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Als Spion enttarnt

18. April 2000

Bus nach AkcakaleEs hätte vielleicht eine sehr angenehme Zugfahrt werden können, wenn ich nicht verhaftet worden wäre.

Mit deutscher Pünktlichkeit stehe ich um 11:45 am Bahnhof in Akcakale. Südlich der Gleise liegt eine kleine türkische Grenzstation, hinter der Syrien beginnt. Nördlich befindet sich die Bahnstation.

Eine Gruppe kurdischer Frauen sitzt im Schatten eines Baumes vor dem Gebäude. Ein paar arabische Männer schwatzen miteinander, um sich die Zeit zu vertreiben. Natürlich wird der Zug nicht um 12 Uhr angkommen, sondern vielleicht um eins, vielleicht auch erst um zwei.

Der Zug kommt aus Halap (Aleppo) in Syrien und fährt entlang der türkisch-syrischen Grenze bis nach Nusaybin und eigentlich weiter über Mosul bis nach Bagdad, aber der Grenzübergang in den Irak ist gesperrt. Die Strecke gehört zur Stambul-Bagdad-Bahn, mit deren Bau 1890 mit deutschen Geldern und auf Druck von Kaiser Wilhelm II als Ausdruck der engen Zusammenarbeit zwischen dem Kaiserreich und der Türkei begonnen wurde. Die Bahn sollte Westeuropa mit dem Persischen Golf verbinden.

Ich habe eine Vorliebe für Grenzstationen. Nach der Willkür militärischer oder politischer Entscheidungen wurde eine Linie auf der Landkarte gezogen und entschieden, wer diese Linie überschreiten will, muss dazu eine Berechtigung (Ausweis, Visum) besitzen. Mit der Zeit sind manchmal tatsächlich auf beiden Seiten dieser Linie unterschiedliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse entstanden. Grenzstationen wurden so zur offiziellen Passage von einer Welt in die andere.

Bahnhof von AkcakaleDie Bahn von Akcakale nach Nusaybin erweckt zudem die Erwartung von "Orient Express". Das Bahnhofsgebäude zumindest ist seit dieser Zeit so gut wie unverändert. Im Büro des Bahnhofsvorsteher hängt eine Telefonanlage, die seit dem ersten Weltkrieg ihren Dienst tun muss. Sein Mitarbeiter stempelt mir eine Prägung auf meine Papp-Fahrkarte. Als Preis ist noch 8000 Lira aufgedruckt. Das sind etwa 5 Pfennig. Ich setzte mich auf eine Bank im Büro des Vorstehers, lausche auf die Uhr, die mit lautem Ticken auf ihre sinnlose Existenz hinweist, und sehe den Fliegen auf der Wand zu.

Nach anderthalb Stunden gerät Bewegung in die Kinder, die aus kleinen Behältern den durchreisenden Fahrgästen süsse Limonade verkaufen wollen. Am Horizont ist der Zug zu sehen, der uns entgegenzuckelt.

Der "Orient Express" ist es nicht. Eine Reihe von Güterwagons und drei Personenwagen werden von einer zischenden Diesellok gezogen. Da es auch keinen Bahnsteig gibt, müssen wir Handvoll Passagiere mühsam mit unserem Gepäck in die Waggons hineinklettern. Im Inneren auch keinen Speisewagen mit Kristallgläsern oder dunkelrote Plüschsessel, aber immerhin doch bequeme, gepolsterte Sitze.

Der Zug nutzt die Chance, dass es in Akcakale eine Anlage mit Gleisen gibt, um Güterwagen an und ab zu hängen. Nach einer weiteren guten Stunde geht es tatsächlich los. Aber kaum ist der Zug richtig in Fahrt gekommen, da tauchen neben meinem Sitz drei Soldaten auf. Ihr Anführer, ein knapp zwanzigjähriger Bursche mit Sonnenbrille und Sommersprossen redet auf Türkisch auf mich ein, zeigt auf meine Fotokamera und weil ich nicht begreifen will, nimmt er kurzerhand Kamera, Mikrophon und Recorder an sich. Verduzt zücke ich meinen türkischen Presseausweis, versuche ihm zu erklären, ich sei Journalist, und hole ein Schreiben des Senders, in dem auf Türkisch höflich darum gebeten wird, mich freundlich zu unterstützen, aus meinen Rucksack. Nicht gut genug. Die Soldaten ziehen mit meinem Gerät in den hinteren Wagon ab.

