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Urlaubsparadies

13. September 2000

Strand in SotschiDer Flug von Moskau nach Sotschi dauert zwei Stunden. In diesen zwei Stunden tausche ich ein trübes, nasses Wetter, das schon deutlich den aufkommenden Herbst spüren lässt, gegen einen strahlend blauen Himmel mit einer spätsommerlichen Sonne, die kaum etwas an Kraft verloren hat.

Sotschi ist das Mallorca Russlands. Wem immer ich in Moskau erzählt hatte, ich werde nach Sotschi fliegen, blickte mich mit einem Gesichtsausdruck an, der die unausgesprochene Frage verriet, warum er und nicht ich?

Die Stadt liegt knapp vierzig Kilometer nördlich der georgischen Grenze am Schwarzen Meer. Der Strand ist steinig und nicht sehr verlockend, die wenigen Flecken Sand sind schmutzig-grau, aber was der Küstenstreifen vermissen lässt, macht das Hinterland mehr als wieder wett.

Das Klima ist subtropisch, die Vegetation üppig. Die schneebedeckten Gebirgszüge des Kaukasus laufen hier in sanften, saftig-grünen Hügel, auf denen man im Winter auch Skilaufen kann, zum Meer hin aus. Es wachsen Palmen, Zedern, Zitrusbäume, exotische Nadelhölzer, Sträucher und Büsche, wo man ihnen nur eine Handvoll Platz lässt.

Wahrscheinlich ist es einem Rest ästhetischen Empfindens der ehemaligen sowjetischen Nomenklatura zu verdanken, das Sotschi von Zweckbauten und anderen architektonischen Schändlichkeiten weitgehend verschont wurde. Die Führung der KPdSU verbrachte seine Sommerferien gern in Sotschi und mochte wohl im Urlaub nicht auch noch diese Errungenschaften des Sozialismus ertragen. Stalin hatte hier eines seiner zahlreichen Häuser an der Schwarzmeerküste, Putin verbrachte dieses Jahr seinen Sommerurlaub in der Nähe.

HafengebäudeSo dominiert eine Mischung aus stalinistischem Expressionismus und nachempfundener Antike das Stadtbild. Das Gebäude der Hafenverwaltung ziert ein lange metallische Spitze, die von einem roten Stern gekrönt wird. Zwischen dem wuchernden Grün der Bäume und Büsche sind immer wieder Arkaden und Säulenbauten zu entdecken, die an griechische Tempel erinnern.

In sowjetischen Zeiten waren auch Urlaub und Erholung Gegenstand einer zentralen Planung, die sich eine Optimierung des Ergebnisses zum Ziel gesetzt hatte. So verbrachte man seinen Urlaub in Sanatorien, in denen unter ärztlicher Anleitung der ramponierte Körper und der müde Geist wieder aufgefrischt wurden. Diese Sanatorien erfreuen sich auch noch heute, aus Gewohnheit oder weil sie relativ preiswert sind, grosser Beliebtheit. Auf meinem Stadtplan zähle ich allein neunzehn. Meist liegen sie in einem eingegrenzten Park mit altehrwürdigen Bäumen, die noch zu Stalins Zeiten gepflanzt worden sein müssen und ihren Schatten auf Gebäude werfen, die sich noch immer gegen den fortschreitenden Verfall mit trotziger Würde behaupten.

Daneben hat sich aber ein florierendes Angebot für den neuen Individualreisenden seinen Platz geschafft. Es gibt eine Reihe von grossen Hotels, Diskotheken, Spielcasinos, Bars und Restaurants. Die mehr als einen Kilometer lange Strandpromenade wird von kleinen Cafés und Restaurants, Souvenierständen (Muscheln), Verkaufsständen für Bademoden, Erfrischungen (frisch gepresste Säfte und warmes Gebäck) und Strandbedarf, kleinen Imbissen (kleine Hummer!!), fliegenden Händlern mit Obst und Nüssen (saftige, süsse Feigen!!), Spielbuden, Glückspielsalons, Fotografen (aus irgendwelchem Grund scheint es beliebt zu sein, sich mit einem kleinen Affen fotografieren zu lassen), Portraitzeichnern und Tattoo-Studios (aufgemalt, ist ja nur für den Urlaub) gesäumt.

Am 1. September haben in ganz Russland die Schulen wieder begonnen, aber selbst jetzt in der Nachsaison herrscht auf der Promenade tagsüber ein ähnlicher Auflauf wie Samstagsmittags in einer deutschen Einkaufszone. Kinder pendeln zwischen den Eisverkäufern und den Eisverkäufern. Alte Männer mit krummen Beinen, weissem Haar auf tiefgebräunter Brust und ausgeleierten, übergrossen Turnhosen sind auf dem Weg zu ihrem Stammplatz am Strand. Junge Paare verschlendern einfach nur die Zeit und halten ihre orientierungslosen Kleinkinder fest an der Hand. Wie ein Fleischer in der Truhe zeigen junge Männer (im besseren Fall) straffe Oberkörper mit gestählten Oberarmen oder (im ungüstigeren Fall) den ausbaufähigen Ansatz eines mächtigen Bierbauches. Die Damen stehen in diesem Spiel mit wenig versteckten Signalen um nichts nach. Extrem kurze Röcke müssen von der Strandordnung vorgeschrieben sein. Knapp geschnittene T-Shirts sind Extras.

