Iran: Verfolgungswelle gegen Weblogger

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Firozeeh ist nicht der wirkliche Name der jungen Journalistin, die sich zu einem Gespräch bereit erklärt hat. Sie möchte auch im deutschen Radio nicht erkannt werden können. Ihre Befürchtungen haben gute Gründe.

Firozeeh ist eine iranische Webloggerin der ersten Stunde. Seit zweieinhalb Jahren schreibt sie regelmäßig im Internet über ihre täglichen Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle.

O-TON 1:

Ehrlich gesagt habe ich zum ersten Mal ein Weblog von einem Kollegen gesehen. Das war sehr interessant für mich. Ich habe gemerkt, welche Möglichkeiten der Interaktion zwischen Leser und Schreiber ein solches Weblog bietet. Im Lauf der Zeit stellte sich zudem heraus, dass es auch ein regelmäßiges, persönliches Tagebuch sein kann, das das eigene Leben strukturiert.

Im Iran sind die Geschlechterrollen streng definiert und Frauen verfügen nur über sehr enge Freiräume. Deshalb ist diese Möglichkeit, sich öffentlich ausdrücken und gleichzeitig anonym bleiben zu können, sehr attraktiv.

O-TON 2:

Im Internet herrscht größere Demokratie als in der wirklichen Welt. Es wird nicht gefragt, ob man Mann oder Frau ist. Als Frau kann man deshalb seine Meinung leichtern äußern und es gibt viele, die auch lesen wollen, was Frauen zu sagen haben.

Am 7. September 2001 hatte das erste persische Weblog seine Premiere. Heute existieren mehr als 200.000 dieser elektronischen Journale in persischer Sprache. Mehr als die Hälfte davon wird von Iranern geschrieben, die im Ausland leben, aber rund 60.000 Autorinnen und Autoren leben im Land selber.

Die Sozialwissenschaftlerin Masserat Amir Ebrahimi hat in einer Studie Inhalte und Wirkungen der iranischen Weblogs untersucht.

O-TON 3:

Es gibt junge Männer, die noch nie einen direkten Kontakt zu einer Frau hatten, und umgekehrt junge Frauen, die noch nie ein direktes Verhältnis zu einem Mann hatten. Mit den Weblogs lernen sie erstmals die jeweils andere Auffassung kennen. Damit werden Barrieren überwunden. Es stärkt sowohl das gegenseitige Verständnis wie auch die Fähigkeit zur Toleranz.

Es existieren im Iran wenig öffentliche Räume für einen freien Austausch von Ideen und Meinungen. Radio und Fernsehen werden von der Regierung kontrolliert und Zeitungen können nur so lange veröffentlichen, wie sie sich nicht gegen die offizielle Linie stellen.

O-TON 4:

Nach meiner Meinung besitzen die Weblogs vielleicht keine kurzfristige, aber mit Sicherheit eine langfristige Wirkung auf die iranische Gesellschaft. Die meisten jungen Autoren schreiben jeden Tag für Hunderte von Lesern über ihre privaten Angelegenheiten. Irgendwann werden sie in der Lage sein, dies auch in der realen Öffentlichkeit zu tun, was bislang nicht bei uns möglich ist.

Die subversive Wirkung des Geschehens im Internet blieb auch den konservativen Machthabern nicht verborgen. Sie sitzen ein wenig in der Zwickmühle. Der Iran versucht Anschluss an die Industrienationen zu finden und die Informationstechnologie spielt dabei eine wichtige Rolle. Deshalb wird die Verbreitung des Internets gefördert, obwohl manche Inhalte für das Regime bedrohlich sind.

Zudem sind es einfach zu viele Weblogs, um sie zensieren zu können - das galt jedenfalls bis vor drei Monaten.

Hanif Masrui schreibt für Zeitungen und die Webseite der führenden Reformpartei im Iran. Er ist einer der 23 Journalisten und Weblog-Autoren, die seit September dieses Jahres verhaftet wurden. Nach Hinterlegung einer Kaution ist er inzwischen wieder auf freiem Fuss, aber er selbst möchte zu seinem Fall nichts sagen, weil ein Abschluss des Verfahrens immer noch aussteht und Kontakte zu ausländischen Journalisten negativ zu Buche schlagen könnten.

Aber sein Vater Ali Masrui ist bereit, über die Umstände der Verhaftung zu reden. Er war ein Abgeordneter des Reformflügels im letzten Parlament. Bei den Wahlen im Februar wurde er ohne Angabe von Gründen zur Kandidatur nicht mehr zugelassen.

O-TON 5:

Nachdem sie ein paar Leute im Zusammenhang mit Weblogs verhaftet hatten, haben wir erfahren, dass sie versuchen, auch Hanif festzunehmen. Er ist von der Polizei vorgeladen worden. Wir haben ihn am 8. September dorthin begleitet. Noch an Ort und Stelle ist er verhaftet worden und war danach 66 Tage lang in Haft.

Eine Anklage gab es nicht. Hanifs Rechtsanwalt konnte ihn während der Haft nicht besuchen.

Meist werden die Verhafteten in geheime Gefängnisse gebracht. Niemand weiß, wo sie sind. Sie verbringen ihre Zeit in Isolationshaft. Wenn sie die Zelle verlassen, müssen sie ihre Augen verbinden.

Die iranische Justiz äußert sich zu diesen Verhaftungen nicht.

Die Willkür gehört zur Einschüchterung. Mohammad Ali Dadkha ist ein prominenter Bürgerrechtsanwalt im Iran.

Zu seinen Mandaten gehört auch der Vater von Sina Motallebi, einem bekannten Weblog-Schreiber, der in den Niederlanden lebt. Man verhaftete den Vater weil der Sohn Unbequemes in seinem Weblog schrieb.

O-TON 6:

Das war ein massiver Gesetzesverstoß. Sie haben den Vater für den Sohn ins Gefängnis geworfen, weil der Sohn den Iran verlassen hat und ihn als Geisel genommen. Dabei ist Sina ganz offiziell mit einem gültigen Reisepass vom Flughafen ausgereist. Nichts Illegales war im Spiel

Dem Vater wurde inzwischen nach einem Monat Haft der Prozess gemacht. Das Urteil steht noch aus.

Alle 23 Verhafteten sind derzeit wieder auf freiem Fuß. Die meisten ihrer Weblogs sind aber entweder verwaist oder im Iran gesperrt. Wann der nächste verhaftet wird, weiß niemand.

Ebenfalls ein Weblogger der ersten Stunde ist Mohammad Ali Abtahi, ein enger Berater von Reformpräsident Mohammad Khatami. Von seinem Amt als Vize-Präsident trat er im Oktober aus Frustration mit dem neuen, konservativen Parlament zurück.

Er hält die Verhaftungen für sinnlos und töricht.

O-TON 7:

Die Leute, die solche Entscheidungen treffen, fügen auch der Regierung einen Schaden zu. Früher haben die Autoren unter ihrem eigenen Namen geschrieben. Jetzt sind die Leute in den Untergrund gegangen und schreiben noch schärfere Sachen.

Abtahis Weblog existiert noch, aber auch er hat schon seit einiger Zeit nichts mehr geschrieben.



Länge 4'57

 

 

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