AkcakaleEs dauert ein wenig bis ich mich von dieser Überraschung erholt habe, aber entschlossen, meine Arbeitsmittel zurückzubekommen, gehe ich ihnen nach. Zu sechst sitzen sie in einem Abteil, ihre G3-Gewehre ordentlich auf die Kleiderhaken gehängt, und studieren mein wundersames Gerät. Wir parlieren - der Anführer der Crew auf Türkisch, ich auf Deutsch und Englisch. Es geht darum, dass ich nicht fotografieren dürfe. Mein Presseausweis sei nichts wert, da wir uns auf der syrischen Seite der Grenze befänden (die Frage, wieso türkische Soldaten in Syrien mein Gerät konfiszieren können, lasse ich unerwähnt). Mit Händen und Füssen versuche ich a. meine Empörung zum Ausdruck zu bringen, b. gegen den eklatanten Bruch der Pressefreiheit zu protestieren und c. wenigstens das Mikrophon und den Recorder zurückzubekommen (das Radio will Töne). Es hilft nichts. Auch meine Drohungen mit den furchtbarsten diplomatischen Verwicklungen zwischen Ankara und Berlin fruchten nicht.

Eine Niederlage ist eine Niederlage und ich ziehe mich geschlagen wieder in meinen Wagon zurück. Kaum habe ich Platz genommen, zieht einer der Soldaten, diesmal mit geschultertem Gewehr an der Tür als Wachposten auf. Ich drehe mich um. An der anderen Tür steht ein zweiter Soldat. Die drei Araber im Wagon tun so, als würden sie das alles nicht zur Kenntnis nehmen. Als ich aufstehe, um an ein offenes Fenster zu gehen, werde ich von einem der beiden Soldaten auf meinen Sitz zurückgedrängt. Die Sache ist ernst.

Syrische GrenzstationAm rechten Fenster, der syrischen Seite, erstreckt sich das flache Land bis zum Horizont. An klaren Tagen soll man bis nach Damaskus sehen können. Grüne Felder wechseln sich mit unbestellten Äckern ab. Auf den Feldern sind gelegentlich Frauen zu sehen, die aber zu weit entfernt sind, als dass ich erkennen könnte, was sie dort tun. Auf einigen Äckern sind Männer in wallenden Kleidern damit beschäftigt, Gräben für die Bewässerung anzulegen. Gelegentlich tauchen kleine Gruppen sandfarbener Lehmhäuser auf.

Am linken Fenster, der türkischen Seite, ziehen ebenfalls endlose Felder vorbei. Die Menschen dort tragen aber westliche oder kurdische Kleidung. Die Häuser sind aus Stein gemauert. Alle vier bis fünf Kilometer taucht ein Posten der türkischen Armee auf. Auf einem kleinen künstlichen Hügel ist ein Schiessstand aufgebaut, aus dem ein Maschinengewehr hervorguckt und von wo aus quer über Stacheldraht und Schienen die andere Seite beobachtet wird. Sollten auch die Syrer Militär entlang der Grenze postiert haben, dann haben sie sich gut vesteckt.

In Cylanpilar, mitten auf der Strecke, werde ich aus dem Zug herausbeordert. Wie der Gefangene eines Strafbatallions, umringt von den Soldaten mit ihren Gewehren griffbereit auf der Schulter, werde ich vom Bahnhof quer durch das Städtchen zur örtlichen Kaserne geführt. Immerhin hilft mir einer der sechs beim Tragen meines Gepäckes.

Türkischer GrenzpostenDer Weg führt geradewegs in das enge Büro des Kasernenkommandanten, einem jungen, gutaussehenden Burschen, den ich mir eher als Latin Lover in einem Tanzfilm vorstellen könnte. Auf seinem Computer läuft (mit begleitender Lasershow) ein amerikanischer Popsong, auf dem Schreibtisch steht ein schweres Messingschild mit dem Namen Özkan Güngör.

Ich werde auf einen Stuhl in die Ecke beordert, meine Geräte als Beweismaterial auf den Schreibtisch gelegt und der Schwall türkischer Fragen beginnt auf ein neues. Ich stelle mich stur. Ohne Übersetzer bin ich nicht bereit zu reden.

