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Sohn der Stadt

16. April 2000

Ehemalige KarawansereiAuch in einer islamischen Stadt wie Sanliurfa ist der Sonntag Ruhetag. Bis auf wenige Ausnahmen wird an allen Tagen der Woche in den Restaurants kein Alkohol ausgeschenkt und in den Läden auch kein Bier verkauft. Dennoch ist nicht der (islamische) Freitag sondern der (christliche) Sonntag der offizielle Tag, an dem Banken, Büros, Schulen und staatliche Einrichtungen geschlossen sind. Auch im Osten der Türkei gilt das Verdikt von Staatengründer Atatürk, dass Kirche und Staat voneinander zu trennen und westeuropäische Gepflogenheiten zu übernehmen seien.

Auch "Harran Tours", nach übereinstimmender Ansicht das beste Reisebüro in der Stadt (zumindest für Ausländer), hat sich den Sonntag frei genommen. Bei Omar, meinem Hotelmanager, hatte ich bereits gefragt, wann der Zug aus Akcakale abfahre, mein Reiseziel für morgen. Omar zuckte mit den Schultern, bot sich aber nach einem Moment peinlichen Schweigens an, sich zu erkundigen. Nach mehreren Telefonaten war er sich sicher, der Zug fahre um 12 Uhr. Nicht so sicher sei er allerdings, an welchen Tagen der Zug fahre. Es könne montags, es könne dienstags, es könne aber auch nur zweimal in der Woche sein.

Auf so einen grosszügigen Umgang mit der Zeit bin ich allerdings nicht eingestellt. Aber als mir auch Harran Tours nicht weiterhelfen konnte, war ich bereit, Omars Haltung zu übernehmen: "Let's wait and see". Die Mischung aus Ergeben- und Verschlagenheit, die sein Gesicht bei diesem Satz jedesmal annimmt, gelingt mir allerdings nicht.

So bummele ich durch die Stadt. Vor der stechenden Mittagshitze (33 Grad) suche ich Zuflucht in dem kleinen Park am Fischteich. Dieser Tümpel, in dem lebhafte, dunkelhäutige Fische den ganzen Tag damit beschäftigt sind, nicht zusammen zu stossen, ist nicht nur im Stadtwappen verewigt, sondern geht auf eine Erzählung zurück. Abraham, der auch im Islam als grosser Prophet verehrt wird, wurde vom assyrische König Nimrod gefangen genommen und sollte auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden. Gott aber verwandelte das Feuer in Wasser (Teich) und die glühende Kohle in Fische.

Rings um den Teich haben Restaurants und Teestuben ihre Tische aufgestellt. Man muss allerdings aufpassen, wohin man sich setzt. Als ich forsch auf einen freistehenden Tisch zugehe, geraten die Kellner in einen mittelgrossen Aufruhr. Es stellt sich heraus, dass ich in den "Familienbereich" hineingeraten bin, der Frauen und Kindern (meist in Begleitung des Mannes oder Vaters) vorbehalten ist. Um die anwesenden Frauen nicht in Gefahr zu bringen, siedele ich auf die andere Seite des Teiches über.

Ibrahim Tatlises ist der populärste Sohn der Stadt, lese ich bei einem Glas Tee im Schatten der Bäume. Die Legende (bei diesem Übermass an Legenden in dieser Gegend wird man auch als Journalist müde, noch zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden zu wollen) will es, dass er entdeckt wurde, als er nach getaner schwerer Arbeit ebenfalls über einem Glas Tee ein Liedchen sang. Seine Stimme ist Gold, nicht nur in den Ohren seiner Fans, sondern auch für ihn und seine Plattenfirma. Er ist ein reicher Mann geworden, besitzt eine Restaurant- und eine Hotelkette, eine Fernsehshow und ein Busunternehmen. Dass er vor einigen Jahren seine Freundin windelweich geschlagen haben soll, hat seiner Beliebtheit kaum Abbruch getan.

ErdbeerverkäuferAlso kaufe ich mir von einem der Strassenhändler eine Musikkassette von Tatlises. Wenn der Sänger über den Verkaufspreis diese Kassetten seinen Reichtum erzielt hat, dann muss jeder Türke, Baby oder Grossmutter, mindestens zwei davon im Schrank haben, denn der Händler verlangt nicht mehr als 2 Mark 80. Ich zahle ohne zu handeln.

Ich hasse Handeln. Ich finde es kleinkrämerisch um Pfennige zu feilschen. Leute, deren ganzes Leben auf das nächste Schnäppchen ausgerichtet ist, finde ich abstossend. Statt einem Brett eine Rabattmarke vor dem Kopf. Und auf was soll ich diesen armen Strassenhändler herunterhandeln? Auf die Hälfte, 1 Mark 40, wie es die Reiseführer empfehlen? Wieviel mag der gute Mann am Tag verdienen? Die Differenz entspricht ja schon dem Preis des Zigarillos, den ich während meines Einkaufes rauche. Es gibt Grenzen des Anstandes.

