Arben 2. Teil

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Wenn Arben und ich während des Krieges über das Verhältnis von Albanern und Serben sprachen, dann gab es immer zwei Antworten. Da war zum einen die nationalistische Variante:

O-TON 8: (00:05)
It's a problem that we cannot live with Serbs... living with Serbs is now really out of question.
Es ist ein Problem, aber wir können nicht mit den Serben leben. Das steht ausser Frage.

Wenn ich ihn dann an seine westlichen Ideale, seine Bewunderung für demokratische Prinzipien erinnerte, versicherte Arben schnell, dass er keine Probleme mit einzelnen Serben habe. In seinem Heimatort Haivalja lebten beide Volksgruppen friedlich zusammen und er erzählte mir, wie die serbischen Nachbarn - so gut sie konnten - seinen Eltern halfen, die schwierige Situation zu überstehen.

O-TON 9: (00:23)
When you know the person, and you know him by name, you know him by individual, it is not just a Serb anymore. It is a human, too. You understand. And the Serbs that we knew, we fellt that they did nothing wrong. They can stay. We lived with them before. Why can't we live with them again?
Wenn man eine Person kennt, wenn man sie als Individuum kennenlernt, ist sie nicht mehr einfach ein Serbe. Die Person wird auch zu einem Menschen. Und die Serben, die wir kannten, die haben eigentlich nichts Falsches gemacht. Warum sollten wir nicht wieder mit ihnen zusammenleben können?

Die Serben aus Haivalja haben den Ort aber inzwischen verlassen. Soweit Arben weiss, ist es zu keinen Ausschreitungen oder Gewaltätigkeiten gekommen. Die Menschen hatten einfach Angst.
Die Vertreibung der Serben ist für Arben ein heikles Thema, über das er nur ungern spricht.

O-TON 10: (00:26)
In this attrocities against Serbs the victims were not only the bad guys, the guys that fought and committed crimes against the Albanian people. There were so many kids, and women and old people as well. So, I am little bit ashamed, because in Kosovo for ten years, when we talked about Serbs, we talked about them like monsters, because thy were willing to kill the civilian people without any doubt, and that was something monsterious. I don't really like to compare the Albanian side, or call the Albanian side monsters, because really, doing these crimes is a monsterious crime.
Bei diesen Ausschreitungen gegen die Serben waren die Opfer nicht nur die Typen, die Verbrechen gegen Albanier begangen haben, sondern es waren auch viele Kinder, Frauen und ältere Menschen. Das ist für mich beschämend, denn zehn Jahre lang haben wir die Serben immer Monster genannt, weil sie bereit waren, ohne Zögern auch Zivilisten zu ermorden. Es fällt mir schwer, die albanische Seite auch als Monster zu bezeichnen, obwohl diese Verbrechen genauso abscheulich sind.

Erneut haben die Ereignisse der letzten beide Jahre Arbens Schwarz-Weiss-Bild von den schlechten Serben und den guten Albanern erschüttert, obwohl er sich beeilt, zwischen der Haltung der grossen Mehrheit und den Taten einer kleinen, extremistischen Gruppe zu unterscheiden.

O-TON 11: (00:48)
If you ask all the population in general, they are all aware of what Serbs did to them, but they really have enough of fighting and shooting and everything. So it is not as the Albanian population likes to draw the Serbs out. On the other hand, there are some extremists, they feel that they fought for some ideas that Kosovo should be only for the Albanians and they feel the war is not over yet. They are doing some stupid things that are only harming, not only them but the Albanian population in general.
Wenn man die Allgemeinheit fragt, dann wissen sie um das, was die Serben ihnen angetan haben, aber sie haben genug vom Kämpfen und vom Schiessen. Deshalb stimmt es nicht, dass die albanische Bevölkerung die Serben vertreiben will. Es gibt ein paar Extremisten, die glauben, sie haben für ein Kosovo der Albaner gekämpft, und die denken, der Krieg ist noch nicht vorbei. Was sie tun ist dumm und schadet nicht nur ihnen, sondern der gesamten albanischen Bevölkerung.

