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Leben in Grosny

24. September 2000

Die Ratschläge, wie und wann und ob man überhaupt als ausländischer Journalist nach Grosny fahren kann und soll, sind so vielfältig wie die Wege nach Rom. Sicher ist nur, dass unabhängige Beobachter des Krieges und seiner Folgen bei den Russen äusserst unbeliebt sind. Kollegen in Moskau waren sich sicher, dass es überhaupt keine Chance gibt, und wenn doch, dann allenfalls als eine organisierte Fahrt am Gängelband russischer Aufseher. Gleichzeitig gibt das Innenministerium in Moskau aber einen Sonderausweis heraus, der, wenn es überhaupt möglich ist, notwendig ist, um nach Tschetschenien einzureisen.

Mitglieder von Hilfsorganisationen in Nasran, die täglich Hilfsgüter nach Grosny bringen, waren sich dagegen sicher, dass man auch als Journalist in die Stadt fahren könne, wenn alle Papiere in Ordnung sind. Aber was sind "alle" Papiere? Ich besitze einen gültigen Reisepass, ein gültiges Visum, einen gültigen Presseausweis des Moskauer Aussenministeriums sowie den Sonderausweis des Innenministeriums. "Ja", sagt der Soldat, in der russischen Militärverwaltung in Nasran, bei dem ich mich vorschriftsgemäss registrieren lasse, "alles in Ordnung" - bis auf einen kleinen Fehler des russischen Konsulats in Tbilisi, das mein Visum ausgestellt hat. Demnach bin ich Bürger der DDR. "Aber kein Problem". Ob ich also problemlos nach Tschetschenien fahren könne. "Ohne Probleme?" schaut er mich mit fragendem Blick an. "In Tschetschenien ist Krieg."

Mitglieder einer russischen Menschenrechtsorganisation, die unter grossem Risiko in Tschetschenien arbeitet, raten mir dringend, nur mit einer Person zu fahren, die die Verhältnisse dort kennt. Papiere bedeuten nicht viel. Im Zweifelsfall würde immer das entscheidende Dokument fehlen. Zudem wären die Soldaten an den Kontrollstationen oft betrunken und würden sich freizügig aus dem Gepäck der Reisenden bedienen. Ich mit meiner technischen Ausrüstung, meinem Computer, meinem Aufnahmegerät und meinen Dollars sei ein gefundenes Fressen.

Magomeg, der seit Beginn des Krieges schon dreimal in seine ehemalige Heimatstadt gefahren ist, und ich warten den Vormittag über auf einen Menschen, der aus Grosny kommen und noch heute wieder zurückfahren soll. Als er um 13 Uhr noch nicht eingetroffen ist, entscheiden wir, allein zu fahren.

Es ist nicht schwer, am Marktplatz von Nasran einen Taxifahrer zu finden, der uns nach Grosny bringt. Täglich fahren Tschetschenen, die nach Inguschetien geflüchtet sind, in ihre Heimat zurück, um entweder nach ihrem Hab und Gut zu schauen oder Familienmitglieder, die zurückgeblieben sind, zu versorgen. Ohne viel Worte setzt sich der Fahrer hinter das Steuer seines Wolgas, zieht die Krempe seines schwarzen Fedoras noch ein Stück tiefer ins Gesicht und zündet sich eine neue Zigarette an, um sie im Mundwinkel verqualmen zu lassen. Mit seiner abgetragenen Lederjacke und seiner heiseren Stimme wirkt er wie eine schlechte Eddie Constantin Kopie

Das Taxi jagt hupend auf der Mittelspur Richtung Osten. Vom weichgepolsterten Rücksitz aus diskutiere ich mit Magomeg, wieviel ich einem russischen Soldaten notfalls zahlen sollte, wenn wir in Schwierigkeiten geraten. Er rät mir von jedem Bestechungsversuch ab. Für Tschetschenen sei es in Ordnung, mit fünfzig oder hundert Rubel den Weg freizukaufen, aber bei einem Ausländer würden die Soldaten nur auf den Geschmack kommen.

Die erste Kontrolle befindet sich noch auf der inguschetischen Seite der Grenze. Der schläfrig wirkende Grenzer wirft einen Blick auf die Papiere des Fahrers und in den Kofferraum und winkt uns mit lässiger Bewegung durch.

