Georgien: Unter die Terroristen gefallen

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Eigentlich stammt Jibrahilow Mashud Masurowitsch aus Tschetschenien. Dann hat er ein paar Monate im Pankisi Tal in Georgien verbracht und nun sitzt er in einem Gefängnis in Abchasien. Irgendwie wundert er sich selbst, wie das alles gekommen ist.

O-TON 1: Ich war im Pankisi-Tal. Ich war dort als ein Flüchtling. Es gab dort auch Kämpfer von Ruslan Gelajew, die nach Tschetschenien zurück wollten. Aber irgendwie geschah es, dass ich mit einer Waffe in der Hand in Abchasien landete. Ich wollte eigentlich nach Tschetschenien, aber ich endete in Abchasien.

In Tschteschenien sei er ein friedliebender Bauer in einem Dorf im Bezirk Videnski gewesen, erzählt Mashud, der nur versucht habe, seine Familie über die Runden zu bringen. Ein "Bojewiki", ein bewaffneter Rebell, so versichert er, sei er nie gewesen. Dennoch sei er im Februar letzten Jahres während einer Durchsuchungsaktion von einer russischen Kugel ins Bein getroffen worden.

Tschetschenische Helfer hätten ihn durch Dagestan nach Aserbaidschan geschmuggelt, wo im Republik Krankenhaus in der Hauptstadt Baku seine Verletzung behandelt wurde. Arrangiert wurde dies von Tschetschenen, über die Mashud nichts weiter sagen möchte. Als er wieder gesund war, erklärten ihm seine Freunde, es sei an der Zeit, dass er sich wieder um sich selbst kümmere. Da er Angst hatte, nach Tschetschenien zurückzukehren, überquerte er illegal die Grenze zu Georgien und schlug sich ins Pankisi Tal, wo 7.000 tschetschenische Flüchtlinge Unterschlupf gefunden haben, durch.

Dort blieb er fünf Monate, bis ihn das Heimweh packte und er von einer Möglichkeit hörte, in einem LKW Konvoi von den russischen Grenzern unbemerkt Tschetschenien zu erreichen.

O-TON 2: Ich hatte keine Idee, wie das genau funktionieren sollte. Ich war vorher noch nie in Georgien gewesen und ich habe auch das Pankisi Tal nicht verlassen. Man hat uns nur gesagt, dass wir 650 Kilometer fahren und dann noch mal 40 Kilometer zu Fuß gehen müssten, um zum nächsten tschetschenischen Dorf zu kommen.

Wenn Mashud auf eine Landkarte geschaut hätte, wäre ihm aufgefallen, dass eine solche Fahrt angesichts der kaukasischen Berge und der scharfen russischen Kontrollen kaum möglich ist, aber er vertraute den Worten von Ruslan Gelajew.

Gelajew ist einer der Führer der tschetschenischen Rebellen und steht ganz oben auf den russischen Fahndungslisten. In dem Moment, in dem Mashud sich ihm anschloss, wurde er - aus russischer Sicht - zum Mitglied einer Terrorgruppe, zu einem bewaffneten Mitglied einer Terrorgruppe, um genau zu sein.

O-TON 3: Bis dahin hatte ich im Pankisi Tal als Flüchtling gelebt, aber bevor wir in die LKWs einstiegen, wurden uns Waffen gegeben. Man erzählte uns, ohne Waffen würden wir nicht nach Tschetschenien kommen.

Glaubt man Mashud, dann waren die Waffen die erste Überraschung. Die zweite kam, als er sich die LKWs, mit denen er fahren sollte, genauer anschaute.

O-TON 4: Es waren georgische Miliär-LKWs und es waren Vertreter des georgischen Sicherheitsdienstes als Fahrer und Begleiter. Es waren ungefähr 10 Fahrzeuge.

Die georgischen Sicherheitskräfte, die bislang immer behauptet hatten, sie wüssten nichts von einem Aufenthalt von tschetschenischen Freischärlern in ihrem Land, stellten nun Gelajew und seinen Leuten Transportmitteln zur Verfügung. Die Fahrt ging aber nicht nach Tschetschenien, sondern in ein geheimes Lager an der Waffenstillstandslinie zu Abchasien.

