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[Atmo Glocken]
Im äussersten Südwesten Armeniens, gerade einen
Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt, ragt ein imposanter
Glockenturm in den Himmel.
Der Turm ist Teil einer grossen Anlage, die im Andenken an die Schlacht
von Sarabat am 22. Mai 1918 gebaut wurde. Gegenüber standen sich
ein türkisches Heer von mehr als 10.000 Mann und eine weit schwächere
Armee von Armeniern, die den Angreifer zurückzuschlagen versuchten.
O-TON 1: (0:18)
Es war eine Volksschlacht, weil
an der Schlacht hat nicht nur das Heer teilgenommen, sondern das ganze
Volk. Alle. Sogar die kleinen Kinder und Frauen. Alle verstanden, weil
dank dem Sieg hier nicht weit von Satarabat konnten wir existieren und
weiterleben, ja.
Dieses Gefühl, im Laufe der Geschichte immer von
übermächtigen Feinden verfolgt worden zu sein, prägt nicht
nur den Vortrag der Museumsführerin, sondern ist Bestandteil des
kollektiven Bewusstseins des Landes.
[Atmowechsel Völkermordmuseum]
Auf einem Hügel am Stadtrand der Hauptstadt Jerewan
erhebt sich ein weiteres mächtiges Mahnmal, das mit Rundbau, Obelisk
und ewigem Feuer dem jüngsten Trauma der armenischen Geschichte,
dem Völkermord durch die Türkei, gewidmet ist. In der Ausstellungshalle
sind die Fotos von ausgemergelten Flüchtlingen, von Leichenbergen
und von zerstörten Ortschaften zu sehen. Am Eingang hängt ein
Landkarte der Osttürkei - oder Westarmenien, wie die Armenier sagen.
Eine Vielzahl roter Punkte markiert die Orte, an denen Massaker stattfanden.
Ausländische Besucher und Staatsgäste werden hierher geführt.
Jedes Jahr am 24. April versammeln sich Hundertausende um gemeinsam mit
dem Präsidenten, Vertretern aller Parteien und wichtiger gesellschaftlicher
Organisationen sowie der Kirche des Völkermordes zu gedenken.
O-TON 2: (0:40)
Der Genozid war ein Markstein
unserer Geschichte. Er war prägend für das armenische Volk.
Er hat zu dem geführt, was wir heute sind. Wir haben viele Menschen
und einen Teil unseres Landes verloren. Und natürlich geht es auch
um die Erinnerung und den Respekt vor den Toten, die damals ihr Leben
lassen mussten.
Dr. Laurenti Barsenan leitet das Völkermordmuseum
in Jerewan. 600.000 bis 800.000 Besucher kommen jedes Jahr - die überweigende
Mehrzahl sind Armenier, die im Ausland leben.
O-TON 3: (0:41)
Der Völkermord betrifft nicht
allein die Armenier, die in Armenien wohnen. Der Genozid fand ja auch
nicht innerhalb unserer jetzigen Grenzen, sondern in der heutigen Türkei
statt. Fast jede armenische Familie hat Verwandte, die ermordet oder vertrieben
worden sind, und das betrifft vor allem die Armenier, die ins Ausland
geflüchtet sind. Das ist unsere gemeinsame Erfahrung. Dieses Denkmal
hier in Jerewan ist das Zentrum der Erinnerung, aber es gibt auch Denkmäler
und Erinnerungsveranstaltungen in Frankreich, wo viele Armenier leben,
in Italien, in den USA, in Kanada, in Syrien oder im Libanon.
Zweidrittel aller Armenier - so wird geschätzt -
leben ausserhalb des Landes. Die vielen persönlichen Erinnerungen
an den Völkermord und das Bemühen, die Welt dazu zu bewegen,
den Genozid offiziell anzuerkennen, sind ein starkes Band, das die Armenier
in der Diaspora an ihr Herkunftsland bindet.
[Atmowechsel Kirche]
Ein zweiter Hinweis darauf, was es bedeutet, ein Armenier
zu sein, findet sich in der Kathedrale in Etchmiadzin, dem Sitz des Katholikos,
dem Oberhaupt der Armenischen Kirche. In einem Seitenraum führt ein
Mönch durch eine Ausstellung von Reliquien und wertvollen Geschenken,
die von armenischen Gemeinden im Ausland gestiftet wurden.
