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Von Cizre nach Sirnak

20. April 2000

SirnakAuch am heutigen Morgen ergab sich kein Grund, warum ich Cizre nicht wieder verlassen sollte. Im Gegenteil.

Über Nacht muss der Sandmann dagewesen sein. Mein Bett fühlte sich an wie eine Sandgrube. In den Ohren, im Mund hatte ich Sand. Meine Unterlagen waren mit einer dichten Sandschicht bedeckt, als hätten sie jahrhundertelang in einer Grabkammer eines ägyptischen Pharaos gelegen. Als ich meinen Laptop aus seiner Schutztasche holte, knirschte es, als ich den Deckel öffnete.

Je mehr Sand, desto weniger Wasser. Das Rinnsal aus der Dusche reichte nur mit viel Geduld gerade zum Zähneputzen. Auch der Strom war knapp. Das Licht brannte jeweils für fünf Minuten, um sich dann wieder für eine Viertelstunde zur Ruhe zu setzen.

Auf dem Weg vom Hotel zum Einkauf von einigen Wasserflaschen kommt mir bereits am Eingang mein amerikanischer "Freund" des vergangenen Tages mit einem Lächeln entgegen. Wie ich geschlafen habe? Was ich vorhabe? Ob ich heute abfahren wolle? Wohin?

Die Sicherheitspolizei verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Mir ist klar, dass ich von ihnen beobachtet werde. Dies kann man auf sehr diskrete Weise tun. Ein Ausländer wie ich fällt überall auf. Aber sie wollen mir sehr deutlich zeigen, dass sie da sind. Was immer ich tue, wo immer ich hingehe, sie sind dabei.

Gespräche mit Menschen in der Stadt sind dadurch unmöglich. Seid Sanliurfa hatte ich immer wieder bemerkt, dass Menschen zwar mit Gesten und kleinen Bemerkungen andeuteten, dass ich nicht alles so rosig ist, sobald ich aber auch nur das Mikrophon zückte, war es damit vorbei. Wenn die Sicherheitspolizei direkt neben mir steht, wird mir niemand mehr freimütig mehr erzählen, ob Kurden sich tatsächlich als gleichberechtigte Bürger fühlen können, wie die wirtschaftliche oder die politische Situation ist.

Mein amerikanischer Freund weiss natürlich, was er tut. Aber wissen auch seine Vorgesetzten und Ankara, was er tut? Gemeinhin werden solche Behinderungen der Pressearbeit damit entschuldigt, es handele sich um junge, unerfahrene oder nicht sehr kluge Polizisten. Die beiden Polizisten in Cizre sprechen fliessend Englisch. Sie sind nicht dümmer als ihre Kollegen in England, Italien oder Deutschland.

Mag sein, dass man ihnen nicht beibringt, was Pressefreiheit genau bedeutet. Oder man laesst sie wisse, dass sie mit keinen Problemen zu rechnen haben, wenn sie demokratische Grundprinzipien missachten. Schwer zu entscheiden, was schlimmer ist.

Auch die Sicherheitssituation ist keine ausreichende Rechtfertigung. Selbst in Kriegsgebieten wie in Bosnien oder im Kosovo versuchen NATO Soldaten zwar mit allen Tricks, Journalisten an der Nase herumzuführen. Sie behindern sie aber nicht in ihrer Arbeit.

Ich bin Ausländer in Cizre. Ich weiss mich zu wehren. Ich besitze RespektZentrum von Sirnak einflössende Papiere und Ausweise. Menschen nicht ohne Einfluss passen von Deutschland aus auf mich auf. Was würde passieren, wenn ich ein Türkei, ein Kurde wäre - ohne Kenntnis meiner Rechte, ohne Geld und ohne Schutz?

Den Tag verbringe ich mit der Entstaubung meiner Geräte, Lesen, Beantworten von Email. Draussen regnet es. Um 16 Uhr taucht mein amerikanischer Freund wieder im Hotel auf und sorgt dafür, dass ich meinen Bus nach Sirnak nicht verpasse.