Nach einer halben Stunde ist ein Zivilist in dunklem Anzug herbeigebracht, der sich als Englischlehrer der örtlichen Schule vorstellt. "Warum haben Sie fotografiert?" lautet die erste Frage. Ich hatte mir eine Strategie zurechtgelegt. Bevor ich irgendwelche Fragen beantworten würde, würde ich gern wissen wollen, wer die Herren seien und ob ich verhaftet sei."

"Ja, das ist eine Verhaftung. Wo ist der Film in dieser Kamera?"

Kommandant Güngör fummelt an meiner digitalen Kamera herum und sucht den Film. Ich erkläre, dass es in dieser Kamera keinen Film gebe und er besser vorsichtig sein solle. Die Kamera sei mindestens 2.000 Dollar wert und auch für den Recorder nenne ich eine horrende Summe.

"Wenn dies eine Verhaftung ist, dann möchte ich jetzt gern meine Botschaft in Ankara anrufen."

Verwirrung. Kommandant Güngör und die herumstehenden Soldaten diskutieren miteinander. Während dessen erklärt mir der Englischlehrer, ich habe mich in einer militärischen Sicherheitszone befunden, wo andere Gesetze als sonst im Land gelten. Soldaten kommen und gehen, und Güngör wird nach draussen gerufen. Ich frage de Englischlehrer, wozu eigentlich ein Presseausweis gut sei, wenn sich niemand für ihn interessiere.

Als ich einen kurzen Moment allein bin, lösche ich vorsichtshalber die Fotos, die ich am Bahnhof von Akcakale aufgenommen habe.

Schliesslich sitzt Kommandant Güngör wieder an seinem Platz, Tee wird hereingebracht. Ob ich ihm die Fotos in der Kamera zeigen könne. Ich schalte das Gerät an. Auf dem kleinen Monitor erscheint die Nachricht "No picture".

Okay, unter diesen Umständen sei ich frei zu gehen. Der Vorfall tue ihm leid. Soldat Cengiz sei noch jung und noch nicht lange bei der Truppe. Als Ausdruck des Bedauerns wolle man mich aber noch zum Essen einladen, und man werde mich auch zu meinem Bus nach Cizre, meinem Ziel für den heutigen Tag, bringen.

Zuvor werde ich aber dem Oberkommandanten, der für den gesamten Grenzabschnitt zuständig ist, vorgestellt. Der Mann, der in seiner gut gefüllten Uniform sowohl Strenge als auch Jovialitaet ausstrahlt, kommt hinter seinem Schreibtisch auf mich zu und sagt auf Deutsch, wobei er warmherzig strahlt und jedes Wort ganz langsam ausspricht "Guten Tag mein Herr. Wie geht es ihnen?"

Vor seinem Schreibtisch sitzen zwei junge Burschen in Zivil und einen Stuhl weiter seine Frau. Sie hat 5 Jahre lang in Hannover gelebt und macht einen ganz traurigen Eindruck. Als ich ihr die Vorkommnisse schildere, wirkt sie noch deprimierter. "Die jungen Soldaten hier unten sind nicht sehr gebildet" sagt sie und ringt die Hände.

EnglischlehrerBeim Essen erzählt mir der Englischlehrer, dass er mindestens schon hundert nicht-türkische Freundinnen gehabt hätte, aber noch keine deutsche. Ob ich da nicht etwas für ihn tun könne. Auch Kommandant Güngör hat noch eine Bitte. Ob ich nicht ein Schreiben für seine Vorgesetzten schicken könne, dass ihn lobend erwähnt und seine Beförderung unterstützt.

Bevor ich aber wirklich gehen kann, muss ich noch eine Erklärung unterschreiben, dass ich auch all meine Sachen wiederbekommen habe. Nach einer kleinen Diskussion, dass ich nichts unterschreiben könne, was ich nicht auch lesen kann, wird der Englischlehrer mit einer Übersetzung beauftragt. Er arbeitet hart jenseits der Grenzen seine Möglichkeiten. Der Text wird dreifach ausgedruckt, von Güngör, Cengiz und mir unterschrieben. Ich erhalte eine Kopie, es wird noch ein Tee getrunken, Hände geschüttelt und schliesslich werde ich von einem finster dreinblickenden Zivilisten mit einer Pistole am Gürtel zum Busbahnhof im 30 Kilometer entfernten Viransehir.

