Ankunft in Antalya

11. April 2000

Blick aus dem HotelDas Flugzeug befand sich noch irgendwo über Rumänien als das kleinste der vier Kinder zum ersten Mal fragte "Wie lange noch?" "Eine Stunde noch", antwortete sein Vater, und der Sohn gab sich mit der Auskunft zufrieden.

Kaum eine Viertelstunde später die selbe Frage noch einmal: "Papa, wie lange noch?" und wieder die Antwort "Noch eine Stunde" und alle zehn bis zwanzig Minuten stellt er erneut seine ungeduldige Antwort und erhielt die selbe Antwort. Vor lauter Aufregung schien es dem Jungen nicht aufzufallen, dass die Zeit eingefroren zu sein schien und das Flugzeug am Himmel festgeklebt war.

Mit seinen sechs oder sieben Jahren flog der Junge das erste Mal in seinem Leben und er freute sich vor allem auf das Meer und die gigantische Rutschbahn, die in einem Werbefilm auf den Monitoren über unseren Sitzen zu sehen war. Seine Familie lebt in Oldenburg und untereinander sprechen sie Deutsch. Auch der Vater sprach, wenn auch mit deutlichem Akzent, mit den anderen türkischen Mitreisenden im Sun Express von Lübeck über Bremen nach Antalya deutsch.

Als das Zeichen zum Anschnallen aufleuchtete und die Lautsprecherstimme dazu aufforderte, die Sitze senkrecht zu stellen, wurde dem Jungen klar, dass unser Ziel nicht mehr weit entfernt sein konnte. Irritierend fand er allerdings die Nachricht, dass wir uns jetzt in der Türkei befinden. "Aber Papa, wir sind nur Kurden", fuhr es mit leichtem Schrecken aus ihm heraus. - "Das macht nichts. Wir sind auch Menschen."

Einen grösseren Schrecken noch lösste bei den vier jungen deutschen Touristen auf den beiden Sitzreihen vor mir die Mitteilung aus, dass die Aussentemperatur in Antalya nur 16 Grad betrage. Sie mussten einen Urlaub mit Sonne und Meer gebucht und von blauem Himmel und strahlender Sonne geträumt haben. Nun hatten sich die Versprechungen des Reiseprospektes schon bei der Ankunft nicht erfüllt.

Antalya ist das Einfallstor für die Urlauber an der türkischen Mittelmeerküste. Der Flughafen ist der geschäftigste entlang der gesamten Küste. Die Abfertigung in dem modernen Flughafengebäude verläuft routiniert und zügig.

Nur ich gelangte an einen Grenzbeamten, der mehr als gründlich meinen abgegriffenen Reisepass musterte. Der schlechte äussere Zustand meines Ausweises missfiel ihm. In irgendeiner Botschaft, zu der ich das Reisedokument zur Ausstellung eines der vielen Visa, die ich für diese Reise benötige, geschickt habe, war ein Stück der dunkelroten Textilbeschichtung abhanden gekommen. So schaut nun am Rücken ein weisser Streifen hervor, aber bis auf diesen kleinen Schönheitsfehler ist eigentlich nichts auszusetzen.

"Ausweis" forderte mich der Grenzbeamte auf Deutsch immer wieder auf. Meinen Einwand, dies sei mein Ausweis, auch wenn er nicht im besten Zustand sei, verstand er entweder nicht oder er fand ihn nicht zufriedenstellend. Kollegen wurden herbeigerufen und geinsam untersuchte man ausführlich die Fadenheftung, zählte man die Seiten des Ausweises und studierte man die russischen und weissrussischen Visa sowie die etwas verschmierten sudanesischen Stempel im Inneren.

Ich war mittlerweile der einzige Reisende in der grossräumigen Abfertigungshalle. Offensichtlich war ein Vorgesetzter herbeigerufen worden, aber es tat sich nichts. Im Dienstbüro der Grenzbeamten, das durch ein grosses Fenster von der Halle abgetrennt war, trank man Tee und schenkte meinem Fall keine weitere Aufmerksamkeit.

Als schliesslich eine neue Flugzeugladung Reisender im Kampf um den besten Platz auf die Kabinen der Grenzkontrolle zustürmte, gab der gute Mann auf. Ohne äussere Regung knallte er seinen Stempel auf eine freie Seite und schob mir den Pass wieder zu, wobei er demonstrativ in eine andere Richtung schaute.

Für die vielen Geräte, die ich bei mir habe, und die diversen Ein- und Ausfuhrpapiere, für die wir uns in Bremen noch in letzter Minute die Hacken abgerannt hatten, interessierte sich kein Mensch.

Das touristische Kernstück von Antalya ist die Altstadt mit dem Hafen. Vor fast 4000 Jahren wurde hier die Stadt gegründet und der Hafen war der Ausgangspunkt für den Handel mit den Ägyptern, Griechen und Römern. Inzwischen wurde 12 Kilometer westlich eine neue, modernere Umschlagsanlage gebaut, und der alte Hafen wird nur noch von Yachten und Ausflugsbooten genutzt, die Tagesausflüge zu den Sehenswürdigkeiten an der Küste anbieten.

Alle Boote liegen am Kai fest und die Besatzungen stehen rauchend und plaudernd am Ufer. Auch in den Restaurants und Cafes entlang der Anleger sind nur ganz vereinzelt Tische besetzt. In den engen Strassen der Altstadt, die vom Hafen das Steilufer hinauf zum Zentrum der Stadt führen, wird überall gewerkelt und gebastelt. Glühbirnen an den Verkaufsständen für türkisches Kunsthandwerk, Postkarten und allerlei Kitsch werden ausgewechselt und neue Regale angebracht. Die Teppichhändler bürsten ihre Ware aus, die Keramikhändler putzen Staub. Die Stadt wartet auf ihre Touristen.

Erstes Essen"Die Saison beginnt so am 14. oder 15. April. Dann kommen die Deutschen und die Engländer", sagt Mustafa Tokel. Er ist der Besitzer des Hotels "Frankfurt", das er nach seiner Stiefmutter, einer Deutschen aus Frankfurt, benannt hat. Auch er ist damit beschäftigt, den kleinen Swimming Pool im Hinterhof zu säubern.

Von meinem Zimmer aus sehe ich, wie er Tische am Rand des Pools aufstellt und mit einem Netz Blätter aus dem Wasser fischt. Direkt vor meinem Fenster steht ein Orangenbaum mit leicht schrumpeligen Früchten.

Es ist 19 Uhr, durch die Zeitverschiebung eigentlich schon 20 Uhr. Zeit etwas zu essen.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000