Der offiziellen Grenze zwischen den beiden Republiken folgt ein Stück Niemandsland. Am Strassenrand parken Autos, Familien haben Campingstühle ausgepackt und veranstalten ein Picknick. Vor uns quält sich ein altersschwacher Bus durch die Schlaglöcher eine kleine Anhöhe hinauf.

Oben, mit gutem Blick auf die darunterliegende Ebene, hat sich der erste russische Posten eingegraben. Aus überdachten, mit Sandsäcken gesicherten Unterständen ragen links und rechts der Strasse die Mündungen von Maschinengewehren. Ein Hüne mit gewaltigen Oberarmen, blauen Augen, blonden Haaren, die unter seinem tarnfarbenen Kopftuch hervorgucken, einer mit Messer und Granaten vollgestopften Weste und einem von der Schulter baumelnden Sturmgewehr führt die Kontrollen durch. Aber auch dieser russische Rambo interessiert sich allein für die Papiere des Taxifahrers und lässt es damit gut sein. Bevor wieder weiterfahren bittet er noch den Fahrer, auf dem Rückweg ein paar Flaschen Bier für ihn mitzubringen.

Ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass sich niemand für meine Papiere interessiert, gleichzeitig aber auch erleichtert, dass alles so einfach zu sein scheint. Ich hatte kalkuliert, dass die erste Kontrolle die schwerste sein müsste. Würde ich die passieren, wäre ich immerhin schon in Tschetschenien und könnte mich darauf berufen, dass es bei den vorangegangenen Überprüfungen keine Probleme gab.

Ein paar Kilometer weiter geraten wir in einer kleinen Ortschaft in einen Stau. Ein Zivilfahrzeug versperrt den Weg, aus dem sich ein 300-Pfund-Gorilla in der Uniform der Omon, der Armee des Innenministeriums windet, um Bier zu kaufen. Zwei weitere Soldaten sichern mit dem Finger am Abzug diese militärisch bedeutsame Aktion.

Vom Krieg ist ausser den Militärs bislang nicht viel zu sehen. Die Strasse ist von Panzern zerfahren. Wo sie gewendet haben, ist die Asphaltdecke zermalmt und Krater sind entstanden, um die die Autos herum manövrieren. Am Horizont steigen vier schwarze Rauchsäulen kerzengrade bis zur Wolkendecke empor. "Öl", sagt Magomeg. Aus der Entfernung ist aber nicht zu erkennen, ob es sich um brennende Öltanks, Öl aus einer lecken Pipeline oder ein brennendes Bohrloch handelt.

Nach weiteren sechs Kontrollen (Blick in den Kofferraum und Kontrolle der Papiere des Fahrers; gelegentlich sind gefaltete, blaue Fünfzig-Rubel-Scheine zu sehen, die in die Uniformtasche eines Soldaten wandern) erreichen wir den Stadtrand von Grosny und das Bild ändert sich dramatisch. Was ich aus der Ferne für verlassene Fabrikgebäude gehalten habe, stellt sich beim Näherkommen als eine Ansammlung von zerschossenen und zerbombten Ruinen heraus. In den Wänden der grauen Wohnblocks sind zum Teil kreisrunde Einschlagslöcher der Raketen zu erkennen. An anderen Stellen sind die Fassaden zusammengebrochen und das Innere der Häuser liegt wie eine Wunde offen. Ehemalige Dächer sind wie Eisschollen zerborsten und ineinander geschoben. Teile von Betondecken hängen an ihren Eisenfurnieren in der Luft. Auf der gesamten Fahrt ins Stadtzentrum ist kein unzerstörtes Haus zu sehen.

Dennoch leben Menschen in diesen Ruinen. Hin und wieder ist auf einem einzelnen Balkon in einem grossen Wohnblock Wäsche auf der Leine zu sehen. Menschen gehen die Strasse entlang und es fahren Autos. Aber es sind weit weniger als man an einem Sonntagnachmittag in einer Stadt von dieser Grösse erwartet. Dafür streunen ungewöhnlich viel Hunde herum und wühlen in dem Müll, der in regelmässigen Abständen am Strassenrand aufgehäuft liegt.

