Selbstmorde in Batman

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Die Beerdigung ist schon mehr als eine Woche vorüber, aber die Familie weiß immer noch keine Antwort, warum sich die 21jährige Zeynep Ulum das Leben nahm.

O-TON 1: Ich weiß nicht, warum sie Selbstmord begangen hat, sagt ihr Bruder. Niemand in der Familie weiß es. Wir haben gerade Tabak geschnitten als sie zu uns kam und sagte, bitte, vergebt mir. Dann ging sie ins Haus. Als wir sie später dort entdeckten, haben wir sie sofort ins Krankenhaus gebracht, aber es war zu spät.

Auch Zeyneps Mutter, eine gedrungene Frau unter deren Kopftuch eine knollige Nase und ein zerfurchtes Gesicht hervorlugen, ist ratlos.

O-TON 2: Zeynep war eine sehr gereizte Person. Sie hat sich niemandem anvertraut. Nicht ihren Brüdern und auch nicht ihrer Mutter. Sie ist nicht viel aus dem Haus gegangen. Sie hat immer den Koran gelesen oder genäht. Ich weiß nicht, was ihr Problem war.

Zeynep war ein Mädchen ohne Freundinnen. Die Schule hat sie bereits nach der vierten Klasse abgebrochen. Sie schlief gern, oft bis in den Nachmittag. Wovon sie geträumt hat, was sie sich von ihrem Leben erhofft, weiß ihre Familie nicht.

Zeyneps Tod ist gleichzeitig ein weiterer Fall in einer Reihe, mit der Batman, eine überwiegend kurdisch bewohnte Stadt mit rund 200.000 Einwohnern im hinteren Südosten der Türkei, traurige Bekanntheit erreicht hat. Ende 1999 begann hier eine Welle von Selbstmorden von Mädchen und jungen Frauen. Etwa 140 Versuche werden seither pro Jahr gezählt, von denen knapp 50 (also einer die Woche) erfolgreich verlaufen.

Saadet Becerikli arbeitet bei der türkischen Menschenrechtsorganisation IHD und versucht Hilfe für diese junge Frauen zu organisieren.

O-TON 3: Die Mädchen stammen meist aus den armen Gegenden von Batman. Es sind Familien, die von der Regierung aus ihren Dörfern hier in der Gegend vertrieben wurden und die große wirtschaftliche Probleme haben. Die Mädchen sind alle zwischen 15 und 25 Jahre alt.

Fast zwanzig Jahre lieferten sich die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) und die türkischen Sicherheitskräfte eine verbissene militärische Auseinandersetzung, die endete, als im Februar 1999 PKK-Führer Abdullah Öcalan verhaftet wurde. Die PKK erklärte anschließend einen Waffenstillstand.

Viele kurdische Bauern flüchteten damals vor diesen Kämpfen in die Städte oder wurden von der Regierung systematisch in Säuberungsaktionen vertrieben. Der Krieg, so Saadet Becerikli, hat tiefe Spuren hinterlassen, die für die Selbstmordwelle mitverantwortlich sind.

O-TON 4: Es gibt eine Reihe von Gründen für einen Selbstmord: soziale, politische und psychologische. Der Krieg, der zwischen 1985 und 1995 am heftigsten tobte, ist vielleicht der wichtigste. Viele Menschen verschwanden spurlos. Regierungstruppen haben auf offener Strasse Menschen erschossen. Viele haben das mit ansehen müssen, konnten aber nichts dazu sagen. Sie lebten in ständiger Angst, dass sie oder ein Mitglied ihrer Familie die nächsten sein könnten. Viele wurden depressiv.

Die Entwurzelung kommt hinzu. In den oft weit voneinander entfernten und abgeschlossen Dörfern werden traditionelle Lebensweisen gepflegt, die an vergangene Jahrhunderte erinnern. Frauen gelten als Menschen zweiter Klasse, Hochzeiten werden von den männlichen Familienoberhäuptern arrangiert.

