| 11.
April 2000 - Ankunft in Antalya |
 Das
Flugzeug befand sich noch irgendwo über Rumänien als das
kleinste
der vier Kinder zum ersten Mal fragte "Wie lange noch?"
"Eine Stunde
noch", antwortete sein Vater, und der Sohn gab sich mit der
Auskunft
zufrieden. --> |
| 12.
April 2000 - Suche nach Anschluss |
"In
der Türkei lassen sich alle Probleme lösen", versichert
mir Bilal. "Wenn ich zum Vater eines Mädchens gehe, und
um die Erlaubnis bitte, das Mädchen heiraten zu dürfen,
wird er nein sagen. Ich besitze nicht genug und verdiene nicht genug.
Aber" - in seinem Gesicht erscheint ein schelmisches Grinsen
- "ich kann mich nachts in das Haus des Mädchens schleichen,
das Mädchen entführen und es dann heiraten." --> |
| 13.
April 2000 - Bandwurmsprache |
 Für
eine solch lange Strecke geht es mit meiner Reise ziemlich langsam
voran. Gut, ich gebe zu, heute war es allein meine Schuld.Nach
einer unruhigen Nacht und nach der wundersamen Wiederherstellung
des Kontaktes mit der Online-Welt, konnte ich der Versuchung nicht
widerstehen, ein Bad im Swimmingpool meines Hotels zu nehmen. Die
sorgsame Pflege, die Mustafa diesem Pool jeden Tag zu Teil werden
lässt, ist es fast schon eine moralische Verpflichtung, ihn
auch zu benutzen. --> |
| 14.
April 2000 - Touristische Industriegebiete |
Ich
machte mich auf den Weg nach Adana - und bin in Sanliurfa angekommen.
Die Busroute führt eng an der Küstenlinie entlang. Schon
kurz hinter Antalya beginnt ein gut 60 Kilometer langes touristisches
Industriegebiet. Auf dem kleinen Streifen zwischen starkbefahrener
Hauptstrasse und schmalem Sandstrand reiht sich dicht an dicht ein
Hotelklotz an den anderen. Die klanghaften Namen wie "Hotel Pascha",
"Orchidee" oder "Paradies" gleichen den Versuchen, saure Milch als
heilsames Erfrischungsgetränk zu verkaufen.
--> |
| 15.
April 2000 - Alt wie der allgegenwärtige Staub |
 Sanliurfa
ist eine alte, eine uralte Stadt. Wahrscheinlich genauso alt wie
der allgegenwärtige Staub, gegen den ihre Bewohner täglich
mit Giesskannen und dem Versprengen von Wasser ankämpfen. Mit
Sicherheit älter als die Burg, die im Süden auf einem
Hügel über der Stadt thront. --> |
| 16. April 2000 -
Sohn der Stadt |
Ibrahim
Tatlises ist der populärste Sohn der Stadt, lese ich bei einem
Glas Tee im Schatten der Bäume. Die Legende will es, dass er
entdeckt wurde, als er nach getaner schwerer Arbeit ebenfalls über
einem Glas Tee ein Liedchen sang. Er ist ein reicher Mann geworden,
besitzt eine Restaurant- und eine Hotelkette, eine Fernsehshow und
ein Busunternehmen. Dass er vor einigen Jahren seine Freundin windelweich
geschlagen haben soll, hat seiner Beliebtheit kaum Abbruch getan.
Also kaufe ich mir von einem der Strassenhändler
eine Musikkassette von Tatlises. --> |
| 17. April 2000 - Bekanntschaften |
 Ich
bin im Begriff, in Sanliurfa einen Bekanntenkreis zu entwickeln.
Der kleine Junge aus dem Laden mit den Polizeimützen im Fenster
macht immer Faxen, wenn ich bei ihm vorbeikomme. In dem kleinen
Cafe, in dem ich morgens mein Büro einrichte, stellt mir der
Besitzer bereits ohne zu fragen ein Glas Milch mit Honig und einen
Teller Baklava auf den Tisch. --> |
| 18. April 2000 -
Als Spion enttarnt |
Es
hätte vielleicht eine sehr angenehme Zugfahrt werden können,
wenn ich nicht verhaftet worden wäre. Mit deutscher Pünktlichkeit
stehe ich um 11:45 am Bahnhof in Akcakale. Südlich der Gleise
liegt eine kleine türkische Grenzstation, hinter der Syrien
beginnt. Nördlich befindet sich die Bahnstation. --> |
| 19. April 2000 -
Drehscheibe des Schmuggels |
 Cizres
Bedeutung liegt eigentlich mehr in seinem Platz auf der Landkarte.
Der Irak ist weniger als 10 Kilometer entfernt. Der Kellner in dem
Restaurant, in dem ich mein Frühstück esse, erzählt
mir mit seinen wenigen Brocken Englisch, an machen Tagen könne
man am Himmel die amerikanischen und britischen Flugzeuge sehen,
die die Flugverbotszone über dem Nordirak kontrollieren. Das
halte ich zwar für wenig wahrscheinlich, aber die USA und Grossbritannien
führen tatsächlich immer noch ihren kleinen Zermürbungskrieg
gegen Saddam Hussein fort, indem sie fast jede Woche eine irakische
Luftabwehrstellung bombardieren - in Notwehr. --> |
| 20. April 2000 -
Von Cizre nach Sirnak |
Als
ich mein Abendessen bezahlen will, lehnt der Besitzer des Restaurants
mein Geld entschieden ab. Dies sei kurdische Gastfreundschaft. Er
bittet mich noch zu einem Tee. Ich sei der erste Tourist, geschweige
denn Journalist, den er seit dem Beginn der Kämpfe mit der
PKK vor 15 Jahren in Sirnak treffe. Wirtschaftlich sei die Situation
in dem Städtchen schwierig. Über die türkischen Soldaten
mag er nicht sprechen. Wer redet, bekomme schnell Schwierigkeiten.