In einem Bürgerkrieg hatte sich diese fruchtbare Republik am Ufer des Schwarzen Meeres 1993 mit russischer Hilfe von Georgien losgesagt, wird aber von keinem Land der Welt als eigener Staat anerkannt. Die Regierung in Tbilisi versucht seither, die Kontrolle über Abchasien zurück zu erlangen.

In dem Camp an der Waffenstillstandslinie beobachtete Mashud ein enges Verhältnis zwischen Gelajew und georgischen Offiziellen.

O-TON 5: Manchmal kamen Georgier mit Booten und trafen sich mit Gelajew. Diese Georgier sagten, sie seien Grenzwachen.

Am 4. Oktober kam schließlich der Marschbefehl. Ein bunter Haufen von etwa 400 Mann überquerte heimlich die Waffenstillstandslinie und drang in das Kodori Tal auf abchasischem Geiet ein.

O-TON 6: Wenn ich von 400 Leuten sprach, dann meinte ich eine Mischung von Kist, Türken, Arabern, Dagestanern, Karbadinern, Balkaren und Georgiern.

Die Kist sind ein Volksstamm tschetschenischer Herkunft, der im Pankisi Tal lebt, Karbadiner und Balkaren Bergvölker auf der russischen Seite des Kaukasus und die Georgier, die sich der Gruppe anschlossen, gehörten zu den "Waldbrüdern" - einer Partisanenorganisation, die sich die bewaffnete Wiedereroberung Abchasiens zum Ziel gesetzt hat.

Mit ihren Attentaten, Anschlägen und Überfällen torpedieren die Waldbrüder jede friedliche Lösung zwischen der georgischen Regierung und den abchasischen Vertretern. Mit dem Einmarsch nach Abchasien gehörte Mashud nun nicht nur zu einer tschetschenischen Rebellenorganisation sondern nahm auch an einer Operation teil, die nach dem von der UN überwachten Waffenstillstandsabkommen verboten ist.

Das Unternehmen nahm ein blutiges Ende. Abchasische Milizen rieben die Eindringlinge auf. Russische Flugzeuge bombardierten das Kodori Tal. Es drohte ein Wiederaufleben des Krieges unter russischer Beteiligung. Mehr als 20 Menschen verloren ihr Leben. Ein UN Hubschrauber mit neun Menschen an Bord wurde abgeschossen. Beide Seiten, die Abchasier wie die Eindringlinge, gaben sich für den Vorfall die Schuld, aber Mashud, der sich in unmittelbarer Nähe aufhielt, ist überzeugt, dass Gelajews Leute auf den Hubschrauber geschossen haben.

O-TON 7: Es war Gelajews Flugabwehr. Sie hatten sich geirrt. Sie wussten nicht, dass es die UN war. Sie dachten, es sei ein abchasischer oder ein russischer Hubschrauber.

Nach diesem Vorfall hatte Mashud die Nase voll. Er ergab sich den abchasischen Milizen, die ihn ins Gefängnis steckten.

O-TON 8: Ich wollte nicht kämpfen. Ich bin nur nach Abchasien hineingeraten, aber ich wollte nicht an einem Krieg teilnehmen. Deshalb habe ich aufgegeben.

Der Gefängnisaufseher, der das Interview überwacht, bestätigt Mashuds Geschichte. Die Abchasier führen ihre Gefangenen gern der ausländischen Presse vor, um zu zeigen, dass die georgische Seite das Waffenstillstandsabkommen verletzt.

Mag sein, dass Mashud erzählt, was die Abchasen hören wollen, um mit einem milden Urteil davon zu kommen. Es mag auch sein, dass er in Tschetschenien kein argloser Bauer war. Der Kern seiner Schilderungen wird aber von anderen Quellen bestätigt.

Gelajew und einem Grossteil seiner Männer ist es gelungen, aus Abchasien zu entkommen. Sie befinden sich heute wieder im Pankisi Tal.

An dem Tag, an dem Mashud in das Gefängnis gebrachte wurde, kehrte der georgische Präsident Edward Schewardnadse aus Washington zurück. Dort hatte er um Hilfe bei der Bekämpfung von Terroristen und kriminellen Banden gebeten. Die US Regierung sagte ihm zehn Hubschrauber, Ausbilder und eine wohlwollende Prüfung weiterer Unterstützung zu.

 

Länge 7:18

 

 

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