Frau am StrandNatürlich existieren auch in Russland Schönheitsideale, aber ebenso existiert ein grosses Verständnis für die Schwächen menschlicher Existenz. 200 Kilo, die nur von einer knappen Badehose bedeckt werden, erregen ebenso wenig Aufmerksamkeit wie faltige, welke Haut in rosa Hot-Pants und nabelfreiem Top.

Sotschi besitzt einen lasziven Ruf. Das UN Personal in Abchasien, das sich in Sotschi von seinem strapaziösen Dienst erholt, flüsterte nicht nur von den billigen, raubkopierten Musik- CDs sondern auch von den vielen Prostituierten, die nachts telefonisch mit den Hotelgästen ins Geschäft zu kommen versuchen. Mein Freund Murat, Barbesitzer in Moskau, unzweifelhaft ein Kenner der Frauen und ein kühler Analytiker, verriet mir: "In Moskau, 40 Prozent der Frauen gut. In Sotschi, 70 Prozent gut."

Wer sich von diesem Ruf anlocken lässt, wird wahrscheinlich vom abendlichen Treiben an der Promenade enttäuscht sein. Es geht eher familiär zu. Frisch geduscht, Salz und Sand vom Körpern gespült, essen junge Paare, Vater, Mutter, Tochter, Sohn und frisch geschlossene Urlaubsbekanntschaften in den Restaurants an der Promenade zu Abend. Die Herren wirken frischgebügelt, die Damen, sorgfältig zurecht gemacht, zeigen, was sie für den neusten Urlaubschic halten. Unabdingbar ist dabei die musikalische Begleitung durch eine Live Band in wechselnder Grösse aber nie ohne einen Synthesizer, mit dem es gelingt, eine Allerweltsstimme mal wie Joe Cocker und mal wie Pavarotti klingen zu lassen. Es wird getrunken, es wird gegessen und es wird noch mehr getrunken. Zu späterer Stunde wird die Musik langsamer und es wird enger getanzt.

In einem Club am nördlichen Ende der Promenade rutschen ein paar Stripperinnen über die glatte Tanzfläche und erhalten artigen Applaus. Im "Piraten" turnen zwei halbgekleidete Damen auf einer kleinen Bühne um eine senkrechte Metallstange herum und zeigen dabei erstaunliche Gelenkigkeit. Ihnen folgt ein Jüngling mit weisser Perücke, Korsage, schwarzen Strümpfen und viel Federboa (Mr. Frankenfurter aus der Rocky Horror Picture Show lässt grüssen), dem nach knapp drei Minuten nur noch ein Strumpfband am rechten Oberschenkel und eine Federboa bleibt. Die Männer sind still und fühlen sich mit dieser Rollenverkehrung unbehaglich. Die Frauen klatschen, feuern an und schreiten unbefangen bis an die Bühne, um die Einzelheiten besser fotografieren zu können. Den Vorwurf der Prüderie müssen sie sich sicher nicht gefallen lassen.

Hotel am StrandDer Türsteher im Caesar's Palace (warum etwas Neues erfinden, wenn man doch ein perfekt funktionierendes Vorbild aus Las Vegas kopieren kann?) füllt mit seinem eckigen Körper exakt den Rahmen der Sicherheitsschleuse, die jeden Besucher des Spielcasinos auf Waffen durchleuchtet. Meine Kleidung sieht nicht ganz nach grosser Gala sondern eher nach fünf Monaten Kaukasus aus, aber wer Englisch spricht, der hat mit Sicherheit auch das Geld, nicht nur die 40 Dollar Eintritt zu zahlen. Viel Anreiz, Haus und Hof zu verspielen, besteht allerdings nicht. Den Roulette-Tisch umlagert eine Gruppe Frauen, die den Eindruck erwecken, als hätten sie die Lust am Rosenzüchten verloren und versuchten es jetzt mal mit dem Glücksspiel. Am Black-Jack-Tisch kämpft ein einsamer Mitvierziger vergeblich mit kleinen Einsätzen gegen die Bank und beim Poker versucht eine goldbehängte, hyperblond gefärbte Matrone ihren jungen angetrunkenen Begleiter immer wieder davon abzuhalten, auf ein schlechtes Blatt hohe und auf ein gutes Blatt niedrige Einsätze zu setzen. Kein Glück im Spiel und auch kein rechtes Glück in der Liebe.

Der Barkeeper gähnt ungeniert.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001