Nur um 21 Uhr, als wir dort ankommen, fährt kein Bus mehr nach Cizre. Im Büro der Bahnhofsaufsicht drängt sich eine kleine Gruppe zusammen, um über die Lösung des Problems zu diskutieren. Plötzlich steht ein 18jähriger neben mir, der mich in akzentfreiem Deutsch anspricht. Suleyman hat einige Jahre in Bruchhausen-Vilsen, nicht weit von Bremen entfernt, gelebt. Bevor wir aber ins Gespräch kommen, umringen mich drei Männer, die sich alle drei ihre Jeans zwei Nummern zwei klein gekauft haben. Sie wollen meinen Ausweis sehen und fordern mich auf mitzukommen, um kurz ein paar Fragen zu beantworten. Als ich frage, wer sie seien, wird mir eine Polizeimarke entgegengehalten. Sicherheitspolizei.

Auf dem Rücksitz ihres Autos wird mir klar, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich bin nun in ihrer Hand. Was immer auch geschehen mag, es gibt keine Zeugen mehr. Suleyman fährt zwar als Dolmetscher mit, aber er wird auf die Polizisten sicher keinen grossen Eindruck machen. Berichte von Schlägen und Folterungen auf türkischen Polizeirevieren tauchen aus meiner Erinnerung auf.

Kaum hat sich die Tür des Vernehmungszimmers, den die Handwerker vor langer Zeit unverrichteter Dinge verlassen haben müssen, hinter uns geschlossen, da werden mir die Arme nach oben geschoben, ein Schnauzbart klopft mich nach Waffen ab und packt meine Jacken- und Hosentaschen aus.

Ich höre mich selbst lautstark protestieren. Wütend schimpfe ich über die Verletzung der Pressefreiheit und drohe mit Konsequenzen. Suleyman übersetzt stockend, aber seine Übersetzung fällt weit kürzer aus als mein Wortschwall. Während der Schnauzbart sich meinen Rucksack vornimmt, beginnen seine Kollegen damit, meine Ausweise zu fotokopieren und meinen Notizblock zu studieren. Ein vierter Polizist beginnt zu telefonieren. Natürlich haben sie auch die Erklärung über den Vorfall bei den Militärs in meiner Hosentasche gefunden, die mich nur noch verdächtiger macht.

Suleyman (links) und FreundeIch mache eine lächerliche Figur. Ich bin in den Händen von vier Polizisten, denen rechtliche Prinzipien offensichtlich entweder unbekannt oder schnurz egal sind und werfe ihnen vor, internationales Recht zu verletzen. Eigentlich muss ihnen jeden Moment der Geduldsfaden mit diesem renitenten Ausländer reissen.

Im Gegenteil. Der Schnauzbart lässt die Finger von meinem restlichen Gepäck. Mein Pass wird mir zurückgegeben. Offensichtlich haben sie die telefonische Anweisung erhalten, mich laufen zu lassen. Die Stimmung bleibt knurrig. Dennoch erfüllen sie meine Forderung, mich zum Busbahnhof zurückzufahren.

Als freundlichen Akt laden sie mich sogar noch zum Tee ein und versuchen eine Unterhaltung. Es wird nichts draus. Ich bin immer noch wütend und den Polizisten ist anzusehen, dass sie gern anders mit mir umgesprungen wären.

Der nächste Bus nach Cizre fährt um 2 Uhr nachts. Suleyman, sein älterer Bruder, der das kleine Restaurant am Busbahnhof leitet, ein alter Kurde, der kaum ein Wort spricht, aber ständig lächelt, und noch ein paar andere beharren darauf, so lange mit mir auszuharren, bis der Bus kommt.

Es ist 5 Uhr und hell als ich in Cizre ankomme. Im Bus bin ich immer wieder vor Erschöpfung eingenickt. Nun auf dem Hotelbett liege ich wach und kann nicht einschlafen.

Eyvallah


Am Morgen des heutigen Tages habe ich ein Live-Gespräch mit Radio Bremen 2 geführt. Thema: meine Eindrücke von Sanliurfa.

"Art und Weise", Radio Bremen 2, Länge 7:34

 

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