Kriegsschäden im Tourismusparadies

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Von Mehmets Haustür im türkischen Dogubayazit aus kann man fast zum Greifen nah den 5137 Meter hohen Berg Ararat, auf dem Noahs Arche nach der Sintflut gestrandet sein soll, in seiner ganzen majestätischen Schönheit bewundern. Keine 6 Kilometer Richtung iranische Grenze steht auf einer Anhöhe der Ishak Pasha Palast, eine weitläufige Anlage in buntgewürfelten Bausstilen aus dem 17. Jahrhundert, die der ehemalige Gouverneur der Region dort bauen liess. Von dort ist es buchstäblich nur einen Steinwurf entfernt, bis zu einem grossen Krater, der duch den Einschlag eines Meteoriten vor grauer Urzeit entstanden ist.

Das müsste doch eigentlich Leute interessieren, dachte Mehmet, und eröffnete Ende der 80er Jahre ein Tourismusbüro. Anfangs lief das Geschäft mit den organisierten Ausflügen zu den Sehenswürdigkeiten garnicht so schlecht, zumal Dogubayazit an der Hauptverkehrsverbindung von der Türkei in den Iran liegt.

O-TON 1: (00:04)
From 91, after the Gulf War, until now, not so many tourists.

Mit dem Golfkrieg, so sagt Mehmet, war es mit dem guten Geschäft vorbei. Der Irak ist zwar Luftlinie mehr als 300 Kilometer entfernt und kein Schuss ist jemals in Dogubayazit gefallen, aber die östliche Türkei galt plötzlich als ein gefährliches Reiseland und von diesem Ruf hat sie sich bis heute nicht erholt.

O-TON 2: (00:07)
This year near a hundred, a hundred-twenty a week. Sometimes two hundred.

Hundert, hundertzwanzig und in einer guten Woche auch mal zweihundert Touristen verirren sich derzeit noch hierher. Meistens sind es Abenteuertouristen auf dem Weg nach Indien oder auch einmal ein Reisebus, der einen Zwischenstopp einlegt.
Von solch einer kleinen Kundschaft kann ein Tourismusbüro nur schwerlich leben, zumal Mehmet für seine Dienste recht bescheidene Gebühren nimmt.

O-TON 3: (00:59)
Wir haben einen Standardpreis: 25 US Dollar pro Person. Aber wir brauchen mindestens vier bis fünf Personen pro Tour. Für die 25 Dollar bieten wir den Ishak Pascha Palast, den Krater, die Arche Noah und ein Picknick für eine Tour, die sechs bis sieben Stunden dauert.

Um die fünf Touristen pro Tour zusammen zu bekommen, streift Mehmet abends durch die Restaurants der Stadt und spricht jeden an, der wie ein Fremder aussieht. So hat er auch mich gefunden.
Mit der Arche Noah ist eine Gesteinsformation gemeint, deren Umrisse einem Schiff gleichen. Forscher, die gern den Nachweis führen wollen, dass die biblische Geschichte von Noah und seiner Arche Tatsache ist, glauben hier den handfesten Beweis gefunden zu haben. Mehmet ist da ein wenig skeptisch:

O-TON 4: (00:25)
Vor 50 Jahren kamen ein paar Amerikaner und entdeckten diesen Ort und sagten, dies ist die Arche Noah. Für uns ist das gut. Wir veranstalten eine Tour. Ich glaube nicht, dass es wirklich die Arche Noah ist, aber es sieht hübsch aus. Vielleicht ist es ein anderes Schiff, aber auf jeden Fall hat man von dort einen guten Ausblick.

Die Arche Noah ist mehr oder weniger eine Glaubensfrage, wie sich überhaupt die Interessen der Besucher an ihrer Religionszugehörigkeit orientieren.

O-TON 5: (00:12)
Christian people are looking for Noah's arc. Islamic people just coming here for Ishak Pasha.
Christen interessieren sich für die Arche Noah, während Moslems sich lieber den Palast von Ishak Pasha anschauen.

Dogubayazit hat aber noch eine andere, weniger historische Attraktion. Das Städtchen war früher für seinen Schmuggel von Waren aus und in den naheliegenden Iran bekannt. Die türkische Regierung entschloss sich schliesslich, den illegalen Handel zu legalisieren und richtete eine kleine Freihandelszone an der Grenze ein.

O-TON 6: (00:31)
Before it was smuggler, but now government gives to everybody boarder business card. With this card it is very easy to go to buy in Iran and bring to Turkey. So, near the boarder is a bazar, half in Iran, half in Turkey. Many things are coming from Iran. From Turkey, cloths are going to Iran. From Iran Kelim, carpets, food, vegetable.
Früher wurde geschmuggelt, aber jetzt gibt die Regierung jedem einen speziellen Ausweis, mit dem es sehr einfach ist, im Iran einzukaufen. An der Grenze ist ein Markt entstanden, halb auf türkischem und halb auf iranischem Gebiet. Aus der Türkei wird Kleidung in den Iran verkauft, aus dem Iran kommen Teppiche, Nahrungsmittel und Gemüse.

Eine holperige, unbefestigte Strasse führt kurz vor dem Grenzgebäude nach links einen Hügel hinunter. Beiderseits eines Zaunes stehen langgestreckte Baracken. Auf der einen Seite der Absperrung wachen türkische, auf der anderen Seite iranische Grenzbeamte. Nein, Fotos dürfe ich nicht machen, aber ansonsten lassen mich die Grenzer passieren.
Wir sind ein wenig spät gekommen. Die meisten Geschäfte haben schon geschlossen. Männer stehen zusammen und trinken Tee.

O-TON 7:
[Iranischer Händler]

Die Geschäfte laufen glänzend, versichert dieser Irani, der vorwiegend Seifen und Waschmittel verkauft. Er lädt mich zu einem Tee ein, während Mehmet noch etwas zu erledigen hat. Etwas verlegen bittet er mich, ob ich ihm schon einmal die 20 Dollar geben könne, die wir als Preis für die Führung vereinbart haben. Er nutzt die günstige Gelegenheit, um bei einem iranischen Händler Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Äpfel zu kaufen. Das Abendessen für Mehmets achtköpfige Familie ist gesichert.

Das Leben ist hart für einen Fremdenführer in Dogubayazit.

 

Länge 5:23

 

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© Martin Ebbing 2001