Ich
machte mich auf den Weg nach Adana - und bin in Sanliurfa angekommen.
Die Türkei besitzt ein nur spärlich ausgebautes Eisenbahnnetz,
aber es gibt keinen Ort in diesem Land, der nicht per Bus zu erreichen
wäre.
Der Busbahnhof von Antalya, ein grosszügiges, modernes
Gebäude, liegt vier Kilometer nördlich vom Stadtzentrum entfernt und
bietet für recht geringe Preise Busfahrten in alle grösseren Städte
bietet. Das 550 Kilometer entfernte Ankara erreicht man etwa 28 DM in
acht Stunden. Die Fahrt nach Istanbul (725 Kilometer) dauert 12 Stunden
und kostet etwa 40 DM.
Ich hatte mich als Fahrziel für Adana entschieden, eine
Stadt mit 1,6 Millionen Einwohnern, die in dem Schnittpunkt liegt, wo
die west-östliche türkische Mittelmeerküste auf die nord- südlich verlaufende
syrische Küste stösst. Eine elfstünde Busfahrt ("Mercedes-Benz! Mercedes-Benz"
wird der Verkaufsagent nicht müde zu betonen, als er mich als Deutschen
ausgemacht hatte) und einen 555 Kilometer weiten Sprung näher an den
Kaukasus, erschien mir eine verträgliche Tagesdistanz.
Die Busroute führt eng an der Küstenlinie entlang. Schon
kurz hinter Antalya beginnt ein gut 60 Kilometer langes touristisches
Industriegebiet. Auf dem kleinen Streifen zwischen starkbefahrener Hauptstrasse
und schmalem Sandstrand reiht sich dicht an dicht ein Hotelklotz an
den anderen. Keine Baulücke war zu klein für ein weiteres Hotel oder
Touristendorf. Die klanghaften Namen wie "Hotel Pascha", "Orchidee"
oder "Paradies" gleichen den Versuchen, saure Milch als heilsames Erfrischungsgetränk
zu verkaufen.
Nach knapp zwei Stunden beginnt der Bus auf engen Serpentinen
die Bege hinauf- und wieder hinunter zu fahren. Von oben kann man kleine
Bananplantagen sehen, die auf Felsvorsprüngen angelegt wurden. In den
etwas grösseren Tälern werden unter Plastikdächern Tomaten und Gurken
angepflanzt. Immer wieder quält sich vor uns ein mit Gemüse überladender,
ächzender Kleinlastwagen den steilen Berg hinauf.
An den Hängen der Steilküste sind vereinzelte Häuser zu
sehen. Die Bauten sind recht schlicht und wirken manchmal, als wäre
man nicht mehr dazu gekommen, noch die Aussenwand zu verputzen oder
Fenster einzusetzen. Aber wer dort wohnt besitzt einen grandiosen Blick
auf das Mittelmeer unter ihnen und die herabsinkende Sonne.
Gegen 19:30 wird es dunkel. Vom Meer her steigt leichter
Nebel auf. Die kräftigen Farben werden blasser und bald sind nur noch
Lichter in der Dunkelheit zu erkennen. Obwohl nur ein gutes Viertel
der Plätze im Bus besetzt ist, hat sich Kazir neben mich gesetzt und
versucht eine Unterhaltung zu beginnen. Er fährt nach Van und hat zwei
Kinder. Besser: wahrscheinlich fuhr er nach Van und wahrscheinlich hat
er zwei Kinder, denn wir reden zwar miteinander, verstehen aber beide
kaum ein Wort. Ich versuche es auf Deutsch und auf Englisch. Kazir spricht
wahrscheinlich Türkisch gesprochen, obwohl auch Worte wie "Okay" und
"Danke" darin vorkommen. Er lässt sich auch nicht davon irritieren,
dass wir ständig aneinander vorbeireden, sondern plaudert und plaudert
fröhlich weiter.
Anfangs ging er mir damit auf die Nerven, aber mit der
Zeit fing ich an, ihn einfach als einen sehr freundlichen Menschen zu
begreifen, der sich eines Fremden annahm. Und so reden wir stundenlang
weiter. Ich erzähle von den Dingen, die mir gerade so durch den Kopf
gehen: vom Busfahren, von den Eisenbahnen in Deutschland, vom Fussball,
von den türkischen Läden in der Nachbarschaft. Kazir hört mir aufmerksam
zu und erzählt wiederum mir etwas. Fragen zu stellen haben wir allerdings
bald aufgehört. Das führte nur zu Missverständnissen.
Kurz vor Mersin geraten wir in eine Polizeikontrolle.
Beamte mit übergehängter Maschinenpistole steigen in den Bus und werfen
mit unbewegter Mine einen Blick auf unsere Pässe. Keine weiteren Vorkommnisse.
Bei der ersten Rast nach fünfeinhalb Stunden (in türkischen
Bussen darf nicht geraucht werden, woran sich bis auf den Fahrer auch
jeder hält) entdecke ich, dass vorne am Bus als Fahrtziel nicht Adana
sondern Van angeben ist, was 950 Kilometer hinter Adana liegt.
Ich kalkuliere, dass wir wahrscheinlich kurz nach Mitternacht
in Adana eintreffen werden, was nicht unbedingt der günstigste Zeitpunkt
ist, in einer fremden Stadt mit schwerem Gepäck ein Hotelzimmer zu suchen.
Also verlängere ich nach einigen Verständnisschwierigkeiten beim Buspersonal
meinen Fahrschein bis Sanliurfa, von wo aus es nicht mehr weit bis zur
Eisenbahn entlang der syrischen Grenze ist.
Eingelullt vom bässernen Brummen des Busses verfalle ich
immer wieder in einen kleinen Schlaf, aus dem ich wieder aufschrecke,
wenn der Rücken oder der Nacken zu sehr schmerzt.
Es ist 6 Uhr morgens, als der Bus scheinbar mühelos eine
schnurgerade Strasse, die bis zum Horizont bergauf führt, entlang fährt.
Am Gipfel angekommen liegt vor uns in einer Senke die alte Pilgerstadt
Sanliurfa unter einem klaren, blauen Himmel.
Am Busbahn versuche ich mit den Taxifahrern einen fairen
Preis für die Fahrt in das Zentrum auszuhandeln. Als ich mich schliesslich
mit einem stoppelbärtigen Mann in abgewetzter Anzugsjacke geeinigt habe,
signalisiert er mir, nein, nein, wir fahren nicht mit einem Auto, sondern
mit einem "Russ Motor". Dieser russische Motor stellt sich als ein altertümliches
Motorrad mit Beiwagen heraus. Mein Gepäck kommt in den Beiwagen, ich
auf den Rücksitz.
Es ist noch ein wenig frisch für eine Fahrt auf einem
Motorrad, aber der kühle Wind macht mich wach. Schnell wird klar, wie
der überaus günstige Fahrpreis zustande kommt. Mein "Russ Motor" fährt
nicht entlang der regulären Strassen sondern über Felder und Wiesen
Luftlinie direkt zum Ziel.
Auf dem Rücksitz glaube ich unter dem Motorenlärm meinen
Fahrer singen zu hören.
Eyvallah
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