O-TON 5: In unserer Gesellschaft herrschen in den Beziehungen innerhalb der Familien nahezu feudale Verhältnisse. In den Familien bestehen sehr strenge Regeln und sehr strikte religiöse Normen. Die Alten zwingen die Jungen, nach diesen traditionellen Regeln zu leben. Wenn die jungen Menschen aber das Leben in der Stadt sehen, dann möchte sie auch so leben. Sie sind aber wirtschaftlich nicht unabhängig und es kommt zu großen Konflikten.

Vertreibung, die Auflösung traditioneller Strukturen, traumatische Erinnerungen an den Krieg und wirtschaftliche Probleme existieren aber nicht nur in Batman, sondern gelten für den gesamten kurdisch besiedelten Südosten der Türkei. Warum mehreren sich dann die Selbstmorde vor allem in Batman?

O-TON 6: Es gibt auch in anderen Städten wie Musch, Mardin oder Diyarbakir Selbstmorde, aber Batman steht mehr im Mittelpunkt der Medien. Es gibt hier aber auch ein paar Besonderheiten. Während des Krieges gehörte Batman zu den Städten, in denen am heftigsten gekämpft wurde. Während dieser Zeit wurden im Durchschnitt sieben Menschen am Tag getötet. Die Regierung will sich deshalb mit den Selbstmorden nicht beschäftigen, weil sie weiss, dass dann viele Dinge an die Oberfläche kommen. Deshalb schickt Ankara nur religiöse Vertreter, die sich als Seelsorger um das Problem kümmern sollen.

In der Tat hat die Regierung in Ankara es bislang dabei belassen, religiöse Vertreter nach Batman zu schicken, die davor warnen, dass der Islam es verbiete, das eigene Leben zu nehmen. Saadet Becerikli von der IHD engagiert sich mit Gleichgesinnten für ein Frauenhaus, zu dem neben einer psychologischen Beratungsstelle auch eine Teppichmanufaktur gehören soll. Die Stadtverwaltung in Batman unterstützt dieses Projekt, hat aber kein Geld.

Deniz und Gürkan Salin haben nicht mehr mit irgendeiner Hilfe gerechnet. Während im Vorraum des Hauses sich die alten Frauen versammeln und laut klagen, die Kinder herumtollen und nicht so recht wissen, was all die Aufregung bedeutet, sitzt Mehmet allein im hinteren Zimmer.

O-TON 7: Um acht Uhr heute Morgen hörten wir die Kinder schreien und dann haben wir unten, wo mein Bruder und meine Schwägerin wohnten, nachgeschaut. Sie lagen beide tot auf dem Boden. Offensichtlich haben sie sich gegenseitig getötet. Mein Bruder hat erst seine Frau umgebracht und dann sich selbst.

Beide Brüder waren mit ihren Familien und ihren Eltern vor acht Jahren aus ihrem Dorf vertrieben worden und nach Batman gekommen. Seither schlagen sie sich mehr oder weniger mit Viehzucht, die sie in einem kleinen Stall im Hinterhof betreiben, durch.

O-TON 8: Mein Bruder hatte keine Arbeit und konnte die Elektrizitäts- und Wasserrechnung nicht bezahlen. Dieses Haus haben wir zusammen gebaut und es gab keine Miete, die er einnehmen konnte. Er wusste keinen Ausweg mehr und deshalb hat er sich umgebracht.

Mehmet Bruder und seine Schwägerin hatten fünf Kinder. Die Älteste ist acht Jahre, der jüngste sieben Monate alt. Was wird aus ihnen werden? Mehmet hebt ratlos die Schultern. Dann mischt sich seine Frau ein, die ausspricht, was Mehmet wohl auch schon ahnt.

O-TON 9: Wir müssen sie ernähren weil ihre anderen Onkel sehr, sehr arm sind. Wir haben eigentlich auch nicht die Möglichkeit, aber was sollen wir tun? Wir können sie ja nicht verhungern lassen.

 

Länge 7:29

 

 

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