Seit 15 Jahren habe er geschwiegen und sich damit viele Probleme
erspart. --> |
| 21. April 2000 -
Jähe Vollbremsung |
 Meine
Reise ist zu einem Stillstand gekommen. Keine jähe Vollbremsung,
sondern viele kleine Hindernisse, mal hier ein Rempler, mal dort
eine Verzögerung. Zum Schluss bedurfte es nur noch eines Hinhaltemanövers
und ich war gestrandet. --> |
| 22. April 2000 -
|
Es ist
ein strahlend klarer Sonnentag, alle Dinge sehr plastisch erscheinen
lässt. Der Berg auf der anderen Seite erscheint nur wenige
hundert Meter entfernt. Der Tanklastzug rollt abwärts auf der
erste kurdische Dorf zu. Wir passieren flache, an den Berg gelehnte,
aus Bruchsteinen gemauerte Häuser mit Flachdächern, auf
denen sich die Ziegen besonders wohl fühlen, um sich dann wieder
die nächste Steigung hinauf zu quälen. --> |
| 23. April 2000 -
Militär im Wiegeschritt |
 Auf
der Strasse vor dem Hotel zieht eine Musikkappelle in historischen
Kostümen vorbei. Die Männer haben sich buschige falsche
Schnurbärte angeklebt. Flankiert wird der Zug von zwei kräftigen
Männern in Kettenhemden mit Helm und Säbeln. Sie schauen
besonders finster. Die Prozession bewegt sich
in einer Art gestrecktem Wiegeschritt voran: vier, fünf Schritte
vorwärts, dann Stopp und gemeinsam dreht man sich mit einem
Schritt nach links um 90 Grad. Der Körper wiegt ein wenig hin
und her und kommt kurz zur Ruhe. --> |
| 24. April 2000 -
Jahrestag des Völkermordes |
Der 24.
April 2000 ist in Van ein Arbeitstag wieder jeder andere. Bereits
um 6 Uhr morgens werden lärmend die Metallrollos vor den Geschäften
hochgezogen. Die Baukrähne setzen sich in Bewegung, die Teestuben
stellen ihre Hocker heraus und die Schuhputzer machen sich auf die
Suche nach Kunden. Beim Frühstück bitte ich den Kellner,
für mich in den türkischen Zeitungen nach Artikeln über
den Völkermord zu suchen. Erst versteht er gar nicht, worüber
ich rede. Von einem Völkermord hat er nie etwas gehört.
Er blättert und sucht, kann aber nichts finden. --> |
| 25. April 2000 -
Von Van nach Dogubayazit |
 Er
sei noch nie in Deutschland gewesen. Als Lehrer habe er nur eine
Chance, ein Visum zu bekommen, wenn er eine Einladung aus Deutschland
besitze. Faust II habe er auch gelesen. Er habe gehört, dass
man Auerbachs Keller besichtigen könne. Ich
weiss, was jetzt kommen wird. Um ihm das unwürdige Bitten und
Betteln zu ersparen, komme ich ihm zuvor. Ich gebe ihm meine Email
Adresse und verspreche, mein Bestes zu versuchen. Auf
der Weiterfahrt sinne ich darüber nach, wie Konsularbeamte
es fertigbringen, einem solchen Menschen ein Visum zu verweigern.--> |
| 26. April 2000 -
Ararat |
Um 5
Uhr morgens ist der Himmel noch schiefergrau und der Ararat erscheint
als ein schwarzer Klotz im Dunkeln. Erst um 5:30 blitzt der erste
Schneeflecken an der Spitze in der Sonne. Mit
ihrem Aufstieg wird der Dunst immer deutlicher, der über der
Landschaft liegt. Die Konturen des Berges zeichnen sich immer klarer
ab und die Schneeflecken an der Spitze wachsen. Um
6:30 ist der Ararat in seiner ganzen majestätischen Schönheit
zu sehen. Unbedrängt steht der erloschene Vulkan allein auf
einem Plateau und reckt sich mehr als 4000 Meter in die Höhe.
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| 27. April 2000 -
Wasserfolter |
 Die
alten Hände walken, kneten, zerren, biegen, stauchen, zwicken,
pressen, massieren, reiben, klatschen, trommeln und drücken.
Ich weiss nicht, was ich beweisen will, aber aus irgendeinem dummen
Stolz heraus versuche ich mir die Torturen nicht anmerken zu lassen,
doch irgendwann gibt mein Körper einfach auf. Es hat keinen
Zweck. Der Alte ist nicht zu besiegen. Seither lässt der Schmerz
nach. Wärme bereitet sich von meiner Bauchmitte her aus. Wäre
ich ein Kater, würde ich schnurren. --> |
| 28. April 2000 -
Natascha Express |
Ist
sie nun oder ist sie nicht? Ganz offensichtlich ist die junge Frau,
die sich auf den Platz neben mich gesetzt hat, keine Türkin.
Mit ihrer Begleiterin, die eine Reihe hinter uns sitzt, spricht
sie aber auch kein Russisch. Ich weiss nicht so recht, wie Georgisch
oder Armenisch klingt. Wahrscheinlich ist es Georgisch, was dafür
sprechen würde. Ihr Aussehen wiederum spricht dagegen. Sie
ist nicht so aufgedonnert wie die anderen. Aber
was macht sie in diesem Bus, wenn sie keine Prostituierte ist?
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