Afghanistan: Rückkehren oder in Deutschland bleiben?

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O-TON 1:
Afghanistan ist ein gemeinsames Haus aller Afghaner, und das ist so zerstört das Land, so kaputt geschossen, dass es ohne Anstrengung aller Afghaner, der Aufbau und ein lebenswürdiges Leben in dem Land nicht möglich ist.

Und damit stellt sich für Mohammad Shafi die Frage: in Deutschland bleiben oder in seine Heimat zurückkehren, um beim Wiederaufbau zu helfen?

Es ist ihm anzusehen, dass ihn diese Frage quält. Er ist ein feingliedriger Mann mit einer grossen Brille auf der schmalen Nase und einem sanften Händedruck. Die Wohnung in einer Reihenhaussiedlung in Lilienthal, einem Vorort von Bremen, hat er vor einem Jahr gekauft und sie sieht immer noch so makellos aus, wie sie beim Einzug ausgesehen haben muss. Kein Hinweis auf die afghanische Herkunft der vierköpfigen Familie: keine Bilder und keine Folklore.

Mohammad Shafi hat sich die Frage, ob er bleibt oder zurückkehrt, schon einmal stellen müssen, als sich die politische Situation in Afghanistan änderte, und damals hat er sie für sich postiv beantwortet:

O-TON 2
Wo es eine Hoffnung gab, dass gemässigte Kräfte, linke Kräfte an die Regierung kamen, ich dachte, das ist jetzt Zeit, dass ich jetzt für das Land was tue. Ich wusste was ich verdiene, 50 Mark im Monat, aber die materielle Seite war nicht eigentlich für mich massgeblich.

Das war 1979. Mohammad Shafi war bereits sieben Jahre in Deuschland. Er hatte in Kabul eine deutsche Schule besucht, war Techniklehrer geworden und ging dann zur Weiterbildung nach Bremen.

O-TON 3
Neben dem Studium war ich politisch aktiv. Damals war in Afghanistan, war ein rückständiges, feudalistisches Land und als wir herkamen und uns in einem anderen kulturellen Lebensniveau befunden haben ist diese Motivation, das Land voran zu bringen, das Land zu verändern, wurde immer und immer grösser.

Als 1978 die Kommunisten durch einen Putsch an die Macht kamen, wollte er nicht nur reden, sondern auch etwas tun und kehrte nach Kabul zurück. Mit dem radikalen Kurs des neuen Regimes hatte er anfangs keine Schwierigkeiten und auch der Einmarsch der sowjetischen Truppen stoppte seinen Aufstieg nicht. 1981 wurde er für vier Jahre afghanischer Botschafter in der damaligen DDR. Seine politischen Auffassungen begannen sich zu ändern.

O-TON 4
Die Sowjetunion, damals habe ich auch als Student gedacht, dass das im Rahmen der internationalistischen Hilfe nach Afghanistan gekommen ist, aber da war nicht dieses Interesse, sondern da waren die militärstrategischen Interessen, die Absicherung der Südflanke der Warschauer Pakt.

Der Abzug der Roten Armee aus Afghanistan machte den Weg frei für eine Regierung der nationalen Versöhnung, die auch Shafi unterstützte. Ein Mehrparteiensystem wurde eingeführt und ein Parlament geschaffen, aber für eine demokratische Wende war es bereits zu spät.
Während Mohammad Shafi als Generalkonsul sein Land von 1990 bis 92 im wiedervereinten Berlin repräsentierte, tobte zu Hause der Bürgerkrieg zwischen den einzelnen Mujahedin-Gruppen, bis schliesslich die Taliban an die Macht kamen. Er wurde gefeuert und für Shafi begann eine schwierige Zeit.

O-TON 5
Man konnte leider damals nur Nachrichten hören über Krieg, Zerstörung, Tod. Das war so monoton die nachrichten, dass das für mich damals so bedrückend war, dass es irgendwie auf meinen physischen Zustand Auswirkungen hatte.

In die Heimat konnte er nicht zurück, weil er auf den schwarzen Listen der Taliban stand. Dennoch gewährten ihm die deutschen Behörden erst nach dreieinhalbjährigem Kampf politisches Asyl.

O-TON 6
Das war die schwere Zeit meines Lebens.

Inzwischen hat er die Sozialhilfe, die er und seine Familie damals bezogen haben, längst wieder zurückbezahlt. Shafi arbeitet heute am Zentrum für Microsystemtechnik an der Bremer Universität und besitzt sogar seit zwei Jahren einen deutschen Pass.

O-TON 7
Aus dem Grund in erster Line, dass durch das Ausland reisen mit den afghanischen Dokumenten da wird man irgendwie ausgeschaut, als ob man einen grossen Diebstahl begangen hätte oder ob man als Schmuggler unterwegs ist.

Afghanistan als "das grosse Haus aller Afghanen", von dem Mohammad Shafi spricht, lässt schon anklingen, dass für ihn die ethnischen Unterschiede zwischen Pashtunen, Tajiken oder Usbeken, von denen jetzt bei der Regierungsbildung überall die Rede ist, nur eine untergeordnete Rolle spielen.

O-TON 8
Überhaupt keinen Unterschied mache ich zwischen Pashtunen und Tajiken, Hasara und Usbek. Also traditionell war auch ganz ruhig. Die haben friedlich miteinander gelebt. Ich persönlich habe auch hier in Deutschland Freunde, die zu den Pashtunen gehören und Freunde, die zu den Tajiken gehören.

Die Bedeutung von Stammeszugehörigkeiten, das gesteht er ein, habe durch die Bürgerkriege der letzten Jahre zugenommen, aber viel beunruhigender findet er es, dass fast ausschliesslich die Komandanten der einzelnen bewaffneten Gruppierungen die politische Diskussion derzeit bestimmen.

O-TON 9
Jetzt sieht der Zustand momentan so aus, dass viele Intellektuellen doch ausgegrenzt sind, dass sie bei den jetzigen Gesprächen in Bonn nicht vertreten sind, dass sie auch bei der Vorbereitung und weiteren Entwicklung nicht weiter beteiligt sind.

Das macht ihn misstrauisch. Die Taliban haben fast alle Intellektuelle und qualifizierten Fachkräfte aus dem Lande vertrieben, ohne sie ist aber kein Wiederaufbau möglich. Mistrauisch ist er auch gegenüber den neuen Machthabern in Kabul wie dem Führer der Nordallianz, Rabbani, der während seiner Zeit an der Macht für Gewalt und Chaos verantwortlich war.

O-TON 10
Ich traue Herrn Rabbani nicht. Der ist in meinen Augen ein religiöser Führer, aber nicht ein Staatsmann. Die Zukunft wird zeigen, ob er die Jahre, in er in den Jahren, in denen er in Opposition war, etwas gelernt hat.

Deshalb hat sich Mohammad Shafi erst einmal entschlossen, nicht zurückzukehren. Noch nicht. Sein Kampf mit seinem eigenen Gewissen ist noch nicht ausgestanden.

 

Länge 6:23

 

 

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