[ Home | Kaukasus | Türkei | Geschichten | Mensch & Tier ]

 

Drehscheibe des Schmuggels

19. April 2000

CizreNach den Strapazen der vergangenen Nacht habe ich mich entschlossen, ein wenig freundlich zu mir selbst zu sein. Ich habe bis um 11:30 geschlafen und versucht, den Lärm vor meinem Hotelfenster zu ignorieren.

Da ich allemal schon spät dran war, entschloss ich mich, mein nun schon morgendliches Ritual, das Schreiben des Berichtes über den Vortag, auf später zu verschieben. Nach 9 Uhr morgens bestehen wegen der überlasteten Leitungen allemal so gut wie keine Chancen, Email nach Deutschland zu schicken. Auch diesen Stress wollte ich mir heute ersparen, zumal weitere Begegnungen mit der Sicherheitspolizei nicht auszuschliessen sind.

Ich war hungrig. Vorsichtshalber holte ich meine beiden Protokolle vom Vortag, die bescheinigten, dass ich eine suspekte Person bin, aus meiner Hosentasche und verstaute sie an einem anderen Ort.

Cizre ist eine Stadt mit vielleicht 60.000 Einwohnern und ohne besondere Auffälligkeiten: mehrere Moscheen, zwei, drei lebhafte Einkaufstrasse, von denen enge, verwinkelte Gassen abzweigen, einen kleinen Basar, einen herzerfrischenden Gemüsemarkt, ein Museum, in dem der einsame junge Mann auf seltene Besucher wartet, um ihm (wahlweise auch auf Russisch) die historische Bedeutung der gut 20 vorchristlichen Fundstücke aus der Region zu erklären, ein Internet Café direkt am grossen Denkmal zum 75. Jahrestag der Türkei und unzählige Teestuben, in denen Männer auf kleinen Hockern kauern.

Cizres Bedeutung liegt eigentlich mehr in seinem Platz auf der Landkarte. Der Irak ist weniger als 10 Kilometer entfernt. Der Kellner in dem Restaurant, in dem ich mein Frühstück esse, erzählt mir mit seinen wenigen Brocken Englisch, an machen Tagen könne man am Himmel die amerikanischen und britischen Flugzeuge sehen, die die Flugverbotszone über dem Nordirak kontrollieren. Das halte ich zwar für wenig wahrscheinlich, aber die USA und Grossbritannien führen tatsächlich immer noch ihren kleinen Zermürbungskrieg gegen Saddam Hussein fort, indem sie fast jede Woche eine irakische Luftabwehrstellung bombardieren - in Notwehr.

Von Cizre biegt die grosse Landstrasse ab, die quer durch den NordirakÖltransporter nach Mosul und weiter nach Bagdad führt. Schon zu meinen Zeiten als UN Korrespondent vor vier, fünf Jahren in New York war es ein offenes Geheimnis, dass Cizre der Hauptdurchgangsort für die Schmuggelware in und aus dem Irak sei. Inzwischen hat Bagdad mit der UN eine Vereinbarung abgeschlossen, die ist der irakischen Regierung legal Erdöl zu exportieren und dafür Hilfsgüter zu importieren. Geschmuggelt wird weiterhin, aber es fällt schwer festzustellen, was legal und was illegal über die Grenze geht.

Ich habe mir das Vergnügen gemacht, an der Durchfahrtsstrasse zu zählen, wieviel Tankwagen aus Richtung Irak kamen. In zehn Minuten kam ich auf 13 Fahrzeuge.

Dazwischen fuhren immer wieder MAN LKWs und Unimogs deutscher Herkunft im Dienste der türkischen Armee. Cizre gehört mit zum Aufmarschgebiet des türkischen Militärs für Operationen gegen die kurdische PKK auf der anderen Seite der Grenze im Nordirak.

Schliesslich ist Cizre auch die Durchgangsstation für amerikanische Parlamentarier, CIA und Mitarbeiter anderer westlicher Geheimdienste, die seit dem Ende des Golfkrieges vergeblich versuchen, aus den unterschiedlichen irakischen Oppositionsgruppen eine einheitliche Front gegen Saddam Hussein zu formieren.

Von daher ist es verständlich, dass auch die türkische Sicherheitspolizei ein sehr wachsames Auge darauf hält, wer kommt und geht. Meine fast schon unausweichliche Begegnung mit den Herren findet im Internet Café statt. Meine stille Hoffnung, die Kollegen in Viransehir hätten schon die Nachricht vorausgeschickt, der deutsche Journalist ist harmlos, basierte auf zu hohen Erwartungen an die Koordinationsfähigkeiten der türkischen Sicherheitspolizei.

Ich versuche gerade meine Email aus Deutschland abzurufen, als ein Mann auf mich zutritt. In recht gutem Englisch sagt er nicht unfreundlich "Wir hätten Ihnen gern ein paar Fragen gestellt". Bevor ich noch antworten kann, schiebt sich sein Begleiter in den Vordergrund, wirft einen Blick auf meinen Monitor und bellt: "What are you doing there? Are you sending email?"

Gasse im ZentrumIch habe nichts gegen ein paar Fragen, aber ob und wann ich Email verschicke, geht die Polizei nichts an. Wieder einmal verfalle ich in die traurige Rolle des Verteidigers der Pressefreiheit: "Sir, sorry, but that is none of your business!" Das war nicht höflich aber eindeutig.

"Don't get smart with me." bellt er zurück. "Otherwise we will get smart with you." Der Mann hat entweder sein Englisch mit Hilfe amerikanischer Krimis gelernt oder selbst einmal in den USA gelebt.

