|
| 17. April 2000 |
Auf
dem Weg heute durch die Stadt gesellt sich plötzlich ein älterer
Man zu mir, der mich erst ein paar Schritte begleitet und dann freundlich
anspricht: "How are you my friend?" Ich bleibe stehen und wir
schütteln uns die Hände. "Where are you from?" Ja,
Deutschland gefalle ihm. Sechs Familienmitglieder lebten dort und er sei
auch schon mal in Bonn und in Mainz gewesen. Er selbst stamme aus Syrien
und sei vor langer Zeit nach Sanliurfa gekommen. Ob es denn in der Türkei
besser als in Syrien sei, frage ich. "I am Kurdish" lächt
er, was soviel bedeut wie, ich gehöre weder hier noch dort hin.
Wir plaudern eine Weile miteinander und er macht mir Komplimente, wie freundlich es doch sei, mich mit ihm zu unterhalten. Die meisten Fremden seien nicht zu einem Gespräch bereit, was er sehr bedauere. Wie lange ich denn schon in der Stadt sei. Wie schon zwei Tage? Er habe mich noch gar nicht gesehen. Er habe sein Geschäft dort drüben, dort wo jetzt das Taxi stehe, und wenn ich wieder vorbeikomme, solle ich doch mal reinschauen. Ich bin im Begriff, in Sanliurfa einen Bekanntenkreis zu entwickeln. Der kleine Junge aus dem Laden mit den Polizeimützen im Fenster macht immer Faxen, wenn ich bei ihm vorbeikomme. In dem kleinen Cafe, in dem ich morgens mein Büro einrichte, stellt mir der Besitzer bereits ohne zu fragen ein Glas Milch mit Honig und einen Teller Baklava auf den Tisch. Es ist recht einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Auf der Strasse grüsse ich höflich mit Kopfnicken und einem unverständlichen Gemurmel. Es wird zurückgegrüsst und oft folgt per Handbewegung die Einladung, doch näher zu kommen.
Manchmal ist die Kontakfreude nicht ganz uneingenützig. Die Menschen wittern in mir einen zahlungskräftigen Kunden und versuchen mich in ihr Geschäft zu locken. Meist ist es aber reine Neugier. Viele Touristen verirren sich nicht nach Sanliurfa. Gestern abend habe ich ein Paar mit Kind aus Jena im Hotel getroffen, die einer Einladung eines türkischen Freundes gefolgt sind. Im Büro von "Harran Tours" treffe ich einen Kalifornier, der darauf wartete, dass sich vielleicht noch ein Interessent für die Tour zu den Lehmhäusern in Harran finden lässt. Die Region leidet unter den schlechten Nachrichten über die Sicherheitslage in der Region, erzählt mir Matthias Knödler. Der Konflikt mit der kurdischen PKK sowie der Golfkrieg habe die Touristen vertrieben. Knödler lebt seit zehn Jahren in der Türkei und betreibt in Sanliurfa die Aussenstelle eines Reisebüros, das sich auf Fahrten zu christlichen Kulturgütern spezialisiert hat. Die Gegend um Sanliurfa hat in dieser Beziehung mit Abraham, Hiob und anderen Figuren der biblischen Geschichte viel zu bieten. So ist Harran, ein kleiner Ort nur wenige Kilometer südlich von Sanliurfa, nicht nur wegen seiner kegelförmigen, urzeitlichen Lehmhäuser sondern auch wegen der Berufung Abrahams von Bedeutung. Gott soll ihm hier 2000 Jahre vor Christi gesagt haben, er solle sich auf die Reise in ein fernes Land machen, das er ihm noch nennen werde. So begann Abrahams Reise nach Palästina, das ihm dann von Gott geschenkt wurde.
Ich blicke von meinem kleinen Honig-Pistazien-Gebäck auf, das in diesem,meinem kleinen Cafe-Büro so köstlich schmeckt. Es sei tatsächlich verbürgt, dass Jakob hier in der Gegend gelebt hat - in der Bibel zumindest, entgegnet Knödler meinem skeptischen Blick. Ob er die Bibel für ein verlässliches historisches Zeugnis hält, bleibt offen. Einigen können wir beide uns aber darauf, dass Sanliurfa auch sehr moderne Züge besitzt. Im Rahmen des Südanatolien Projektes baut die türkische Regierung drei große Staudämme, die Strom produzieren und damit den wirtschaftlichen Aufschwung dieser verarmten Region beschleunigen sollen. "Dies hier ist wie Ostdeutschland, wo der Westen ja auch einiges investieren muss", ziehlt Knödler eine kühne Parallele. Hinzu kommen die Bewässerungsprojekte, die das aufgestaute Wasser ermöglichen werden. Der Boden sei fruchtbar, aber zu trocken. Mein Gegenüber, der von den Süssspeisen nichts wissen will, sieht ganz optimistisch in die Zukunft. Die ersten Bewässerungsprojekte hätten ja schon "schöne Früchte" wie eine ertragreichere Baumwolleproduktion hervorgebracht. Natürlich seien Umsiedlungen von Menschen notwendig, Kulturdenkmäler würden durch die neuen Dämmen überflutet und auch mit dem südlichen Nachbarn Syrien, dem praktisch das Wasser abgegraben wird, komme es zu politischen Spannungen, aber es gehe aufwärts. In drei Jahren kommt nun noch ein grosser Flughafen, der zweitgrösste der Türkei, hinzu.
Vorher muss den potentiellen Interessenten allerdings noch beigebracht werden, dass man sich ruhig hierher trauen kann. Die Region hat durch die Konfrontationen zwischen Kurden und türkischen Sicherheitskräften einen schlechten Ruf bekommen, der, wie mir Knödler versichert, inzwischen aber unberechtigt sei. In der Vergangenheit sei es öfter zu Sprengstoffanschlägen und Schiessereien gekommen, aber as sei vorbei. In Sanliurfa und der Umgebung habe es seit sechs Jahren keine Vorfälle dieser Art mehr gegeben. Insgesamt hätten die Probleme abgenommen. "Es hat eine Bewusstseinsänderung unter den Menschen hier stattgefunden", glaubt Knödler registriert zu haben. "Die Menschen sehen, dass Gewalt zu nichts führt." Und dann fügt er den Satz hinzu "Natürlich müssen Opfer gebracht werden", der eigentlich bei mir wie ein unbewusster Reflex eine Flut von Fragen hätte auslösen müssen: Welche Leute? Alle Leute gleich oder einige mehr und andere weniger? Welche Opfer? Sind die Opfer wirklich nötig? Aber ich bleibe stumm und lasse den Satz als hätte ich ihn nicht bemerkt wie peinlichen Körpergeruch einfach im Raum stehen.
So schlage ich dann auch seine freundliche Einladung aus, mich einigen Ingenieuren vorzustellen, die an den Staudammprojekten arbeiten. Ich will nach Akcakale. Es ist mir plötzlich furchtbar dringend. Eyvallah
[nächster Tag] [Übersicht Türkei] [Übersicht Kaukasus]
|
© Martin Ebbing 2000