Iran: Iranische und irakische Schiiten rücken zusammen

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Bus Terminal

Am Bus-Terminal West in Teheran, ganz in der Nähe des Flughafens, wartet eine kleine Menschengruppe. Sie haben Blumensträuße in der Hand und schauen immer wieder ungeduldig auf ihre Uhren.

Als ein etwas betagter Bus auf den großen Platz einbiegt, stürmen sie aufgeregt los und haben den Bus schon umringt, bevor er zu einem Halt gekommen ist. Die ersten Pilger, die die Anschläge in Kerbala unverletzt überstanden haben, sind zurückgekehrt.

O-TON 1:
[Original Farsi]

Selbstverständlich sei er froh, mit heiler Haut wieder zurück zu sein, sagt Meysam, der seinen Beruf mit Geschäftsmann angibt, in Wirklichkeit aber Soldat der iranischen Armee ist, wie einer seiner Freunde verrät.

O-TON 2:
Die letzte Bombe ist nur etwa 60 Meter von mir entfernt losgegangen, erzählt er von seinen Erlebnissen. Ich habe noch kurz vorher einige Leute auf dem Dach eines Gebäudes gesehen, die mit den Armen winkten und uns zu warnen versuchten. Die Explosion selbst war wie ein Pilz aus Feuer, Rauch und Staub, der vor uns aufstieg. Wir alle sind nur gerannt.

Den ersten Schreck hat Meysam nun überwunden. Er lächelt, als ihn erst sein Vater und dann auch seine Mutter in die Arme nimmt. Aber dennoch ist etwas nachgeblieben.

O-TON 3:
Meine Freunde und ich sind natürlich sehr niedergeschlagen und frustriert und gleichzeitig bin ich sehr enttäuscht, dass nicht einmal dieser heilige Ort sicher ist.

Die genaue Zahl der Opfer des Anschlages in Kerbala ist bis heute unbekannt. Iranische Offizielle sprechen von 106 Toten, darunter 49 Iranier. Das Ereignis hat im gesamten Land einen tiefen Schock ausgelöst.

Etwa 7.000 Iraner fahren jeden Tag nach Kerbala, um den Schrein von Imam Hussein und andere heilige Stätten der Schiiten zu besuchen.

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Ashura Umzug Teheran

Am selben Tag als der Bus mit den Rückkehrern eintrifft, findet im religiösen Süden Teherans umweit des großen Bazars eine Prozession zum Andenken an Imam Hussein statt.

Im Jahr 680 unserer Zeitrechnung unterlag Hussein, der von den Schiiten als rechtmäßiger Nachfolger des Propheten angesehen wird, in einer Schlacht in Kerbala seinen zahlenmäßig weit überlegenen Widersachern. Dieser Kampf zementierte nicht nur endgültig die Spaltung der islamischen Gemeinde in Sunniten und Schiiten, sondern ist vor allem das identitätsstiftende Ereignis der Schiiten. Sie hatten den Imam erst zur Schlacht ermuntert, ihn dann aber im Stich gelassen. Aus Reue geißeln sich die Gläubigen während der Aschura Feierlichkeiten selbst, schlagen sich selbstanklagend auf die Brust und geloben, mit dem eigenen Blut Busse zu tun.

Bei dem Umzug durch Teherans Strassen geht es aber ganz ohne Blut zu. Die Veranstaltung, an der Tausende teilnehmen, ist eher eine Mischung aus heiliger Totenfeier und Volksfest. Grosse Fahnen mit aufgemalten Koransuren führen den Zug an. Kleine Gruppen junger Männer wechseln sich damit ab, zentnerschwere Metallgerüste, auf die Symbole und religiöse Zeichen geschmiedet sind, zu tragen. Am Straßenrand werden kostenlose Erfrischungsgetränke verteilt und die dichtgedrängten Zuschauer plaudern miteinander.

Thema in vielen Gesprächen sind die Bomben in Kerbala. Es wird spekuliert, wer für die Tat verantwortlich war.

O-TON 4:
Es ist alles Saddams Schuld – so diese Frau. Als er noch an der Macht war, konnten nur ganz wenige Iraner nach Kerbala fahren. Nun ist die Grenze offen, aber Saddam ist darüber verärgert und seine Anhänger haben das deshalb getan.

Eine zweite Frau, die ein Stück die Strasse abwärts im Schatten eines Baumes verschnauft, ist anderer Ansicht.

O-TON 5:
Die Israelis, die Juden waren es. Nicht die Amerikaner, nicht die Iraker - die Juden.

Im Eingang einer Bank schaut eine Gruppe Männer dem Umzug nach.

O-TON 6:
100 Prozent waren es die Amerikaner. Sie sind der große Satan.

Der Ausdruck „Grosser Satan“, wie Ayatollah Khomeini die USA nannte, wird offiziell im Iran nicht mehr sehr oft benutzt. Die politische Führung und die Presse schlagen einen sachlicheren Ton an, aber auch sie stellen die Verantwortung der US Truppen, als Besatzungsmacht für die Sicherheit im Irak zu sorgen, in den Mittelpunkt. Dass in Kerbala schiitische Gruppen darauf gedrängt hatten, die Sicherheit für die heiligen Stätten zu übernehmen, wird in den Reden und Artikeln unterschlagen.

Zwischen fabrikneuen Schubkarren, Schaufeln und Harken, die von der Decke seines Geschäftes hängen, beobachtet Mohammed das Treiben auf der Strasse.

Für ihn besteht zwischen den Amerikanern und den „Zionisten“ , wie er die Israelis nennt, kein großer Unterschied. Die einen seien die Ziehkinder der anderen, und gemeinsam verfolgten sie im Irak die selben Interessen.

O-TON 7:
Ich denke, wenn viele Iraner in den Irak kommen, dann führt das zu engeren Beziehungen und zu einem größeren Einfluss des Iran. Das wollen sie verhindern.

Es ist gerade gut 15 Jahre her, da fand ein sehr blutiger Krieg zwischen dem Iran und dem Irak sein Ende, nachdem Saddam Hussein den Nachbarn angegriffen hatte. Die irakischen Schitten schlugen sich damals nicht auf die Seite ihrer iranischen Glaubensbrüder, sondern zogen – nicht selten unter Zwang – für Saddam in den Kampf. Dieser Krieg ist im Iran nicht vergessen. Hinzu kommt, dass die Iraker Araber sind, die allgemein bei den Persern nicht sehr geschätzt werden.

Aber diese Kluft begann sich mit der massiven Verfolgung der schiitischen Iraker durch Saddam Hussein nach dem ersten Golfkrieg zu schließen. Hunderttausende fanden im Iran Zuflucht.

Mit Saddam hatte man einen gemeinsamen Feind und nach dessen Sturz gibt es auch wieder offene Kontakte. Anschläge wie in Kerbala, dem irakische wie iranische Schiiten zum Opfer fielen, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl noch weiter. Wie einer der Männer an der Bank sagt:

O-TON 8:
Es ist jetzt die Zeit zusammen zu stehen. Unsere Feinde werden uns nicht auseinander bringen können. Im Gegenteil. Die Einheit wird stärker.

Länge 6:26

 

 

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