Nordirak: Warten und Hoffen

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Es wird geraunt und geflüstert. Die einen wollen wissen, dass am 9. Juli ein Massen-Sit-In auf dem Universitätsgelände stattfinden wird. Die anderen sind sich sicher, dass nichts passieren wird, weil die Sicherheitsdienste die Situation im Griff haben. Die dritten wiederum wissen es auch nicht, hoffen aber, dass der 9. Juli, der Jahrestag der zwangsweisen Schliessung der reformorientierten Zeitung "Salom" nicht ereignislos verstreichen wird. Vor vier Jahren kam es fünf Tage lang zu Demonstrationen vor allem von Studenten gegen das Regime, denen regierungstreue Schlägertrupps schließlich brutal ein Ende bereiteten.

Und es gibt nächtliche Anrufe eines Informanten, der um ein sofortiges Treffen in irgendeinem Park in Teheran bittet. Was er zu erzählen hat, ist zu heikel, um am Telefon besprochen zu werden. Der iranische Sicherheitsdienst könnte mithören.

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Student + Auto

Der Informant, Mitglied einer Studentengruppe, will die herbeigerufenen ausländischen Journalisten auf einen Hungerstreik von Studenten des Fremdspracheninstitutes der Alawme Tabotaboi Universität aufmerksam machen, der um Mitternacht begonnen hat.

Die Zeit eilt, denn die Polizei kann dem Protest in wenigen Stunden ein Ende bereiten. Alle sind nervös, auch die Journalisten. Werden sie von der Polizei ertappt, kann es zu Schwierigkeiten mit den iranischen Behörden, im schlimmsten Fall sogar zum Entzug ihrer Arbeitserlaubnis kommen. Hastig wird ein kleines Interview mit den zwanzig Demonstranten geführt, die sich hinter dem Eingangstor des Institutes verschanzt haben.

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Interview Studenten

Die Stundenten fordern die Freilassung ihrer bei den Demonstrationen der letzten Wochen festgenommenen Kommilitonen. Eine Versammlung am 10. Juni gegen vermeidliche Pläne der Regierung, die Universitäten zu privatisieren, entwickelte sich mehrere Abende lang zu einer Folge von Demonstrationen gegen das Regime. Wieviel Demonstranten dabei genau festgenommen wurden, ist nicht bekannt. In Zeitungsberichten war von 4.000 die Rede, ein Sprecher des Justizministeriums nennt eine Zahl von 1.000. Sie sollen in den kommenden Tagen vor Gericht gestellt werden.

In den iranischen Medien wurde allerdings nur am Rande über die Proteste berichtet. Im Internet konnte man aber auf studentischen Websites aktuelle Nachrichten über die Ereignisse lesen. Zudem widmeten sich die TV Sender der in Kalifornien lebenden Exil-Iraner ausführlich der Situation in Teheran. Trotz Störversuche der Regierung kann man diese Programme via Satellit auch innerhalb des Landes - wenn auch illegal - empfangen.

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NITV

Die Demonstrationen fanden Unterstützung über den Kreis der Universität hinaus. Familien fuhren ins Zentrum, um zumindest zuzuschauen. Auch an Universitäten in anderen Städten fanden Proteste - und Verhaftungen - statt.

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Das Hauptproblem ist, dass sich die Regierung nicht um die Belange der Menschen kümmert - sagt dieser Verkäufer. Alles ist sehr teuer, die Miete, die Lebensmittel. Für junge Menschen ist es sehr schwierig zu heiraten. Jemand in der Regierung muss sich um diese Probleme kümmern.

Im Kern werden die Proteste von den jungen Leuten getragen. 70 Prozent der iranischen Bevölkerung ist 30 Jahre und jünger. Ihnen, so eine iranische Journalistin, die ihren Namen aus Furcht vor Repressionen nicht genannt sehen möchte, geht es vor allem um ein Ende der Bevormundungen.

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Sie fordern Demokratie, aber im Kern geht es mehr um persönliche Freiheiten. Sie wollen nicht mehr, dass die Regierung ihr Verhalten, ihr persönliches Leben kontrolliert. Sie wollen die Freiheit, selbst zu entscheiden, beispielsweise welche Musik sie hören können. Hinzu kommt die wirtschaftliche Sicherheit. Junge Leute wollen beispielsweise eine eigene Wohnung, was sie sich nicht leisten können. Sie müssen bei ihren Eltern leben und sind darüber sehr unglücklich.

Die Protestbewegung im Iran ist ohne Zweifel sehr populär, aber es ist vor allem eine Revolte der mittelständischen Jugend. Es fehlen sowohl die landesweite politische Organisation wie ein wirklich politisches Programm, das die Interessen der Landbevölkerung, der Arbeitslosen oder der ethnischen und religiösen Minderheiten mit einbezieht oder eine Alternative zur herrschenden Regierung weisen würde.

ATMO
Freitagsgebet

Dennoch nimmt die herrschende Elite die Revolte sehr ernst.

Beim zentralen Gebet am gestrigen Freitag warnte Ayatollah Mohammed Emami Kashani die Jugend, sich von "ausländischen Feinden" nicht infiltrieren zu lassen. Gleichzeitig forderte er ein härteres Vorgehen gegen die Übeltäter.


 

Länge 3:51

 

 

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