Immerhin treffe ich am Busbahnhof noch zwei Irakis, die ein Taxi zur Grenze suchen. Der hagere der beiden kommt aus Bagdad und hat für ein paar Tage die Türkei besucht. "Bagdad good. Irak good. Saddam Hussein shit!", fasst er seine Meinung kurz zusammen. Der andere, untersetzt, rund und mit einem Händedruck als habe er keine Knochen in den Fingern, ist von der irakischen Armee nach dem Einmarsch in Kuwait desertiert. Von einem Flüchtlingslager in der Türkei ist er damals nach Australien gekommen und besitzt inzwischen auch einen australischen Pass. Er will seine Familie wiedersehen, was aber nur im Nordirak möglich ist, weil dort Saddam Hussein nicht die Kontrolle ausübt. Als Deserteur müsste er sonst mit seiner Verhaftung und eventuell der Todesstrafe rechnen. Ich würde mich gern den beiden anschliessen, aber für den Grenzübertritt in den Nordirak, der von zwei kurdischen Gruppen kontrolliert wird, benötigt man ein eine Genehmigung der türkischen Regierung.

Nach dem Militärposten am Ausgang von Cizre führt die Strasse nach Sirnak in die Berge hinauf. Links und rechts auf den Gipfel ist eine dichte Reihe von Unterständen und Beobachtungsposten auf den Bergen zu sehen. Von einer Bergspitze aus ist die Kanone eines Panzers Richtung irakische Grenze gerichtet. Der Bus passiert vereinzelte kurdische Dörfer, in denen ebenfalls das Militär präsent ist. Die Kämpfe mit der PKK mögen zwar im wesentlichen beendet sein, aber die massive Päsenz der türkischen Armee erweckt den Eindruck, als ob sie selbst dem Frieden nicht traue. Schwer zu sagen, ob sie diese überwiegend von Kurden bewohnte Region beschützen oder besetzen.

Beim Einchecken im Hotel in Sirnak tritt ein Mann auf mich zu, der sich anbietet, für mich zu dolmetschen. Er stellt sich als Soldat vor, trägt aber das gleiche Walkie-Talkie wie mein amerikanischer Freund aus Cizre. Wir plaudern. Er fragt mich nach meinen Plänen in Sirnak und bietet mir einen Freund als Begleiter an, der ebenfalls Journalist sei. Er wolle morgen noch einmal vorbeischauen, um mir eventuell helfen zu können.

Als ich mein Abendessen bezahlen will, lehnt der Besitzer des Restaurants mein Geld entschieden ab. Dies sei kurdische Gastfreundschaft. Er bittet mich noch zu einem Tee. Ich sei der erste Tourist, geschweige denn Journalist, den er seit dem Beginn der Kämpfe mit der PKK vor 15 Jahren in Sirnak treffe. Wirtschaftlich sei die Situation in dem Städtchen schwierig. Ein paar wenigen gehe es gut, aber viele hätten kaum genug zum Essen. Über die türkischen Soldaten mag er nicht sprechen. Wer redet, bekomme schnell Schwierigkeiten. Seit 15 Jahren habe er geschwiegen und sich damit viele Probleme erspart. Nicht mal meine Frage, wann genau die letzten Schiessereien in der Gegend stattgefunden haben, mag er beantworten.

Fussball im ParadiesDas Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Sirnak ist das Café Paradies. Der clevere Besitzer bietet hier einen Billiardsalon, ein Internetcafe und gelegentlich Live-Musik. Heute abend ist in dem kleinen Saal ein Grossbildfernseher aufgebaut. Galatasaray spielt gegen Leeds United um den Einzug in das Finale des UEFA Pokals. Ich habe auf meiner bisherigen Reise fast niemanden getroffen, der mich nicht nach meiner Meinung zu diesem Spiel gefragt hätte. Der Einzug in das Finale wäre nicht nur für einen türkischen Club ein grosser Erfolg, sondern beim Hinspiel in Istanbul waren bei Krawallen zwei englische Fans erstochen worden. Seither wird heftig darüber diskutiert, ob mit einer Rache der Engländer zu rechnen ist, und ob dieser Vorfall die Türkei zu Unrecht in ein schlechtes Licht rücke.

Gut 200 Männer füllen den Raum. Es wird geraucht, sodass von der vierten Stuhlreihe aus kaum noch der Bildschirm zu erkennen ist. Das erste Tor von Galatasaray löst frenetischen Jubel, Sprechchöre und Gesänge aus.

Das muntere Spiel endet zwei zu zwei, aber Galatarsary qualifiziert sich für das Finale. Die Männer strömen in freudiger Stimmung aus dem Cafe Paradies in ihre Autos. Bis weit nach Mittarnacht umkreist ein hupender Autokorso den kleinen Stadtkern von Sirnak. Weit hinten im Osten der Türkei feiern die kurdischen Fussballfans den Sieg der Mannschaft aus Istanbul im fernen London. "Türkei! Türkei!"

Eyvallah

 

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© 2000 Martin Ebbing