Hovnan Derderian, Erzbischof der armenischen Kirche in Kanada:
O-TON 4: (1:06)
The church has been the golden
bridge between Armenia and diaspora, and has been the very ground which
unites all Armenians in every community in every country and in Diaspora
in general. It is amazing to see that through the church we were able
to continue our life as Christian Armenians. When we look at the genocide
which was perpetrated at 1915, the orphans of the genocide wherever they
have went, Aleppo, Lebanon, Europe, South America, America, as orphans
they had the vision to construct churches. Without having any homes they
took the initiative to build churches, and those churches have become
for us the stronghold and the foundation for our whole being.
Die Kirche ist das Verbindungsglied zwischen Armenien und der Diaspora.
Sie ist die Grundlage, auf der alle Armenier in den verschiedenen Gruppen
in all den unterschiedlichen Ländern zusammenfinden. Es ist erstaunlich
zu sehen, wie es durch die Kirche möglich wurde, unser Leben als
Christen fortzusetzen. Wenn wir uns die Waisen des Völkermordes anschauen
- wo immer sie hingegangen sind, nach Aleppo in Syrien, in den Libanon,
nach Europa, Südamerika, Nordamerika, überall hatten sie die
Vision, eine Kirche zu bauen. Ohne eine Heimat haben sie begonnen, den
Grundstein für eine Kirche zu legen, und diese Kirchen sind unser
Rückhaltung und der Grundstein unseres ganzen Seins geworden.
Es ist nicht überraschend, dass ein Mann der Kirche,
mit innerem Glühen die Bedeutung seiner Glaubensgemeinschaft hervorzuheben
versucht, aber obwohl die Armenier nicht mehr als anderswo die Gottesdienste
besuchen und auch nicht übermässig fromm zu sein scheinen, spielt
die Kirche in ihrem Leben eine besondere Rolle für das Zusammengehörigkeitsgefühl
des in aller Welt verstreuten Volkes.
Als erster Staat der Welt erklärte Armenien im Jahr 301 das Christentum
zur Staatsreligion und diese lange Geschichte hat - wie Khajag Zeitlian,
der Sprecher der Kirche, erklärt - seine Spuren hinterlassen:
O-TON 5: (0:55)
Throughout our history we haven't
had sort of continuity in statehood. We have constantly been attacked
or invaded by invaders from outside. All sorts of empires have come and
invaded us. Since we haven't had a statehood, the church was the only
institution in Armenia throughout it's history that has kept the Armenians
Armenian basically. It is the one that educated the people, it is the
one that taught the intellectuals. It is also the one that kept that books.
All the culture is basically connected to the church. There is folkloric
culture in Armenia, the culture that comes from the countryside, but again,
most of our high culture is directly related to the church. The church
basically gives us our identity.
In unserer Geschichte ist Armenien nicht durchgängig ein eigenständiger
Staat gewesen. Wir sind ständig von ausländischen Invasoren
angegriffen worden. Alle möglichen Grossmächte haben uns besetzt.
Deshalb war die armenische Kirche die einzige Institution durch die Jahrhunderte,
die praktisch das Armeniertum bewahrt hat. Sie war es, die ein Bildungssystem
aufrecht erhalten hat. Sie hat unsere Bücher aufbewahrt. All unsere
Kultur ist praktisch mit der Kirche verbunden.. Es gibt auch eine folkloristische,
eine ländliche Kultur in Armenien, aber unsere Hochkultur hängt
direkt mit der Kirche zusammen. Sie ist es, die uns unsere Identität
verschafft.
Dieser Zusammenhang ist so eng, dass er auch 70 Jahre
realen Sozialismus überstanden hat, in denen die armenische Kirche
unter starkem Druck stand. So fällt es den auch schwer, dem Erzbischof
zu widersprechen, wenn er sagt:
O-TON 6: (0:12)
The Armenian church is the Armenian
nation. And the one very important aspect is the martyrdom of the Armenian
people, the Armenian Christians throughout centuries.
Die armenische Kirche ist die armenische Nation. Das Entscheidende
dabei ist das Martyrium sowohl der armenischen Volkes wie der armenischen
Christen durch all die Jahrhunderte.
Die armenische Kirche mischt sich nicht direkt in das
politische Geschehen ein und die Trennung von Kirche und Staat existiert
auch in Armenien. Aber ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen. So
drängt sie derzeit auf die Wiedereinführung des Religionsunterrichtes
in den Schulen und sie unterstützt massiv die Armenier in Berg- Karabach,
die sich in einem Krieg von Aserbaidschan loszusagen versuchten.
[Atmowechsel Glocken]
Länge
7:33
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