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| 17. September 2000 |
Vielleicht
ist es doch angebracht, gegenüber Tscherkessk ein wenig Abbitte zu
leisten. Es mag, wie Cerkes sagt, "die unbedeutende Hauptstadt einer
unbedeutenden Republik" sein, aber es hat einen beachtlichen Markt.
Gleich neben meinem Hotel strömen an diesem diesigen, bedeckten Tag schon am frühen Sonntagmorgen mehrköpfige Familien in ein Areal, in dem sie von den Menschenmassen sanft von Stand zu Stand geschoben werden. Märkte, auf denen sowohl Gemüse, Obst, Gewürze, Kleidung, Geschirr, Kosmetika, Schuhe, Möbel wie Geschirr verkauft werden, gibt es viele in Osteuropa, aber der Markt in Tscherkessk gehört sicher zu den grösseren. Kekse scheinen hier sehr beliebt zu sein und die fantasievollen Etiketten beweisen, dass auch hier gilt, dass es beim Verkauf auf die Verpackung und nicht so sehr auf den Inhalt ankommt. Der Trubel erklärt die Trübsal der Einkaufsstrasse in der nicht weniger trüben, pompös zementierten Innenstadt. Welch politisches Gewicht Tscherkessk auch immer in der Welt haben mag, die Stadt spielt eine wichtige Rolle als Versorgungszentrum einer von der Agrarwirtschaft geprägten Region.
Pjatigorsk ist das Zentrum einer Gegend namens Mineralnje Wodi (auf Deutsch schlicht "Mineralwasser"). Nomen est omen. Zwischen erloschenen Vulkanen, die in der Landschaft verstreut sind, sprudeln mehr als 130 Quellen, denen heilende Wirkung nachgesagt wird. Erst kamen die Kranken, dann die verwundeten Soldaten und Ende des 18. Jahrhunderts schliesslich mehr und mehr Hypochonder und wohlhabende Familien aus St. Petersburg. Minerfalnje Wodi wurde der Ferienort der russischen Schickeria, des Adels und der Intelligenz.
Ein asphaltierter Weg, für den Autoverkehr gesperrt und breit genug, um untergehakt zu flanieren, führt unter Bäumen stetig eine Anhöhe hinauf. Am oberen Ende muss man eine steile, geschwungene Treppe hinaufklettern, um zu einer Art russisch-griechischen Tempel zu gelangen. Die Tore sind verschlossen. An einer Mauer hängt ein Schild mit den Öfnungszeiten des "Museums". Leider verrät es aber nicht, um welche Art von Museum es sich handelt. Eine russische Familie, der lustlose kleine Junge wird an der Hand mitgeschleift, ist ebenso ratlos wie ich. Zum weiteren Aufstieg auf den Gorjachaja Berg, von dem man einen guten Ausblick haben soll, fehlt mir die Lust. Also bummle ich Richtung Zentrum zurück.
Auch hier ist am heutigen Sonntag geschlossen. Geöffnet ist nur die moderne, aus Glass und Marmor gebaute Trinkhalle. Im Inneren plätschert aus mehreren Hähnen das Wasser und jeder ist eingeladen, sich zu bedienen. Gefässe sind allerdings selber mitzubringen. Ein faulig-schwefeliger Geruch hängt in der Luft und mit leichtem Schreck beobachte ich, wie ein kleines, völlig gesund aussehendes Mädchen von seinen Eltern gedrängt wird, seinen Becher auszutrinken. Diese amorphe Furcht steigt in mir auf, die mich jedesmal befällt, wenn ich in einem Krankenhaus oder in einer Arztpraxis bin, dass allein der Gedanke an Krankheit, geschweige denn die Berührung mit Heilmitteln, krank macht. Es ist absurd, aber ich fühle mich auf der Stelle selber schwach und kränklich.
Unter den Bäumen vor der Galerie essen ein paar junge Frauen Eis. Weiter hinten hat sich eine Gruppe Männer um zwei Schachspieler versammelt. Einer der Zuschauer trägt eine schwarze, Orden geschmückte Uniform und Reitstiefel. Ich kann kein Abzeichen der Roten Armee erkennen, wage es aber nicht, den Mann zu fragen, um was für eine Uniform es sich handelt. Pjatigorsk ist ein Ort, an dem sich die Schäbigkeiten der Realen Sozialismus, die Nostalgie für die verflossene, abgewetzte Grandeur, der faulige Geruch der Heilbäder und Quellen, die Atmosphäre von Verfall und Gedanken an den Tod zu gleichmütiger Melancholie vermischen. Nur ein Mann kämpft, so gut es seine Lungen noch zulassen, gegen den stillen Verfall. Iwan sitzt im Schatten der Bäume auf einer Parkbank und spielt Tuba. Neben ihm steht ein kleiner Pappkarton für die Münzen der Passanten.
Ob ich Marschmusik möge, fragt er, oder lieber etwas Modernes. Dann doch lieber etwas Modernes. Iwan nickt und setzt das metallene Mundstück gegen seine Lippen. Seine Wangen blähen sich zu Orangengrösse und seine Augen blitzen. Ich bin kein Kenner der Marschmusik, aber ich kann vor mir sehen, wie ein Gruppe Gardesoldaten in schwarzer Uniform und mit Reitstiefeln im Gleichschritt die Promenade entlang marschiert.
Poka.
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© Martin Ebbing 2001