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| 16. September 2000 |
Fast
auf die Minute genau um acht Uhr hält der Bus mitten auf einer schnurgerade
nach Osten durch eine flache Ebene verlaufenden Landstrasse. Der Busfahrer
zeigt auf ein landgestrecktes Gebäude mit einem rostigen Blechdach
- der Busbahnhof von Tscherkessk. Zerknautscht und übernächtigt
schleppe ich mein Gepäck über zwei Wassergräben und eine
Wiese meinem ersten Instant-Kaffee des Tages entgegen.
Vielleicht hätte der Bus einfach weiterfahren sollen, denn Tscherkessk gehört zu den Städten, die man lieber nicht gesehen hat. An der vierspurigen Hauptstrasse (Prospect Lenina) reihen sich ein paar Regierungsgebäude im wichtigtuerischen Stil der Sowjetära, ein kleiner Park, in dem Fotografen neben überdimensionalen Stofftieren mit leichter Resignation auf Eltern, die ihre Sprösslinge gern mit einem quietschgrünen Elefanten im Arm ablichten lassen wollen, die üblichen Wohnsilos und einige wenige Geschäfte, deren Schaufensterauslagen längst von der Sonne ausgebleicht worden sind. Es fehlen sogar die üblichen Werbeplakate, die sonst die Tristess russischer Städte ein wenig überdecken. In Tscherkessk ist Werbung sinnlos, weil die Menschen nur kaufen können, was sie dringend notwendig haben. Die Lücke füllt ein grosses Poster von Präsident Wladimir Semjonow, das ihn mit dem Prälaten der orthodoxen Kirche zeigt. Semjonow hat ein wenig Imagepflege dringend nötig. Seine Wahl im vergangenen Jahr hätte beinah zu einem Bürgerkrieg geführt, weil auch für den unbedarftesten Beobachter klar war, dass der Ausgang der Wahlen bereits vorab so manipuliert war, dass die Urnen eigentlich nicht mehr geöffnet werden brauchten. Zudem ist Semjonow Karatschaier und damit Angehöriger der ethischen Mehrheit in Karatschai-Tscherkessien, der die tscherkessische Minderheit wiederum vorwirft, sie von allen einflussreichen Positionen (und den damit verbundenen Pfründen) auszuschliessen. Monatelang belagerten Demonstraten das Parlament und der Konflikt zwischen den beiden Gruppen drohte die Bindesstrich-Republik ins Chaos zu stürzen. Semjonow setzte sich schliesslich durch, aber Verbitterung ist unter den Tscherkessen geblieben, die nun den Ausstieg aus der einst von Stalin geformten Zwangsehe mit den Karatschaiern und den Anschluss an den benachbarten russischen Verwaltungsbezirk Stawropol Krai fordern.
Frauen bestimmen auch das Bild auf dem grossen Markt am Rande der Innenstadt, der vom Hufeisen über Kartoffeln bis zu Teppichen alles bietet, was die Stadt und das Umland zum Leben brauchen. Das erste Mal sehe ich kurz einen Mann in einer Landestracht, den ich aber in der Menge sofort wieder verliere. "Tscherkessk ist die unbedeutende Hauptstadt einer unbedeutenden Republik im immer unbedeutender werdenden Russland", kommentiert Cherkes mit einem breiten Grinsen. Wir haben uns im Internetcafe getroffen, das leider seit zwei Tagen vom Internet abgeschnitten ist. Er stellte sich mir als "Journalist und Kommentator" vor, der auch für ausländische Zeitungen schreibe. Viel Interesse an Karatschai-Tscherkessien gibt es im Ausland nicht, räumt Cherkes ein, während er im benachbarten Café-plus-Restaurant-plus-Diskothek-plus- Nachtclub seinen Teebeutel aus der Tasse fischt. "Aber das kann sich bald ändern. Karatschai- Tscherkessien kann das nächste Tschetschenienen werden." Wie das? "Die momentane Ruhe täuscht. Ein kleiner Funke reicht, um einen Krieg zwischen beiden ethnischen Gruppen auszulösen. Die notwendigen Waffen haben wir alle zu Hause." Die Positionen seien unversöhnlich. Die Karatschaier seien nicht bereit, die Macht zu teilen. Die Tscherkessen wollten sich nicht mehr unterordnen. Das sei aber etwas anderes als in Tschetschenien, wo es um die Unabhängigkeit von Russland gehe, wende ich ein.
Meine Frage, ob ein solches Anliegen denn realistisch sei, muss wohl unglaublich naiv sein, denn Cherkes stösst nur den Zigarettenrauch durch die Nase, grient und nippt an seinem Tee. "Es ist noch keine zehn Jahre her, da gehörte Karatschai-Tscherkessien noch zu Stavropol. Gut 60 Jahre vorher hatte Stalin Karatschai und Tscherkessien erst aufgeteilt. Wer weiss, was morgen wird? Es ist nicht so furchtbar lange her, da hätte auch keiner geglaubt, dass die Georgier, die Armenier oder die Letten heute ein unabhängigen Staat leben." Neue Rauchwolken aus seiner Nase und der zufriedene Blick, mit dem ein unschlagbares Argument begleitet wird. "Wusstest Du übrigens, dass Abu Chattab ein jordanischer Tscherkesse ist?" Chattab ist einer der militärischen Führer der Seperatistenbewegung in Tschetschenien. Dass er Tscherkesse ist, wusste ich nicht. Mein Gegenüber scheint mehr Zigarettenrauch ausblasen zu können als er inhaliert. "Die Tscherkessen sind ein altes Volk. Jahrhunderte lang haben sie sich gegen eine Unterwerfung durch die Russen gesträubt. Erst 1864 haben sie vor der Armee des Zaren kapituliert. Hunderttausende sind geflohen und ihre Nachkommen leben heute in der Türkei. Die Karatschaier haben dagegen immer mit Moskau unter einer Decke gesteckt. Die Tscherkessen sind nun eine Minderheit in ihrem eigenen Land." "Es gibt immer noch die alten Traditionen", antwortet Cherkes, als ich seinen gierigen Zug an der Zigarette dazu nutze, die Frage dazwischen zu schieben, ob sich die beiden ethnischen Gruppen auch in ihrer alltäglichen Lebensweise von einander unterscheiden. "Aber es wird mehr und mehr zur Folklore. Coca Cola ist auch bei uns angekommen. Die Frage, ob Du Karatschaier oder Tscherkesse bist, ist mehr eine Frage, welcher Clan hat Zugang zur Macht und wer bekommt den grösseren Anteil vom Kuchen. So gesehen näheren wir uns doch immer mehr der westlichen Lebensart an." Durch die dichte blaue Rauchwolke schimmern Cherkes gelblichen Zähne, die durch das breite Grienen freigelegt werden, in einem matten Glanz.
Der Weg führt mich an einem leerstehenden Gebäude mit einer falschen griechischen Fassade. Die Farbe ist längst verblichen. Aus den verbliebenen Buchstaben im Giebel lässt sich noch das russische Wort für "Volkshaus" entziffern. Links neben dem Schriftzug steht eine steinerne Harfespielerin. Rechts ein Mann in einem Anzug. Der eine Arm fehlt ganz, am anderen ist der Unterarm abgebrochen. Sein Blick ist gen Westen gerichtet.
Poka.
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© Martin Ebbing 2001