Iran: Weblogs

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O-TON 1:
Ich wollte etwas, wo ich frei meine Meinung und meine Ansichten ausdrücken kann. Es ist ein offenes Forum für meine Meinungen, meine Theorien – alles, was ich will.

Mohammad, dessen voller Name hier verschwiegen werden soll, um ihm keine unnötigen Schwierigkeiten zu bereiten, schreibt seit zwei Jahren ein Weblog. Nichts furchtbar Politisches, sondern mehr private Aufzeichnungen von kleinen Ausflügen, Ereignissen an der Universität oder schlicht auch Klatsch und Tratsch aus dem Freundeskreis. Da in einem Land, wo die Regierung vorschreibt, was sittsam ist und was nicht, auch das Private politisch ist, sind die Grenzen wie auch in Alis Weblog fließend.

O-TON 2:
Manche Weblogs sind eher romantische Orte. Man findet dort Gedichte oder kleine Reflexionen über die Liebe. Andere nutzen ihr Weblog mehr als ein politisches Forum und um über Neuigkeiten zu berichten. Mein Weblog ist beides.

Im Jahr 2001 entwickelte ein in Kanada lebender Iraner eine Software, mit der man Weblogs auch auf Farsi schreiben kann. Heute, so wird geschätzt, existieren im Iran etwa 50.000 Weblogs. Hinzu kommt etwa die gleiche Zahl von Logs von Iranern, die das Land verlassen haben.

Gefüttert wird dieser Boom in erster Linie durch das Verlangen, sich unbehindert von Zensur und gesellschaftlichem Druck ausdrücken zu können.

O-TON 3:
Wir fühlen uns gefangen in einer Kiste mit dicken Wänden und das Internet ist ein Fenster zur Welt. Am Anfang waren wir überrascht. Uhhh, wir können Kontakte zu Leuten in anderen Ländern anknüpfen. Nun ist es mehr ein Freiraum zur freien Meinungsäußerung geworden.

Die dicken Wände bestehen zum einen aus der direkten Zensur, mit der die Konservativen alles verfolgen, was nach ihrer Auffassung nach westlicher Subversion riecht. Dazu zählt nicht nur die Kritik an den bestehenden Verhältnissen sondern auch die Begeisterung für westliche Popkultur oder eine liberalere Lebensweise. Vor allem junge Frauen, die in der islamisch-iranischen Männergesellschaft wenig Freiräume haben, nutzen gern die Anonymität eines Weblogs, um ihre kleinen und großen Probleme und ihre Sicht der Dinge öffentlich zu machen.

Isolation ist aber auch eine zweiseitige Angelegenheit. Viele Iraner beklagen nicht nur den mangelnden Zugang zur Welt da draußen, sondern fühlen sich – wie Reza – auch von der Welt ignoriert.

O-TON 4:
Ich möchte zeigen, dass hier ganz normale Menschen leben. Wir haben Angst um unsere Zukunft und wir versuchen, unsere Träume zu verwirklichen. Wir sind traurig, wir sind fröhlich. Oft habe ich das Gefühl, dass ein völlig falsches Bild von uns Iranern besteht. Viele Leute denken, es fehle uns jede Menschlichkeit.

Die Regierung reagiert auf die Ausdrucksfreude unterschiedlich. Die Reformer, die immer noch den Präsidenten stellen und einige Ministerien leiten, fördern im Grundsatz die Entwicklung des Internets auch im Iran. Eines der bekanntesten Weblogs wird von Vize-Präsident Mohammad Ali Abtahi geschrieben.

O-TON 5:
Eigentlich wollte ich nur für ein paar Interessierte ein paar persönliche Worte schreiben. Ich dachte, dies sei eine gute Möglichkeit, ein paar Dinge zu sagen, die ich in meiner offiziellen Funktion nicht aussprechen kann. Zudem dachte ich, das Internet ist die Zukunft und es ist an der Zeit, davon Gebrauch zu machen. Iraner sind sehr gut darin geworden, Weblogs zu schreiben und ich habe mit Interesse die anderen Weblogs gelesen. Das hat mich inspiriert.

Aber auch so ein einflussreicher Mann wie ein Vize-Präsident muss aufpassen, was er schreibt:


O-TON 6:
Als ich anfing hatte ich noch großen Enthusiasmus und Mut, dies zu tun und es war anfangs sehr schwer, dem Druck und der Kritik von verschiedenen Seiten stand zu halten. Aber es hielt nicht lange an. Viele meiner Leser waren die Kinder meiner Kollegen. Ihnen hat das Weblog gefallen und sie fingen an, Druck auf ihre Väter auszuüben, doch das Gleiche zu tun. Es gibt politischen Druck von den Konservativen und ihren Zeitungen, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich habe all diesem Druck standgehalten und nun glaube ich, dass ich es durchgestanden habe.

Abtahi schreibt sein Weblog unter seinem eigenen Namen. Die Mehrheit der anderen Blogger zieht aber die Anonymität vor und weiss sich so vor den Nachstellungen der erzkonservativen Justiz halbwegs sicher.

O-TON 7:
Es wurde bislang erst ein Autor eines Weblogs bestraft, ein Filmkritiker. Er ist nach Europa ausgewandert. Ansonsten gab es noch keinen anderen Fall politischer Verfolgung. Es ist sehr schwierig für sie, die Weblogs zu kontrollieren. Es sind einfach zu viele. Sie haben es mit Filtern versucht, aber das funktioniert nicht. Zudem sind die Weblogs sehr populär . Es würde öffentliche Aufregung geben, wenn ein Blogger verhaftet würde.

Die Konservativen haben aber noch nicht aufgegeben. Derzeit wird im Parlament ein Gesetz beraten, mit dem der Zugang zum Internet unter staatliche Kontrolle gestellt werden soll. Die Blogger sind allerdings optimistisch, dass auch das sie nicht stoppen kann.

Länge 5:07

 

 

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© Martin Ebbing 2004