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Net-Business: "Reporter nimmt seine Hörer mit auf die Reise"



Radio im Netz

Reporter nimmt seine Hörer mit auf die Reise

Ein Journalist reist für Radio Bremen durch den Kaukasus. Beiträge, Fotos und ein Tagebuch stellt der Reporter auch ins Netz.

www.radiobremen.de Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Martin Ebbing möchte damit aber nicht bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland warten. Der Radiojournalist brach am Dienstag vergangener Woche zu einer vierwöchigen Tour durch den Kaukasus auf. Während dieser Zeit sendet Radio Bremen seine Reiseberichte. Die Beiträge gelangen über das Internet in das Funkhaus an der Weser. Gleichzeitig stehen die die Radiobeiträge im Real-Audio-Format auf der Homepage von Radio Bremen.

Es ist bereits Ebbings zweite Reise für den norddeutschen Sender. Mit dem Bus reiste er 1999 drei Wochen von Bremen nach Moskau. "Mich hat es furchtbar gestört, mit einer Tasche voller Kassetten zurückzukommen und erst im Studio meine Beiträge produzieren zu können", sagt Ebbing, 46. Er will seine Eindrücke und Interviews direkt vor Ort verarbeiten und auf den Sender bringen.

Digitale Schnittprogramme für den Laptop und das Internet machen es ihm jetzt möglich, professionelle Radiobeiträge zu erstellen - auch ohne ein Funkhaus in der Nähe zu haben. Sämtliche Technik muss mit der Kleidung in einen Rucksack passen, denn auch diesmal reist Ebbing vor allem mit dem Bus. "So kommt man leichter mit den Menschen ins Gespräch", sagt er. Notfalls tue es aber auch ein Esel oder Pferd. "Bloss keinen Fussmarsch", stöhnt er.

Start der Reise war im türkischen Antalya. Von hier geht es durch den Kaukasus. Auf dem Weg liegen Länder und Regionen wie Armenien, Georgien, Tschetschenien und Dagestand. Eine starre Reiseroute oder eiserne Termine hat sich Ebbing nicht gesetzt. "Ich möchte mich von interessanten Begegnungen, freundlichen Tipps oder aktuellen Ereignissen lenken lassen".

Vor Reisebeginn hat er bereits Internetprovider in den entsprechenden Ländern aufgespürt. "Radiobeiträge sind große Dateien. Da ist ein Zugang zum Festnetz schon vorteilhaft", sagt er zur technischen Umsetzung. Zur Sicherheit hat er ein Satellitentelefon in seinem Rucksack. Auch eine Digitalkamera ist eingepackt. "Ich möchte den Hörern auch einen optischen Eindruck von der Landschaft und meinen Gesprächspartnern vermitteln", sagt Ebbing zu seiner journalistischen Darstellungsform. Diese Bilder werden neben den abrufbaren Beiträgen auf den Internetseiten des Senders liegen. Hier können Hörer per Mailingliste das Tagebuch der Reportage abonnieren. Alles, was nicht in die Beiträge passt, sowie persönliche Erfahrungen während der reise schreibt Ebbing in das öffentliche Tagebuch. Der Radiomann ist auf seiner Tour per e-Mail erreichbar. "Die Hörer solen mir schreiben, was ihnen an den Beiträgen gefallen hat oder was sie vermisst haben. Vielleicht komme ich so auf weitere Themenideen", meint der Reisejournalist.

Ebbing, Mitarbeiter eines Moskauer Journalistenbüros, scheut die politischen Unruhen in der Region nicht. Ihn fasziniere die kulturelle Vielfalt und der Kontrast zwischen der Armut der Menschen und dem Reichtum an Bodenschätzen im Kaukasus. "Seit vielen Jahren wollen sich diese Völker von der Gängelung durch Moskau befreien", sagt Ebbing. Kein leichtes Feld für einen westlichen Reporter.

Etliche Behördengenehmigungen sind notwendig, um sich frei bewegen zu können. Ebbing spricht "gebrochenes Russisch und Englisch". Vor Ort verlässt er sich auf "Fixer". So nennen Korrespondenten einheimische Helfer. "As kommt vom englischen to fix, also reparieren, organisieren", erklärt Ebbing. Diese Leute sollen Interviews übersetzen und mit Behörden verhandeln. Zudem kennen sie die lokalen Gepflogenheiten. "Sie können einem auch sagen, wo man besser nicht hingeht", fügt Ebbing an.

Radio Bremen öffnet sich als einer der ersten öffentlich-rechtlichen Sender der crossmedialen Arbeit eines Journalisten. "Das Radioprogramm ist nur noch ein Teil des Gesamtangebotes. Der Nutzer hat die Möglichkeit, auf die Berichte Einfluss zu nehmen. Das ist eine nee Form, Nachrichten zu produzieren und auch zu konsumieren. Wir sehen uns auf diesem Gebiet in einer Vorreiterrolle", sagt Marion Gerhard, Redaktionsleiterin Bildung und Gesellschaft bei Radio Bremen.

Dem Sender erschliesst die Aktion neue Hörer. Zum einen sind die Beiträge im Netz unabhängig von Sendezeiten. Und zum anderen können auch Hörer ausserhalb des Sendegebiets Ebbing hören und die interviewten enschen aus dem Kaukasus sehen.

Dirk Kunde

NET-BUSINESS, Montag 17. April 2000, Seite 58

 

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