Auf der anderen Seite will ich auch respektiert werden. Jemandem etwas zu einem überhöhten Preis anzudrehen, bedeutet ihn nicht ernst zu nehmen. Ich will nicht der Trottel sein, von dem es unter allen Strassenhändlern der Stadt heisst, der Idiot bezahlt jeden Preis. Ich kann mir das Feixen hinter meinem Rücken lebhaft vorstellen.

Ich brauche noch einen Kassettenrecorder, um die Tatlises Kassette auch anhören zu können. Ein Stück die Strasse hinauf steht ein weiterer Verkaufsstand, der neben Kugelschreibern, Feuerzeugen, Rasierschaum und Kaugummis auch Radios und Recorder anbietet. Es sind keine Geräte bekannter Marken, sondern Billigware aus Südostasien. Aber ich habe keine Probleme mit Artikeln aus China oder Thailand. Vor einem Jahr habe ich mir in Albanien einen chinesischen Weltempfänger für 15 Mark gekauft, der immer noch prima funktioniert.

Der Händler verlangt 20 Mark für einen Stereorecorder mit eingebautem Radioteil von der Firma SONYA. Das Gerat ist aus Plastik, die Bedienungsknöpfe sehen recht sensibel aus, aber was will man für 20 Mark schon verlangen.

VerkaufststandDennoch. Es geht um den Respekt. Ich versuche den Eindruck zu machen, dass ich den Preis für eine schlichte Beleidigung halte. 8 Mark (damit habe ich noch ein wenig Vehandlungsspielraum nach oben) sei das Gerät allenfalls wert und keine türkischen Lira mehr. Nun ist der Händler empört, führt mit demonstrativ die wunderschönen Knöpfe, die Anschlussbuchsen und die Radioskala vor, zeigt aber Bereitschaft, 2 Mark im Preis nachzulassen und sogar noch ein Paar zerbrechliche Plastikkopfhörer dazu zu legen.

Wir waren gar nicht mehr weit von der von beiden Seiten angestrebten Marke von 12 Mark entfernt, als sich Sahin als Dolmetscher an meine Seite stellte. Sahin spricht recht gutes Englisch und arbeitet die Hälfte des Jahres als Fotograf, der Schulklassen fotografiert. Die Eltern zahlen jeweils für die Abzüge von ihren Sprösslingen.

Er ist an meiner digitalen Kamera interessiert, die mir von der Schulter baumelt, und der Kassettenrecorder ist vergessen. Wir gehen Tee trinken und er stellt mir seine beiden Freunde vor, die gerade ihren Wehrdienst ableisten. Auch Sahin hat in der türkischen Armee gedient. Er war in Sirnak nahe der irakischen Grenze stationiert. Damals, vor gut einem Jahr, war Sirnak eines der Zentren der bewaffneten Auseinandersetzungen mt der PKK, aber nach der Festnahme von Öcalan habe sich die Situation beruhigt. Einige seiner Freunde seien bei Anschlägen verwundet worden.

SahinIn Sanliurfa, so Sahin, lebten Kurden und Türken im allgemeinen friedlich zusammen. Obwohl - die Kurden hätten ihren eigenen Weg. Es sei nicht immer einfach mit ihnen. Ja, Sanliurfa sei eine sehr religiöse, eine sehr geschlossene Stadt. Sie lebe noch in alten Traditionen. Das müsse sich ändern, wenn die Türkei in die Europäische Union aufgenommen werde, denn das sei für ihn klar, die Türkei müsse sich zum Westen hin orientieren.

Als ich ihn nach "human rights" frage, versteht er den Ausdruck nicht. Ich versuche es zur Erklärung mit "Amnesty International". Hat er nie von gehört.

Wir trennen uns freundschaftlich und tauschen Email-Adressen aus. Er habe eine Freundin in England, erzählt er mir noch zum Abschluss, die ihn im Sommer besuchen werde.

Wieder auf der Strasse versuche ich es erneut mit einem Kassettenrecorder. Sahin hatte mir verraten, dass 10 Mark ein fairer Preis sei. Also erkläre ich dem nächsten Händler mit fester Stimme, "ten Deutschmarks or no deal". Was auch immer er mir erklären will, ich bleibe stoisch bei "ten Deutschmarks or no deal".

Schliesslich willigt mein Kontrahent ein. Ich bin stolz auf mich. Ich habe gewonnen!

Als ausgefuchster Einkäufer asiatischer Billigwaren auf türkischen Märkten lasse ich mir sogar noch die Funktionsfähigkeit des Gerätes vorführen und zum Test eine Probekassette einlegen. Alles funktioniert prächtig. Die Batterien und den Kopfhörer lehne ich grosszügig ab.

Im Hotel schiebe ich die Tatlises Kassette in das neu erstandene Gerät. Die Stimme des gepriesenen Sängers klingt wie das Klagen einer kastrierten Micky Mouse. Entweder ist die Kassette eine billige Raubkopie oder der Rekorder läuft mit der falschen Geschwindigkeit.

Wahrscheinlich hätte ich mir jetzt betrogen vorkommen sollen. Es gelingt mir aber nicht.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000