Wenn die große Mehrheit der Albaner die Vertreibung der Serben nicht unterstützt, dann stellt sich die Frage, warum sie es denn zugelassen hat.
Wenn man Arben genau zuhört, fällt auf, dass er es eigentlich nicht bedauert, dass im Kosovo heute kaum noch Serben leben. So sehr er sich auch darum bemüht, an seinen Idealen von Menschlichkeit und freiheitlichen Prinzipien festzuhalten, so schwer fällt es ihm, den Gedanken an Rache zu unterdrücken.

O-TON 12: (01:14)
When I saw this explosion on the bus, I felt really ashamed. I felt really ashamed, how can one human being - and that human being is Albanian - can do such a bad thing. And I was really ashamed, because I felt sorry for the Serbs. I didn't like the idea that they are living under the same circumstances we lived during the war and during the Milosevic time, but the very next day there was the story when some foreigners found some new mass grave of Albanians. Most of the victims were burnt alive. Some of them were without hands, without head and everything. All that image of war came back to me again. I was shocked again. That sorry feeling that I have for Serbs disappeared in one moment.
Als ich die Bilder von dem Bombenanschlag auf den serbischen Bus im Fernsehen sah, habe ich mich sehr geschämt. Wie kann ein Mensch, ein Albaner, so etwas tun? Die Serben haben mir leid getan, dass sie nun unter den selben Bedingungen leben müssen wie wir während des Krieges und während der Milosevic-Zeit. Einen Tag später kamen dann im Fernsehen Aufnahmen von einem neuen Massengrab mit Albanern, das von ausländischen Experten gefunden worden war. Die meisten Opfer waren lebendig verbrannt. Einige hatten keine Hände, andere keine Köpfe mehr. All die Bilder des Krieges waren plötzlich wieder da. Im selben Moment war mein Mitleid mit den Serben wieder verschwunden.

Wenn Arben sagt, er schäme sich, dann glaube ich ihm das - ebenso wie ich ihm glaube, dass ihn diese Schwankungen selber verwirren.
So kompliziert für ihn die Frage des Zusammenlebens ist, so eindeutig war Arbens Haltung immer zur Zukunft des Kosovo. Alles andere als die staatliche Unabhängigkeit kommt für ihn nicht in Frage, denn ein Leben unter serbischer Herrschaft erscheint ihm nicht mehr möglich. Daran habe auch der Sturz der Regierung Milosevic nichts geändert. Bis heute habe Serbien, und damit räumt Arben gern den letzten Zweifel beiseite, nicht ein Anzeichen des Bedauerns für das gezeigt, was im Kosovo geschehen ist.

O-TON 13: (00:12)
I think we deserve to take our destiny in our own hands. If we work in this direction and we try a little bit, I think we deserve it.
Ich denke, wir haben es verdient, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Wenn wir uns anstregen, dann verdienen wir es.

Noch ist es offen, ob das Kosovo ein Teil Serbiens bleibt oder die Unabhängigkeit erhält. Doch auch wenn es zur Unabhängigkeit kommen wird, wird dieser Staat nicht das sein, was Arben sich vor zwei Jahren noch erträumt hat. Wie viele andere Albaner hat er mitlerweile erkennen müssen, dass die Formel "serbisch = schlecht und albanisch = gut" Unfug ist und immer Unfug war.

O-TON 14: (00:40)
During Milosevic occupation, I had so many discussions with my father. He always kept joking for Albanians, how they are not so civiliezed, how they destroyed the look of their city, how they destroyed their property. Now in Pristina I see some of the same things. Maybe this is normal, because in anarchy everybody is trying to use the sotuation to get some money, but I never expected that it would be the same thing in Kosovo.
Während der Besetzung des Kosovo durch Milosevic hatte ich viele Diskussionen mit meinem Vater. Er machte immer Scherze über die Albaner, dass sie nicht so zivilisiert seien, dass sie ihre eigene Stadt, ihr eigenes Eigentum zerstören würden. Heute sehe ich in Pristina einige der selben Dinge. Wahrscheinlich ist es normal, dass in einer anarchistischen Situation jeder versucht die Gelegenheit zu nutzen, Geld zu verdienen. Ich hätte aber nie geglaubt, dass es auch im Kosovo so sein würde.

Länge 5:45

 

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© Martin Ebbing 2001