Nach einem kleinen Disput, schlägt der freundlichere Polizist vor, dass ich erst einmal meine Angelegenheiten erledigen solle und sie dann auf das Polizeirevier begleiten soll. Ich habe meine Lektion am Vortag gelernt: ich übereiche ihm meinen türkischen Presseausweis und meinen Reisepass, aber "tut mir leid, aber ich gehe nicht mit zur Polizei - es sei denn, Sie wollen mich verhaften."

"Verhaften" ist das Schlüsselwort. Es signalisiert Kenntnisse der rechtlichen Situation und bedeutet formaler Akt, Papierkram, mögliche Scherereien, vielleicht sogar Vorgänge und Fragen aus Ankara. Sicherheitsleute lösen Dinge lieber auf die informelle Art und Weise.

Es wirkt. Zu dritt hocken sie sich an einen Tisch und notieren sich Einzelheiten aus meinem Pass und brabbeln in ihre Walkie-Talkies. Der Manager des Internet Cafes bringt mir einen Tee und schmunzelt mir zu.

Schliesslich gebe ich auf. Es irgendeinem unerfindlichen Grund verweigert der Computer ständig das Passwort, unter dem ich meine Email abfragen kann. Aber es gelingt mir, die Internetseite aufzurufen, auf der meine Geschichten und vor allem ein Foto zu sehen ist. Die Polizisten sind beeindruckt.

Ob ich den Nordirak fahren wolle, fragt der Bello. "Nicht, dass ich wüsste", antworte ich ohne Zögern. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ein paar Kontakte in der Türkei anzurufen, um nachzufragen, ob nicht doch eine Fahrt über die Grenze möglich sei. Noch in Deutschland hatten mir Vertreter der beiden kurdischen Organisationen des Nordirak erklärt, ohne offizielle Erlaubnis Ankaras sei dies nicht zu machen. Mir scheint, sie haben Recht.

Meine Papiere seien soweit in Ordnung, erklärt der freundlichere der drei und gibt mir meine Ausweise zurück. Aber ein paar Fragen hätten sie dennoch. Ob wir nicht ins Hotel gehen könnten. Wo ich abgestiegen war, wussten sie schon.

Als wir das Hotel verlassen, hat sich der Himmel in ein dunkles Schwefelbraun verfärbt. Ein irreales Licht spiegelt sich an den Häuserfassaden wieder. Für einen Moment denke ich darüber nach, ob ich ein Foto machen soll, entscheide mich aber dagegen. Kameras machen Sicherheitspolizisten nervös.

Im Foyer des Hotels, wo wir uns im hinteren Teil in einer abgetragenen Sitzecke niederlassen, sind es plötzlich fünf Polizisten. Offensichtlich bin ich nicht nur als mögliches Sicherheitsrisiko von Interesse, sondern schlicht der erste westeuropäische Journalist, den sie zu Gesicht bekommen. Bis im letzten Jahr war die gesamte Region für Journalisten noch gesperrt.

Die Unterhaltung wird freundlicher. Ich halte meinen inzwischen wohleingeübten kleinen Vortrag über die Rechte des Journalisten, sich frei zu bewegen und seine Quellen geheim zu halten, die Verpflichtungen der Türkei als Mitglied des Europarates, etc. pp. Von all dem habe er noch nie etwas gehört, knurrt Bello. Zudem tue er nur, was sein Vorgesetzter ihm sage. Das hatte ich befürchtet.

Der Freundlichere wirbt um Verständnis. Sie wollten ja nur meine Sicherheit schützen. In Wirklichkeit seien sie meine Freunde.

So erzähle ich meinen neuen Freunden ein wenig von meinem Reiseplänen und sie geben mir ein paar Tips. Ich solle am Abend in Cizre besser vorsichtig sein. Man wisse nie. Auch solle ich besser nicht nach Sirnak weiterfahren. Sirnak liegt im Zentrum des Gebietes, wo die PKK immer noch präsent ist. Und auf jeden Fall sollte ich die Idee vergessen, von Sirnak weiter mit dem Bus entlang der iranischen Grenze über Hakkan nach Van zu fahren. Es sei viel zu gefährlich.

Diese Ratschläge klingen zum einen ernsthaft besorgt. Auf der anderen Seite schwingt aber auch immer eine Warnung mit, halt dich da besser raus. Das geht dich nichts an.

Es wird Tee getrunken. Bello erzählt von den USA, wo er bereits Polizist gewesen sei, und ich entschuldige mich schliesslich damit, dass ich nun meine Arbeit zu tun habe. Wenn ich morgend Abend noch in der Stadt wäre, schlägt der Freundliche vor, könnten wir uns ja vielleicht zusammen im Fernsehen das Fussballspiel von Galatasaray gegen Leeds anschauen. "Eine gute Idee", entgegne ich höflich. "Mal sehen."

Gewitter über CizreAuf dem Balkon meines Zimmers denke ich über meine weiteren Pläne nach. Der Himmel hat sich inzwischen völlig verdunkelt. Es ist fast stockdunkel, überall die Lampen angeschaltet. Als ein heftiges Gewitter mit wild über den Himmel tanzenden Blitzen hereinbricht, fällt die Stromversorgung zusammen. Die Stadt liegt in einem Dämmerlicht, in dem nur noch die hellen Flächen der Häuser zu erkennen sind.

Die Sicherheitspolizei wird mich nicht aus den Augen lassen. Eine Fahrt an die Grenze wäre vielleicht nicht uninteressant, aber sicher mit einem Haufen fruchtloser Scherereien verbunden. Sirnak klingt verlockend.

Eyvallah

 

[nächster Tag] [Übersicht Türkei] [Übersicht Kaukasus]


top

© Martin Ebbing 2000