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Bandwurmsprache

13. April 2000

Hafen von AntalyaFür eine solch lange Strecke geht es mit meiner Reise ziemlich langsam voran. Gut, ich gebe zu, heute war es allein meine Schuld.

Nach einer unruhigen Nacht und nach der wundersamen Wiederherstellung des Kontaktes mit der Online-Welt, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein Bad im Swimmingpool meines Hotels zu nehmen. Die sorgsame Pflege, die Mustafa diesem Pool jeden Tag zu Teil werden lässt, ist es fast schon eine moralische Verpflichtung, ihn auch zu benutzen.

Eigentlich wollte ich danach mit dem Bus 550 Kilometer weiter Richtung Osten bis Adana fahren. Eigentlich. Aber es war bereits nach Mittag und die Fahrt dauert 11 Stunden. Nach dem Baden war mir mehr nach einem Mittagessen als nach einem vollgepackten Bus, der sich in Staub und zunehmender Hitze die Serpentinen heraufquält.

So habe ich mir die Zeit zu einem ausführlichen Bummel durch Antalya genommen und in einem Cafe mit Blick auf den alten Hafen versucht, meinen sprachlichen Analphabetismus ein wenig zu lindern.

"Auch wenn sich das Türkische für deutsche Ohren erstmals sehr merkwürdig anhört - es ist doch ziemlich einfach, türkische Worte einigemassen richtig, d.h. verständlich auszusprechen", ermutigt mich im Eingangskapitel mein kleiner Sprachführer. Man muss nur wissen wie. Das "c" mit dem kleinen Häkchen unten kommt im deutschen Alphabet ebenso wenig vor wie das "i" mit dem fehlenden Punkt. Das "c" (ohne Häkchen), das "e" sowie sieben weitere Buchstaben werden auf türkisch anders ausgesprochen als auf deutsch. Bleiben eigentlich nicht mehr viele Buchstaben, die beide Sprachen gleich aussprechen.

Türkische Polizeimützen"Türkisch - die Bandwurmsprache" lautet die Überschrift zum zweiten Kapitel, was ich noch weit weniger ermutigend finde. Viele Informationen, die im Deutschen durch eigene Worte ausgedrückt werden, sind im Türkischen in Nachsilben enthalten, die an einen Wortstamm angehängt werden. Beispiel: "gel-e-me-y-ecek-se-m" heisst Wort für Wort übersetzt "kommen- können-nicht-Zukunft-wenn-ich" (das "y" hat keine Bedeutung, sondern trennt nur zwei Vokale). Gemeint ist: Wenn ich nicht kommen kann.

Meine Bereitschaft, meinem türkischen Lebensmittelhändler in Bremen seinen etwas groben Umgang mit der deutschen Grammatik nachzusehen, wuchs um ein Vielfaches, und ich beschloss, es für den Anfang bei ein paar Redewendungen zu belassen. "Iyi gün-ler" fuer "Guten Tag" oder "Hesap, lüften!" für "Die Rechnung bitte!" Und auf jeden Fall noch "Rahat-siz et-me beni" (Lass mich in Ruhe!) als Abwehrmittel gegen die aufdringlichen Strassenhändler, die mit allen Tricks und Kniffen versuchen, den arglosen Passanten in ein Gespräch zu verwickeln.

Eugen (ausgesprochen "Judschen"), ein Mann mit einem Kopf wie eine Bowlingkugel und erstaunlich dünnen, sehr einsamen Zähnen, näherte sich mir dagegen äusserst zurückhaltend. Er war einer der Kellner in dem Restaurant, in dem ich zu Abend ass. Etwas schüchtern fragte er mich auf Englisch, woher ich komme, wie es mir gehe und wie mir die Türkei gefalle. Er selbst stammt aus einer Stadt 250 Kilometer von Bukarest entfernt. Von Beruf ist er Schiffbauingenieur, aber seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Rumänien liegt auch der Schiffbau darnieder. Eine Zeitlang hat er in der Ukraine gelebt, eine Russin geheiratet, die vor drei Jahren gestorben ist, und nun versucht er seit einem Jahr sein Glück in der Türkei.

In der Türkei seien die wirtschaftlichen Möglichkeiten viel besser, und deshalb kämen viele Rumänen, Bulgaren und Ukrainer hierher. Deutschland wäre natürlich noch besser, aber fuer die Türkei benötigten sie kein Visum.

Richtig glücklich ist Eugen in Antalya aber nicht. Als Kellner verdient er rund 400 DM im Monat, wovon 220 DM allein für die Miete wieder abgehen. Zudem muss er seine Tochter, die bei seiner Mutter in Rumänien lebt, finanziell unterstützen. Er würde gern nach Israel weiterziehen, aber das Viusm dort koste 1200 DM.

PopkulturDie Türken hält Eugen für ein kulturloses Volk. Er könne mit keinem seiner Kellnerkollegen über Literatur, Theater oder Malerei reden. Erstaunt vergesse ich zu fragen, ob denn die Kellner in Rumänien in ihrer Pause über Dostojewski und Shakespear diskutieren.

Von seinem knappen Einkommen hat Eugen sich vor kurzem eine gebrauchte Schreibmaschine für 90 DM gekauft. Er schreibt an einem Buch, das sein Leben schildern soll. Titel: "Ein Fremder in einem fremden Land".

Ich hinterliess ihm meine Adresse, damit er mir nach Fertigstellung eine Kopie seines Manuskriptes schicken kann. Er dankte mir mein Interesse mit einem Raki auf Kosten des Hauses.

 

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000