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Von Sotschi nach Tscherkessk

15. September 2000

KarteBerge sind die Feinde des Reisenden. Von Sochi nachTscherkessk, meinem nächsten Reiseziel, sind es laut Karte Luftlinie gut 200 Kilometer. Nur: es gibt keine Strasse, die beide Städte direkt miteinander verbindet.

Auf der Karte führte eine kleine gelbe Linie ("Verbindungsstrasse") nach knapp zwanzig Kilometern ins weiss-graue ("Gebirge") Nichts. Im Kaukasus sollte man sich über Berge nicht wundern.

Die beiden Damen im Service-Büro des Hotels sind erstaunt. "Tscherkessk? Wirklich Tscherkessk?" fragen sie mit dem Unterton des "wer-fährt-schon-nach-Tscherkessk?". Doch, doch, beharre ich. Schliesslich ist Tscherkessk die Hauptstadt der benachbarten Republik Karatschajewo -Tscherkessien, nicht unbedingt ein Mittelpunkt des Weltgeschehens, aber immerhin eine Hauptstadt.

Die beiden Damen telefonieren, ratschlagen, telefonieren. Das Ergebnis: es gibt keine direkte Verbindung nach Tscherkessk. Ich kann mit dem Zug gut zweihundert Kilometer die Küste hoch nach Krasnodar fahren, dort einen weiteren Zug nach Mineralnje Vodi nehmen (mehr als 300 Kilometer) und von dort die restlichen hundert Kilometer mit einem Bus nach Tscherkessk fahren. Wann ich aber einen Anschluss in Krasnodar bekomme, ist nicht klar. Die Alternative ist ein Bus von Sotschi (Abfahrt 19:00) nach Nevinnomjssk (Ankunft 8:00 morgens) und von dort aus mit einem weiteren Bus die restlichen hundert Kilometer.

Also der Bus.

Misha IIAm Busbahnhof treffe ich einen weiteren Misha. Während ich auf den Bus warte, unterhält er mich mit seiner Lebensgeschichte. Er habe in Moskau Ingenieur studiert, spreche nicht nur Englisch und Französisch sondern auch Italienisch, aber in Sotschi gebe es für ihn keine angemessene Arbeit. Deshalb habe er sich Selbständig gemacht. Das kleine Café hier am Busbahnhof gehöre ihm. Ebenso der Kiosk dort drüben auf der anderen Seite des Platzes. Als er meinen etwas skeptischen Blick sieht, fügt er schnell hinzu, nun ja, viel sei es nicht, aber er sei immerhin sein eigener Herr. Ob ich nicht mit ihm angeln fahren wolle. In den Bergen hinter Sotschi gebe es kleine Flüsse mit reichlich Forellen. Es scheint das Schicksal meiner Reise zu sein, dass ich die besten Einladungen immer dann bekomme, wenn ich gerade fahren muss.

Zum Abschied ermahnt mich Misha II eindringlich, mein Gepäck nicht aus den Augen zu lassen und mich auf keinen Fall auf irgendwelche Fremde einzulassen. Da mich meine Mutter schon als Kind ermahnt hat, mit keinem Fremden mitzugehen, dürfte es mir leichtfallen, diesen Ratschlag zu beherzigen. Die Tücke besteht nur darin, dass ich in dieser Gegen der Welt keine Menschenseele kenne.

Der alte Ikarus-Bus schleppt uns rumpelnd die Küstenstrasse Richtung Krasnodar entlang. Links liegt das Meer, darüber ein blutroter Himmel. Rechts sind in den Bergen sind die Lichter der Häuser zu sehen.

In den Restaurants und Cafes am Strassenrand lassen Menschen den Tag ausklingen. An einer Strassenkreuzung steht ein junger Mann mit den Händen im Nacken umringt von uniformierten Polizisten. Hunde laufen bellend hinter dem Bus her.

Busbahnhof in KrasnodarDie Luft im Bus ist stickig und mit den Gerüchen menschlicher Ausdünstungen gefüllt. Meine Sitznachbarin ist bereits kurz nach unserer Abfahrt in ein Schlaf gefallen. Ihr Kopf rollt je nach Strassen lage auf ihren Schultern hin und her. Schliesslich findet er auf meiner Schulter seinen Halt.

Um drei Uhr nachts fallen auch mir langsam die Augen zu. Im Traum sehe ich mich als einen kühnen Recken, der, einen Fuss auf einen Felsvorsprung gesetzt, seinen Blick über die Gipfel des Kakasus schweifen lässt. Die Mischung aus Alkohol, den nicht ignorierbar meine Nachbarin mit jedem Atemzug ausatmet, und die Chemikalien, die perfektes, weiches menschliches Haar in ein rabenschwarzes, steinhartes Vogelnest verwandeln, scheint mir nicht zu bekommen.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001