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Suche nach Anschluss

12. April 2000

Bilal"In der Türkei lassen sich alle Probleme lösen", versichert mir Bilal, der mit seinen glatten Haaren, die er sich hinter die Ohren klemmt, und seinem schlotterigen Pullover wie ein stoppelbärtiger tschechischer Intelektueller in den 70er Jahren aussieht. "Wenn ich zum Vater eines Mädchens gehe, und um die Erlaubnis bitte, das Mädchen heiraten zu dürfen, wird er nein sagen. Ich besitze nicht genug und verdiene nicht genug. Ein Vater wird mir seine Tochter nicht zur Heirat geben. Aber" - in seinem Gesicht erscheint ein schelmisches Grinsen - "ich kann mich nachts in das Haus des Mädchens schleichen, das Mädchen entführen und es dann heiraten."

Bilal ist Besitzer des "Funky Internet Chat Cafes" in Antalya. Am Anfang war ich noch froh, überhaupt ein Internetcafe gefunden zu haben, aber je länger ich in der Stadt herumlaufe, um so mehr entdecke ich. Anders als in den Cafes, die ich kenne, surft man in Antalya aber an den Computern nicht durch das Netz, sondern die Rechner werden dazu genutzt, um den Kampf gegen die Bösewichter dieser Welt zu führen. Auf allen Rechnern ist das selbe Spiel installiert, bei dem mit stoischer Entschlossenheit auf alles geschossen wird, was vor den Lauf der Pistole gerät.

Bilal versichert mir aber gleich, als er mich ein wenig irritiert am Eingang stehen sieht, dass er auch mein Problem lösen könne. Ich will nicht heiraten, sondern mein Laptop versagt seinen Dienst. Genauer: ich komme nicht ins Internet. In Bremen hatten mir die Techniker noch versichert, alles sei ordnungsgemäss installiert, aber in Antalya meldet das widerborstige Ding mal, das Modem sei nicht angeschlossen, mal dass der Rechner auf der anderen Seite nicht antworte. All meine Fummeleien mit der Systemsteuerung, den DFÜ-Einstellungen oder den Übertragungsprotokolle helfen nicht, die Schwierigkeiten zu überwinden.

Funky Internet CafeAlso versuche ich es mit Bilals Hilfe, an meine Email zu kommen und meine eigenen Texte nach Bremen zu verschicken. Tatsächlich gelingt es, sich ins Netz einzuwählen, aber meine Begeisterung schmilzt schneller als es dem Rechner gelingt, die erste Seite aufzurufen. Nach knapp 40 Minuten erscheint tatsächlich auf meinem Bildschirm die Liste der für mich eingegangenen Email, aber als ich die erste Nachricht lesen will, bleibt der Computer stecken.

Beim zweiten Versuch verzichte ich darauf, lesen zu wollen, was andere mir mitteilen. Ich schreibe den Bericht meines ersten Reisetages, aber als ich auf den "Send"-Knopf drücke, stürzt der Computer erneut ab.

Bilal ist nicht weniger entsetzt als ich. Immer wieder versichert er mir "morgens ist es viel schneller. Am Nachmittag sind alle Leitungen überlastet."

Nur die Panik, gleich am ersten Tag den versprochenen täglichen (!) Reisebericht nicht liefern zu können, treibt mich dazu, es noch einmal zu versuchen. Nach einer weiteren Stunde verschwindet mein Text erneut in den Abgründen der virtuellen Welt.

"Das türkische Internet ist ein Problem", kommentiert Bilal mit traurigem Blick. Auch ich bin jetzt bereit, alles, was vor meine Flinte kommt, umzulegen.

Da es in der Türkei aber für jedes Problem eine Lösung gibt, versuchen wir einen anderen Weg.

Für 10 US Dollar (Computerartikel müssen wegen der schwachen türkischen Währung in US Dollar bezahlt werden) kaufen wir eine "Box". Der Karton enthält eine CD mit verschiedenen Programmen für das Internet, ein kleines Handbuch, ein Mauspad, ein paar Aufkleber und einen Zettel mit einer Kundennummer. Ich rufe eine freundliche weibliche Stimme an, die mich in perfektem Englisch nach dieser Kundennummer fragt, mir ein Password, einen Benutzernamen und eine örtliche Einwahlnummer zuteilt. Für einen Monat bin ich nun Kunde bei einem türkischen Internetservice.

Aber mein Laptop mag sich auch mit dieser Lösung nicht anzufreunden. Nun funktioniert das Modem zwar bei jedem Einwahlversuch reibungslos, aber eine Verbindung zum Rechner am anderen Ende der Telefonleitung kommt dennoch nicht zustande.

Nach mehr als fünf Stunden geben wir schliesslich auf. Offensichtlich ist es doch leichter eine Frau gegen den Willen ihres Vaters zu heiraten, als Email zu verschicken.

In der Nacht werde ich mehrfach vom Klingeln des Telefons geweckt. Wenn ich abnehme, ist nichts als ein heftiges elektronisches Gewitter und ein böses, knatterndes Fauchen zu hören.

Ich träume davon, dass sich der beleidigte Computer meines neuen türkischen Providers für meine Dummheit, keinen Kontakt mit ihm aufnehmen zu können, bei mir rächt.

Am Morgen beim Frühstück erzählt mir Mustafa, der Hotelbesitzer, es habe in der Nacht Schwierigkeiten mit dem Strom gegeben. Die Telefone hätten verrückt gespielt. Vielleicht hätten ja auch die Schwierigkeiten mit meinem Computer mit dem Strom zu tun.

Aller Vernunft zum Trotz versuche ich es noch einmal. Als ich auf den Knopf für "Verbinden" drücke, ist zum ersten Mal tatsächlich ein Leitungston zu hören. Es biept und zischt und der Monitor zeigt an "Verbindung hergestellt".

Problem gelöst.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000