Iran: Die Moderne in Teheran

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[Museum]

Der Besuch der gegenwärtigen Ausstellung des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran ist ein ungewöhnliches Erlebnis. Im Hintergrund wabert kosmische Sphärenmusik, die immer wieder von dem schrillen Ton der Alarmanlage durchbrochen wird. Fast immer schlägt die Anlage ganz ohne Anlass Alarm. Sie wurde extra für diese Ausstellung installiert, um die wertvollen, hochversicherten Exponate zu schützen, und reagiert noch etwas sensibel.

Ungewohnt für iranische Augen ist vor allen Dingen aber das, was zu sehen ist: ein bunter Reigen der Moderne, von den französischen Impressionisten bis zu den amerikanischen Neo-Realisten, von Renoir, Matisse über Picasso, Braque, Miro, Dali, Francis Bacon bis zu Jackson Pollock, Roy Lichtenstein und dem unverzichtbaren Andy Warhol.

Einige der Bilder sind Schlüsselwerke zum Verständnis der Arbeit der Künstler, aber in der Summe ist es eine klug zusammengestellte Sammlung, die kein wichtiges Element der Moderne auslässt.

Zusammengetragen hat sie Farah Diba, die Frau des letzten Schahs, die auch Gründerin des Museums war. Nach der Revolution fanden die neuen Machthaber wenig Gefallen an dem, was sie „dekadente westliche Kunst“ nannten. Sie versuchten – erfolglos – einige Stücke zu verkaufen. Dann verschwand die Sammlung im Keller des Museums.

Einzelne Gemälde waren in den letzten Jahren bereits in thematischen Ausstellungen zu sehen, andere wurden an ausländische Museen ausgeliehen. Dies nun ist das erste Mal, dass

das Museum nahezu komplett seine eigene Sammlung moderner Kunst zeigt. Drei der insgesamt 188 Arbeiten fehlen, darunter Renoir's „Gabriel“. Allzu viel entblößte Frauenhaut ist auch heute noch ein Tabu im islamischen Iran.

O-TON 1

Es ist eine gute Möglichkeit für unsere Nation, die Sammlung zu sehen, - sagt der Direktor des Museums Ali-Reza Samiazar - und eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit darauf gerichtet zu halten, damit sie auch in der Zukunft sorgfältig aufbewahrt und gepflegt wird.

Grund, sich Sorgen über die Zukunft der Sammlung zu machen, mag darin bestehen, dass sich die politischen Verhältnisse im Iran erneut verändert haben. Im August wurde Mohammad Khatami, der um eine Öffnung der Gesellschaft und mehr Toleranz bemüht war, abgelöst durch Mahmoud Ahmadinejad, ein Mann, der zu den Erzkonservativen im Land gezählt wird.

Noch ist offen, was von dem neuen Mann kulturpolitisch zu erwarten ist, aber gerechnet wird mit nichts Gutem. Während die Ausstellung vom Publikum sehr positiv aufgenommen wird, halten sich die neuen Machthaber noch bedeckt.

O-TON 2

Ich habe keine eindeutige Reaktion erhalten. Ich sehe, dass sie aus bestimmten Gründen mit dieser Ausstellung nicht sehr glücklich sind. Von jetzt an wird es nicht die erste Priorität sein, moderne oder westliche Kunst zu zeigen, obwohl sie aus unserer eigenen Sammlung stammt.

Samiazar, der mit dem Reformpräsidenten Khatami sein Amt übernommen hat, hat deshalb persönlich bereits die Konsequenzen gezogen. Er wird in diesen Tagen freiwillig seinen Sessel als Direktor des Museums räumen.

O-TON 3

Ich bin zurückgetreten, weil ich sehe, dass die Zeit für meine Art der Kulturpolitik vorbei ist. Statt auf die Entlassung durch den neuen Kulturminister zu warten, habe ich selbst meine Resignation eingereicht. Ich sehe keine Chance mehr, mein Mandat hier zu verfolgen.

Als Mandat hat Samiazar vor allem die Förderung der eigenen, neuen iranischen Kunst verstanden, die Anschluss an den Rest der Welt sucht. Er hat sich um Kontakte mit Museen im Ausland bemüht, um iranische Künstler auch dort zu präsentieren, und er hat sich dafür eingesetzt, im eigenen Land die bestehenden Tabus aufzuweichen und zu durchbrechen.

Von daher ist die Befreiung der Sammlung der Moderne aus dem Schatten des eigenen Kellers auch ein politisches Zeichen und eine Herausforderung für die neue Kulturpolitik, die sich mehr an der Pflege der Traditionen und der Stärkung islamischer Werte orientiert.

Bei aller Frustration ist Samiazar aber nicht pessimistisch. Eine neue Eiszeit für die Kunst im Iran sieht er nicht heraufziehen.

O-TON 4

Der Durst nach moderner Kunst wird in der Zukunft noch zunehmen, da die Zahl der Künstler und Kunststudenten rapide ansteigt. Ich denke, es wird in der Zukunft keinen Rückschlag geben, indem die Sammlung für lange Zeit wieder unter Verschluss gehalten wird. Die Gesellschaft bewegt sich in Richtung Modernisierung und als Teil dieses Prozesses wird auch das Interesse an dieser Sammlung zunehmen und sie vielleicht sogar noch erweitert.

Was einmal ans Tageslicht gekommen ist – so der Hintergedanke – wird schwer aus den Köpfen des Publikums wieder zu verbannen sein, und wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, der will mehr.

 

Länge 5:25

 

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© Martin Ebbing 2005