Lisa im Schnee

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Er ist der höchste Berg Europas, 5642 Meter hoch mit einer schneebedeckten Doppelspitze, die aus der Bergkette des Kaukasus herausragt.

O-TON 1: Das erste Mal habe ich den Elbrus gesehen vom Flugzeug aus. Wir sind also wohl direkt über die Hauptkette geflogen hier in der Nähe und das fand ich sehr beeindruckend nachdem ich vorher keine Berge gesehen hatte. Die Natur hat mich sehr beeindruckt, beim ersten Mal schon. Das war also sehr menschenarmen und auch wirklich sehr gute Bedingungen fürs Skilaufen auch, und es war sehr exotisch. Also es waren vorher wohl sehr wenig Ausländer hier im Winter.

Lisa Pohl lebt heute in Terskol, einem kleinen Nest am Fuße des Elbrus, und betreibt dort eine Snowboard Schule. Und das kam so:

1991 studierte sie in Wolgograd (dem ehemaligen Stalingrad) Russisch, litt unter der grauen Stadt und sehnte sich nach kleinen Abenteuern. Eingeweihte erzählten ihr von den russischen Skiparadiesen im Kaukasus, wo während der Sowjetzeit nur die Berühmten und Privilegierten im Schnee tollen durften.

O-TON 2: Möglicherweise, was mich eigentlich mehr gereizt hat, war, dass es eigentlich sehr schwierig war, überhaupt hierher zu kommen. Also man brauchte da wirklich Leute vor Ort, die einen da eingeladen haben, und möglicherweise hat das irgendeine Anziehungskraft gehabt für mich. Das musste irgendwas geben, ein Geheimnis, weshalb einen die Leute nicht hierher lassen wollten.

Ein Geheimnis sind die phantastischen Möglichkeiten zum Snowboard-Fahren. Hunderte und Hunderte Meter an Abfahrten durch tiefen Schnee und unberührte Landschaft.

Lisa kam wieder und dann immer wieder, traf Sascha, einen Einheimischen, heiratete und blieb.

O-TON 3: Ja, nachdem wir schon Snowboard gefahren sind, zwei, drei Jahre, hatte ich dann irgendwann die Idee, einfach Geld zu machen, vor allem weil es überhaupt keine Schulen, also es gab keinen Verleih damals, und das Snowboarden, das fing in Russland gerade an populär zu werden. Inzwischen ist es also wahnsinnig populär.

Die Schüler sind vor allem junge Leute aus Moskau und St. Petersburg, die das nötige Kleingeld für einen Ausflug in den Kaukasus besitzen. Unter westeuropäischen Snowboardern hat sich das Paradies am Elbrus noch nicht herumgesprochen. Das mag zum einen daran liegen, dass aus der Entfernung der Kaukasus wie ein einziges Tschetschenien erscheint. Der Krieg ist aber mehr als 300 Kilometer von Terskol entfernt und von seinen Auswirkungen ist nichts zu spüren. Das mag vielleicht auch an der etwas schwierigen Anfahrt liegen oder es mag daran liegen, dass das Nachtleben am Elbrus nicht sehr ausschweifend ist.

O-TON 4: Also so wie bei uns in Europa gibt es das hier nicht. Es gibt in jedem Hotel eigentlich eine Bar, mindestens eine, und es gibt auch eine Diskothek in dem Armee-Hotel. Die gab es auch schon früher zu Sowjetzeiten, aber es eher ein relativ ruhiger Ort im Vergleich zu anderen Skigebieten.

Während des Sommers, der von Anfang Juli bis zum September reicht, schmilzt der Schnee so weit, dass Snowboarding nicht möglich ist. Terskol sieht dann mehr wie eine verschlafene Ansammlung von schiefen Häusern aus. In diesen Monaten tauchen dann Ausländer mit riesigen Rucksäcken, klobigen Stiefeln und Schneebrillen auf - Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel des Elbrus.

O-TON 5: Mir haben es so gemacht: wir sind mit der Seilbahn hochgefahren, haben auf Dreiacht einmal geschlafen, sind aufgestiegen auf die Vijott Elewen , haben dort weitergeschlafen und sind von dort aufgestiegen auf den Gipfel.

Michael Baflowski gehört zu einer Gruppe von Österreichern, die die Seven-Summit-Tour, das Erklimmen des jeweils höchsten Berges auf den sieben Kontinenten (Arktis und Antarktis eingeschlossen), absolviert.

Der Elbrus gilt als der einfachste unter den sieben Gipfeln, aber so ganz ohne ist er auch wieder nicht.

O-TON 6: Man braucht kein erfahrener Alpinist zu sein. Man muss einigermaßen trainiert sein, weil man spürt nicht nur die Höhe, weil man spürt auch die Schwefelgase, die aus den Kratern kommen. Der Elbrus ist ein schlafender Vulkan und diese Gase machen einem manchmal schon zu schaffen.

Es empfiehlt sich, den Gipfel nicht alleine zu erstürmen, sondern sich von einem erfahrenen Führer wie Lisa begleiten zu lassen, womit wiederum während des Sommers ein paar Rubel in die Haushaltskasse kommen.

Das Leben in Terskol ist nicht ganz einfach. Die Balkaren, die sich vor gut 300 Jahren dort angesiedelt haben, sind ein Volk mit stolzen Traditionen und einem tiefen Misstrauen gegenüber Fremden.

O-TON 7: Also die Frauen im Ort die sitzen natürlich gern oft hier zusammen, und da sie wenig zu tun haben, reden sie oft über alles mögliche und es kann sein, dass die da viel über uns auch reden, oder über mich, aber mir macht das im Grunde nicht viel aus.

Lisa Pohl versucht es mit Gelassenheit zu nehmen. Zu offenen Feindschaften ist es bislang nicht gekommen, aber Freundschaften sind auch nicht gewachsen.

An den Verständigungsschwierigkeiten liegt es auf jeden Fall nicht, denn Lisa ist Linguistin und schreibt derzeit ihre Doktorarbeit über die Grammatik der balkarischen Sprache.

O-TON 8: Es gibt bisher noch keine Grammatik in einer westlichen Sprache. Es gibt eine Grammatik in Balkarisch und dann gibt es eine in Russisch. Diese Grammatik soll erst einmal die Sprache für westliche Wissenschaftler zugänglicher machen. Die werden vor allem Linguisten lesen.

Viele weiteren Leser wird die Arbeit nicht haben. Balkarisch wird weltweit von etwa einer Viertelmillionen Menschen gesprochen.

Lisa sieht es gelassen, schnappt sich ihr Snowboard und macht sich auf in Richtung Gipfel

 

Länge 5:06

 

 

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