Magomeg steuert den Taxifahrer zum Haus des Vaters eines Freundes, das am Rande des Zentrums liegt. Wir kommen an einem dunkeln, ausgebrannten Gebäude ohne Dach vorbei. "Das war meine Schule", sagt Magomeg. Dann zeigt er nach links auf einen menschenleeren Wohnblock. "Hier wohnte meine erste Freundin". Und als wir an einem kleinen Haus vorbeifahren, bei dem der Dachstuhl eingefallen ist: "Hier wohnte einer meiner Lehrer." Nach einer kleineren Pause fügt er hinzu: "Schau, was sie aus meiner Stadt gemacht haben." Zum ersten Mal seit wir uns kennen äussert Magomeg persönliche Gefühle.

Das Haus unseres Gastgebers Ali liegt in einer kleinen Strasse am Rande des Zentrums und sieht von aussen unzerstört aus. Nur das Metalltor am Eingang ist von Geschossen durchlöchert. Ali lacht, strahlt und scherzt. Mit seiner blauroten Gesichtsfarbe und seinem mächtigen Bauch sieht er aus, als wenn ihn spätestens morgen ein Herzinfarkt niederstrecken würde.

Ali zeigt uns sein Haus. Die Druckwelle der Bombe, die das Nachbarhaus zerstört hat, hat auch die Abdeckung von seinem Dach gefegt. Der Schaden ist notdürftig wieder repariert worden. Durch die Löcher in der Zimmerdecken ist der Dachstuhl zu sehen. Die Wände haben Risse, aber das Haus ist bewohnbar. Es gibt allerdings weder Wasser noch - wie in der gesamten Stadt - Strom. Gas funktioniert zeitweise. In einem Unterstand hinter dem Haus steht der Herd und Tisch und Stühle. Gibt es kein Gas, dann wird auf offenem Feuer gekocht.

Ali wohnt hier mit seiner Frau und einer Tochter. Der Sohn und die zweite Tochter sind ausserhalb der Stadt untergebracht, wo es sicherer ist. "Die russischen Soldaten verhaften oft junge Männer", so Ali, "um sie dann an die Familien zurück zu verkaufen. Von dem Geld kaufen sie sich dann Vodka." Ein befreundeter Lehrer hat noch bei der Familie Unterschlupf gefunden, der zusammengekauert wie ein Schneiderlein am Tisch hinter dem Haus sitzt und einen Krimi liest.

Ali schlägt mir einen Spaziergang durch die Nachbarschaft vor bevor es dunkel wird. In der Dunkelheit traut sich niemand mehr auf die Strasse, weil die russischen Soldaten, oft betrunken, ohne Vorwarnung schiessen.

Das Nachbarhaus zur Rechten wurde von einer Rakete getroffen, die quer durch das Dach ging, um dann ein Haus weiter aufzuschlagen und zu explodieren. Auch hier ist der Nachbar dabei, den Schaden auszubessern, damit der Regen und der kommende Winter nicht auch noch den Rest zerstört. Geld, um neue Fensterscheiben zu kaufen, hat er nicht. Er arbeitet zwar bei der städtischen Busgesellschaft, aber einen Lohn hat er seit Beginn des Krieges im September vergangenen Jahres nicht mehr bekommen. Seine Familie hat er bei Verwandten in Gudermes einquartiert. Er selbst haust in einem Provisorium in der Garage.

Ali watschelt in seinen Schlappen und mit rasselndem Atem mit mir weiter die Strasse entlang. "Bomba" zeigt er auf eine Ruine, "Raketa" klärt er mich über die Mauerreste daneben auf. Als ich ihn frage, ob er nicht noch glücklich davon gekommen sei, lacht er laut. "Ja, wir sind die glücklichsten Menschen in der Hölle."

Bei Einbruch der Dunkelheit stehen Magomeg und ich vor dem Haus. Magomeg darf in Anwesenheit des älteren Ali nicht rauchen. "Das ist unsere Tradition". Wir schwatzen mit zwei Frauen von der gegenüberliegenden Strassenseite, die erzählen, dass russische Soldaten dreimal gekommen seien, um ihr Haus zu beschlagnahmen. Sie sind alleinstehend, weil ihre Männer im ersten Tschetschenienkrieg umgekommen sind. Bislang sei es ihnen gelungen, die Soldaten abzuwehren, aber sie haben Angst. Aus der Richtung Stadtmitte ist Maschinengewehrfeuer zu hören. Plötzlich saust etwas pfeifend über unsere Köpfe hinweg. Magomeg duckt sich sofort und läuft auf den Hauseingang zu. Die beiden Frauen lachen. "Das ist nichts", amüsiert sich die jüngere. "Die Russen schiessen in die Luft. Die jungen Burschen haben nur Angst oder sind betrunken."

