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Alt wie der allgegenwärtige Staub

15. April 2000

Panorama SanliurfaSanliurfa ist eine alte, eine uralte Stadt. Wahrscheinlich genauso alt wie der allgegenwärtige Staub, gegen den ihre Bewohner täglich mit Giesskannen und dem Versprengen von Wasser ankämpfen. Mit Sicherheit älter als die Burg, die im Süden auf einem Hügel über der Stadt thront.

Es wird geschätzt, dass bereits 3.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung eine Befestigungsanlage auf dem selben Hügel gebaut wurde, auf dem heute in den resten der Mauer noch zwei phönizische Säulen stehen. Von dort hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt, einer Ansammlung von sandig-braunen, eng in einander verschachtelten Häusern.

Die Legende will es, dass Sanliurfa einst vom biblischen König Nimrod gegründet wurde. "Sanliurfa ist die älteste Stadt in der Türkei", behauptet ein Leiter einer Reisegruppe, mit dem ich in der Hotellobby einen Tee trinke. Ich weiss keinen guten Grund, ihm zu widersprechen.

Laut einer anderen Legende soll der Prophet Abraham hier geboren sein. Eine grosse Moschee, mehrere Koranschulen und ein gepflegter Park sollen heute daran erinnern. Vor dem Tor der Stadt entfernt soll Eyüp, ein Heerführer des Propheten Mohammed, auf seinem Weg zum Angriff auf Konstantinopel erkrankt und durch einen Schluck aus einer Quelle wieder gesundet sein.

Auf dem Weg durch die Altstadt wäre ich nicht überrascht gewesen, Altstadt Sanliurfaeinem Abgesandten des Propheten, einem Selschuken oder einem ottomanischen Pascha zu begegnen. Zwischen den hohen Steinmauern, in die nur gelegentlich eine Tür eingelassen ist, führt ein Labyrinth schmaler Gassen. Ein Pferdewagen kommt mir entgegen. Durch einen kleinen, überdachten Gang komme ich in den Vorhof einer Moschee, die ich von Aussen nicht erkannt habe. Schilder an einigen Türen in arabischer Schrift weisen auf islamische Vereinigungen hin.

Sanliurfa ist ein Vielvölkergemisch. Auf der Strasse sind viele Kurden mit ihren weissen oder rot-karierten Kopftüchern und Pumphosen zu sehen. Araber mit schwarzen Umhängen gehen vorbei. Frauen tragen Schleier, die den Mund, das halbe oder auch das ganze Gesicht verdecken. Sie tragen braune Umhänge, mit einer gestickten weiss-roten Bordüre, einen schwarzen Chador oder Tätowierungen im Gesicht.

Die Grenze zu Syrien ist nur 50 Kilometer entfernt und Syrer wie Irakis kommen in die Stadt, um Geschäfte zu machen.

OsmanIm allgemeinen würden Kurden und Türken friedlich zusammenleben, versichert mir Osman, ein Kurde, der mich an der Burg angesprochen habe. Gelegentlich gebe es schon Probleme, aber sein Englisch reicht nicht aus, um mir zu erklären, um welche Probleme es sich dabei gehandelt habe. Auf jeden Fall sei es in den letzten beiden Jahren besser geworden.

Sanliurfa ist eine Stadt des Handels. Seit alters her liegt die Stadt am Schnittpunkt verschiedener Handelswege. Noch heute sind die alten Karawansereien erhalten, in denen die Reisenden Unterkunft fanden. In dem Gassengewirr des Basars werden Gewürze, Schafsfelle, Sättel, Kupferwaren, Putzwolle, Schuhe, Waschmaschinen, Elektrostecker, Fleisch, rätselhafte Pulver, Schreibwaren, Taschen, Socken, Betttücher und mehr verkauft. Es gibt Datteln, Feigen und frisch geröstete Pistazien neben Petersilie und Berge von Tomaten, Gurken und Apfelsinen.

Sanliurfa ist eine laute Stadt. Es wirlt und quirlt. Menschen schieben sich aneinander vorbei. Die Busse und Motorräder knattern. An den Haltestelle rufen junge Männer die Fahrziele der überfüllten Busse aus. Aus den Restaurants und Teestuben ertönt türkische und arabische Musik. Von den Minaretten wird zum Gebet gerufen. Polizisten fordern aus ihren Autos heraus per Lautsprecher Verkehrssünder zum Anhalten auf. Schuster und Kupferschmiede hämmern und klappern.

Basar SanliurfaSanliurfa kommt meinem Klischee von einer orientalischen Stadt sehr nah. Gleichzeitig ist Sanliurfa eine moderne Stadt. Auf den Hauptstrasse reihen sich die Banken, vor deren Geldmaschinen die Kunden Schlange stehen. Männer mit gegerbten Gesichtern stehen am Strassenrand und sprechen in ihre Handies. Junge Mädchen in engen Jeans und mit Plateau-Schuhen gehen vorbei. An Schaufensterscheiben kleben die Logos von Kreditkartengesellschaften und in vielen Büros stehen Computer.

Es ist heiss. Am Tag war es 34 Grad. Um Mitternacht hat es sich auf 26 Grad abgekühlt.

Über der Stadt liegt der Geruch von Holzkohle. Noch immer brennen die kleinen Grills, die neben einem kleinen Tisch und ein paar Stühlen als fliegendes Restaurant auf dem Bürgersteig aufgebaut werden.

Ich liege auf meinem Bett und warte, dass der Lärm ein wenig nachlässt, damit ich einschlafen kann.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000