an. Ich griff zu, bevor auch diese Möglichkeit wieder zerplatzte.

Die Fahrt nahm allerdings am Militärkontrollpunkt am Rande der Stadt ein Ende. Ich wurde aus dem Taxi geholt und es wurden wieder die üblichen Fragen gestellt: wohin? wer sind Sie? was wollen Sie? Warterei. Telefonische Auskünfte wurden eingeholt. Nein, Sie können auf keinen Fall fahren. Protest. Telefonat mit dem Kommandanten persönlich (er hat eine Schwester in Aachen; "Deutschland schönes Land"). Warten. Sie können doch fahren, aber nur wenn Sie nicht mit dem Bus fahren. Weitere Verhandlungen. Gut, Sie können fahren, wenn Sie unterwegs keinen Stop einlegen und ihnen ("zu Ihrer Sicherheit") folgt. Ich erkläre mich mit den Bedingungen einverstanden, weil ich allemal keinen Zwischenaufenthalt vorgesehen hatte. Allerdings: nun ist es zu spät, noch loszufahren, weil um 17:30 die Strecke gesperrt wird.

So verbringe ich den Rest des Tages wieder in Sirnak. Das Städtchen ist eine Mischung aus traditionellen, aus Steinen der Gegend gebauten Häusern mit Flachdächern und moderneren vier- bis fünfstöckigen Hochhäusern, von denen die meisten im Rohbau steckengeblieben sind. Im Sommer ist es staubig, im Winter schlammig. Die Strassen sind so steil, dass die Autos nur im ersten Gang bergauf fahren können.

Es gibt eine kleine Einkaufsstrasse mit Läden für den notwendigen Bedarf. Die Mehrheit der Bewohner von Sirnak kann sich aber kaum das Notwendigste leisten. Eine kleine Teppichfabrik ist der einzige grössere Gewerbebetrieb in der Stadt. Mit Regierungsmitteln ist am Ortseingang eine riesige Moschee mit zwei Minaretten, Sauna und türkischem Bad gebaut worden. Sie dürfte mehr Platz bieten als Sirnak Einwohner hat. Serder, der nach seiner Enttarnung noch freundlicher und noch aufgeschlossener ist, sagt, die Moschee werde kaum genutzt. Sie liege zu weit den Berg hinab und die Menschen würden lieber ihre alten, kleinen, nicht so prächtigen Moscheen im Zentrum aufsuchen.

Militär in SirnakIm wesentlichen ist Sirnak eine Garnisonsstadt. Den ganzen Tag über fahren Militärkolonnen durch die engen Strassen auf dem Weg zum Einsatz. Die türkische Armee habe die Situation zwar im Griff, so Serder, aber einzelne Gruppen von Terroristen hielten sich immer noch auf dem schneebedeckten Berg, der Sirnak gegenüberliegt. Nachts könne man sie mit Infrarotsichtgeräten erkennen, und wenn der meiste Schnee geschmolzen sei, würden sie sicher wieder neue Anschläge versuchen.

Die Kaserne der türkischen Armee liegt am Ortausgang Richtung Hakkari, direkt neben dem Kontrollpunkt, an dem ich heute scheiterte. Im Kern befinden sich die üblichen Exerzierplätze, Garagen und Wohnblocks, aber drum herum sind kleine Türmchen gebaut. Zwischen den Zinnen kann man vereinzelt die Läufe von Maschinengewehren sehen. Mittelalterliche Trutzburgen voller modernster Waffen, aus denen mit metallischem Sirren COBRA-Hubschrauber aufsteigen.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000