Beim Abendessen erzählt Ali (die Frauen sitzen nicht am Tisch, sondern haben sich ins Haus zurückgezogen. "Das ist unsere Tradition."). Er erzählt von den Tagen und Nächten im Februar und im März als sie zum Schutz vor dem nicht enden wollenden Bombardement russischer Flugzeuge im Keller des Hauses lebten. Es war lebensgefährlich, den Keller zu verlassen, um Wasser oder Lebensmittel zu holen. Gegen die Kälte verbrannten sie einen Teil ihres Mobiliars. Er erzählt, dass seiner Ansicht nach die Führer der Rebellen nichts anderes als Banditen sind, die mit einflussreichen Politikern und Militärs in Moskau unter einer Decke steckten. Es sei kein Geheimnis, wo sich Präsident Maschadow oder die Rebellenführer Chattab und Basajew sich aufhielten, aber die Russen liessen sie unbehelligt. Die russischen Militärs brauchten den Krieg, um mehr Geld von der Regierung verlangen zu können. Putin habe den Krieg für seine Präsidentschaftswahl gebraucht. Einige Politiker nutzten Tschetschenien, um illegal erworbenes Geld zu waschen. Er erzählt, die meisten russischen Soldaten dienten in Tschetschenien, um Geld zu verdienen. Sie erhielten nicht nur einen Extrasold von monatlich 800 Rubeln, sondern bereicherten sich noch zusätzlich durch Erpressungen und Plünderungen. Junge Männer würden willkürlich festgenommen, um von den Familien ein Lösegeld zu erpressen. Kann die Familie nicht zahlen, verschwinden die Gefangenen spurlos. Mit eigenen Augen habe er gesehen, wie russische LKWs vor einigen der zerstörten Häuser in der Nachbarschaft vorgefahren sind und alles mitgenommen haben, was noch von Wert war. Selbst den Linoleumboden hätten sie aufgeladen. Er erzählt, dass er vier Jahre alt war, als russische Soldaten 1944 auf den Befehl Stalins nach Tschetschenien kamen, um die Bewohner zu deportieren. Zwei Stunden Zeit seien gewesen, um ein paar Habseligkeiten zusammenzuraffen. Dann seien sie in die Züge geschafft worden, die sie in den äussersten Osten von Kasachstan brachten, wo sie in eigens gebauten Dörfern zwangsangesiedelt wurden. Das Verlassen des Dorfes war nur mit schriftliche Genehmigung erlaubt. Selbst die Heirat eines tschetschenischen Mädchens aus einem Nachbardorf war streng verboten. Als ihnen nach dreizehn Jahren die Rückkehr erlaubt wurde, musste sein Vater sein eigenes Haus von Dagestanis, die dort inzwischen eingezogen waren, zurückkaufen. Er erzählt, wie er es dennoch geschafft hat, zum Fernmeldeoffizier in der Roten Armee aufzusteigen. Um so mehr schmerzt ihn das Verhalten der russischen Soldaten. Er erzählt, dass jeder, der die Möglichkeit dazu hat, Grosny verlassen habe. Nur die Alten und die Mittellosen seien zurückgeblieben.

Alis Redefluss stoppt erst, als ich ihn frage, was er glaubt, wie es weitergeht. "Ich will kein unabhängiges Tschetschenien. Ich habe mich mein ganzes Leben als Russe gefühlt und möchte in Russland bleiben. Aber ich möchte nicht mehr mit russischen Soldaten leben." Wann er glaube, dass der Krieg zu ende sei. Ali zuckt mit den Schultern und presst wortlos den letzten Tropfen russischen Kognaks aus der Flasche, die zu Ehren des Gastes geöffnet wurde.

Magomeg und ich teilen ein Schlafzimmer. Wir liegen im Dunkeln und horchen auf die gelegentlichen Maschinengewehrsalven und das Wummern von Geschützen irgendwo in der Ferne. "Ich glaube, ich habe mich lächerlich gemacht, als ich mich vorhin geduckt habe." sorgt sich Magomeg. Ich versuche ihn damit zu beruhigen, dass es eher ungewöhnlich gewesen sei, wie gelassen die beiden Frauen reagiert haben. "Zudem", gestehe ich ihm, "bin ich nur zu blöde, um rechtzeitig den Kopf einzuziehen."

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001