Arben 1. Teil

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Arben Vitia ist ein 24jähriger Medizinstudent in Tirana. Er stammt aus Haivalja, einem kleinen Ort wenige Kilometer von Pristina im Kosovo entfernt, wo seine Familie auch heute noch wohnt.
Ich habe Arben 1999 kennengelernt, als ich für meine Reportagen in den kosovarischen Flüchtlingslagern in Albanien einen Dolmetscher suchte. Wir haben uns angefreundet und von ihm habe ich viel über den Alltag im Kosovo unter serbischer Herrschaft, über albanische Familien und Gastfreundschaft gelernt.
Im Juni 1999 bin ich mit ihm gemeinsam, wenige Tage hinter den einrückenden Bundeswehrtruppen, von Tirana nach Haivalja gefahren. Der Grenzübertritt in den Kosovo war ein bewegender Moment.

O-TON 1:
[Atmo Grenze]

Arben war voller Optimismus und Euphorie. Pristina war für ihn die schönste Stadt der Welt. Das Kosovo, so wurde er nicht müde mir zu versichern, würde nun zu einem Paradies auf Erden, nachdem die Serben die Kontrolle verloren haben.
Heute, fast zwei Jahre später, klingt seine Bilanz wesentlich nüchterner.

O-TON 2: (00:04)
I am a little bit disappointed.

Ich bin ein wenig enttäuscht, gesteht er ungern ein. Arben ist wie alle Albaner nach wie vor fest davon überzeugt, dass der bewaffnete Widerstand gegen die serbische Herrschaft ebenso richtig war wie der Eingriff der NATO, aber er hatte gehofft, dass das Leben nach dem Krieg in anderen Bahnen verlaufen würde.

O-TON 3: (00:29)
Now I can go freely to visit my family, not being afraid that someone at the boarder can stop me and can asking me weired questions and suspecting that I might be somebody who is against this state or whatever, and I can go at my house, going out freely with my brothers and with my father, but I also have to be afraid where I leave my car, because someone might steal it.
Jetzt kann ich unbesorgt meine Familie besuchen und muss keine Angst haben, dass mich jemand an der Grenze anhält und mich verdächtig, jemand zu sein, der gegen den Staat ist oder was immer, und ich kann mit meinen Brüdern und meinem Vater hingehen, wohin ich will - aber ich muss mir Sorgen machen, wo ich mein Auto abstelle, denn jemand könnte es stehlen.

Für Arben ist aber nicht die Sorge um sein Auto das grösste Problem angesichts der sprunghaft angestiegenen Kriminalität im Kosovo. Dass auch Albaner kriminell sein können, war auch vor dem Krieg nicht unbekannt, aber es war eine Tatsache, die nicht wahrgenommen wurde.

O-TON 4: (00:25)
The problem is, we have been under the Serbs. The bad guys were Serbs, and the good guys are Albanians. But now after the war it seems like we are not such a good guys as we thought after all. We never used to handle our problems and we never used to point a finger at any Albanian.
Wir haben immer unter den Serben gelebt. Die Bösen waren die Serben, und die guten sind die Albanier. Aber nun, nach dem Krieg, sieht es so aus, als ob wir doch nicht so gute Menschen sind, wie wir immer dachten. Wir sind es nicht gewohnt, mit unseren eigenen Problemen umzugehen, und wir haben nie einem Albaner für etwas die Schuld gegeben.

Die meisten kriminellen Albaner, das glaubt Arben nach wie vor, stammen aber nicht aus dem Kosovo, sondern sie kommen seiner Ansicht nach aus Albanien und aus dem Ausland. Und wie viele Kosovaren ist Arben auch davon überzeugt, dass UNMIK, die UN Verwaltung im Kosovo, nicht in der Lage ist, wirksam etwas gegen das Verbrechen zu unternehmen.

O-TON 5: (00:49)
There are so many length in UNMIK administration that it damages the look and the faith on UNMIK. Than we feel UNMIK is not giving so much opportunities to Kosovars to handle some cases, to take the responsibility for the crimes, to solve some crimes, because we know better the mentality. In Kosovo there are only two millions, and if you take those police guys from every location, they happen to know every guy on each location and they know who can do the crimes and who cannot do the crimes. I think, a better work would be done if Albanians would be involved in this.
Es gibt so viele Verzögerungen in der UN Verwaltung, dass es das Ansehen und das Vertrauen in UNMIK beschädigt. Wir glauben, dass die UN den Albanern nicht genug Möglichkeiten gibt, einige dieser Fälle selbst in die Hand zu nehmen. Wir kennen die Mentalität viel besser. Im Kosovo leben 2 Millionen Menschen, und wenn man Polizisten aus jeder Gegend nehmen würde, dann würden die wissen, wem ist ein Verbrechen zuzutrauen und wem nicht. Meiner Meinung nach wäre die Verbrechensbekämpfung viel effektiver, wenn mehr Albaner daran beteiligt wären.

In der Tat hat die UN zwar Albaner als Polizisten ausgebildet, die aber nur für Ordnungsaufgaben eingesetzt werden. Die mangelnde Fähigkeit der UN, wirkungsvoll etwas gegen die Kriminalität zu unternehmen, ist nicht Arbens einziger Kritikpunkt an der UN Verwaltung. Alles gehe zu langsam und zu bürokratisch. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch und die Gehälter für öffentliche Angestellte sind oft niedriger als vor dem Krieg.

O-TON 6: (00:21)
My father worked for more than twenty years in the public services. He is an electrical engineer. He is doing a great job and he is getting 200 Dmarks. And my brother who had no expierence before on working on something - he was very lazy by the way - he is making 1.400 Dmarks.
Mein Vater hat mehr als 20 Jahre lang als Elektroingenieur im öffentlichen Dienst gearbeitet. Er leistet eine hervorragende Arbeit und bekommt dafür 200 Dmark im Monat. Mein Bruder, der vorher nie gearbeitet hat und immer ziemlich faul war, verdient dagegen 1.400 Dmark.

Arbens Bruder arbeitet als Dolmetscher für die schwedischen Einheiten in der NATO im Kosovo. Nette Leute, wie Arben sagt. Er sieht nicht allein die Schuld für den schleppenden Wiederaufbau des Kosovo bei den Ausländern, sondern er spart auch nicht mit der Kritik an den eigenen Politikern.

O-TON 7: (00:20)
The main problem I see in the political factor in Kosovo. Political life now is very strange. There is no unity now among the politicians. On the other hand they don't have this straight hand to do something. It is all under UNMIK administration.
Das grösste Problem im Kosovo ist die politische Situation. Das politische Leben ist sehr eigenartig. Es gibt keine Einheit unter den Politikern. Andererseits haben sie allerdings auch keine freie Hand, irgendetwas zu tun. Alles steht unter den Verwaltung der UN.

Die beiden grossen Parteien im Kosovo haben bislang wenig Ansätze gezeigt, den Wiederaufbau mitzugestalten. Sie sind zu sehr mit sich selbst und ihren gegenseitigen Rivalitäten beschäft, um eigene Vorstellungen zum Gesundheitssystem, zur Energieversorgung oder zur Schaffung von Arbeitsplätzen zu präsentieren.

Länge 5:14

 

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© Martin Ebbing 2001