Iran: Mode

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ATMO 1:
Fernsehton

Noch bevor die Zuschauer erfahren, was heute Wichtiges in der Welt geschehen ist (respektive was die staatlichen Aufseher für wichtig halten), versucht das iranische Fernsehen derzeit in einer kleinen Serie eine drängende Frage zu klären: was ist Mode?

Interviewer sind ausgeschwärmt, um des Volkes Meinung dazu einzufangen. „Mode ist in der Geschichte verwurzelt. Es ist nicht schlecht, sondern eher eine Notwendigkeit des Lebens.“ , meint ein Kleriker, der selbst den traditionellen Umhang und den Turban seines Standes trägt. „Mode ist einer der Wege, mit dem unsere Jugend verwestlicht wird“, glaubt dagegen ein junger Mann und eine junge Frau, deren Haare sorgfältig bedeckt sind, steuert bei: „schlechte Mode führt zu Dekadenz.“

Was wie eine offene Debatte aussehen soll, ist in Wirklichkeit eine Art Aufklärungskampagne gegen den Verfall der Sitten. Begleitet werden diese Fernseh-Spots von einer Verhaftungswelle. Junge Frauen, deren Kopftücher zu viel Haar oder deren Hosen zu viel Wade unbedeckt lassen, werden auf Polizeireviere gebracht. Ihnen drohen Gefängnisstrafen bis zu 2 Monaten oder Geldstrafen bis zu 50 Euro.

Weniger mit dem Problem, was ist Mode, sondern mehr mit der Frage, was ist modern, beschäftigt sich Mahla Zamani, Herausgeberin von Lotus, dem ersten (und einzigen) persischen Modemagazin.

O-TON 1:
Ich wollte gern über die Geschichte der Kleidung in unserem Land ein wenig aufklären. Wir haben eine lange und sehr vielfältige Tradition aufgrund der langen Geschichte, der vielen Ethnien und der unterschiedlichen kulturellen Einflüsse. Ich habe bereits 28 Bücher darüber geschrieben.

Lotus ist freilich kein Katalog historischer Kostüme, sondern das Hochglanzmagazin zeigt Mode, die für die Gegenwart gedacht ist.

Da Mode eines der Schlachtfelder im iranischen Kulturkampf ist, geht Zamani sehr vorsichtig vor. Der Kampf wäre sehr schnell verloren, wenn sie gegen die islamischen Vorschriften, das Haar zu bedecken und den gesamten Körper mit Ausnahme der Hände so zu verhüllen, dass auch keine Konturen mehr zu erkennen sind, offen angehen würde. Eine Schau ihrer Modelle ist ihr im vergangenen Jahr am zweiten Tag verboten worden.

O-TON 2:
Wir leben nun mal in einem islamischen Land und wir müssen deshalb die islamischen Regeln einhalten. Enge oder kurze Kleidung ist nicht erlaubt. Also benutzen wir sie nicht. Auf Frauen-Parties kann man tragen, was man will, aber eben nicht in der Öffentlichkeit.

Es existiert im Iran, so versichert Zamani, eine durchaus lebendige Modeszene, die aber nicht sichtbar ist, weil die Mehrheit der Frauen den Tschador, den großen schwarzen Umhang, trägt.


O-TON 3:
Es ist nicht so, dass Mode bei uns nicht existiert. Die Frauen, die einen Tschador tragen, sind meist die modischsten Frauen. Auf Frauen Parties kann man sehen, dass sie die schicksten und teuersten Sachen tragen. Man findet eigentlich überall modisch gekleidete Frauen.

Mode findet aber weitgehend im Untergrund statt, obwohl auch auf der Strasse die Kopftücher immer weiter nach hinten und die Hosenbeine immer mehr nach oben gerutscht sind.

Zamanis Mission besteht aber darin, Mode auch straßenfähig zu machen – innerhalb der bestehenden Einschränkungen, was ein Widerspruch in sich selbst zu sein scheint.

O-TON 4:
Natürlich haben wir Einschränkungen. Derjenige, der es unter diesen Einschränkungen schafft, ein Kleid zu entwerfen, ist nach meiner Meinung ein wahrer Designer.

Auch wenn die Regeln eng gesetzt sind, gibt es doch einen kleinen Freiraum, den man nutzen kann.

O-TON 5:
Erst mal mit den Farben, und glauben Sie, nur weil die Kleider alle lang sein müssen , können sie nicht unterschiedlich sein? Natürlich können wird das!

So schneidert sie Tuniken aus üppig dekorierten Stoffen, deren Muster an alte Traditionen anknüpfen, hellblaue Mäntel aus Seide, zu denen orangefarbene Kopftücher getragen werden, und weitfallende Röcke mit bunten Mustern.

Bislang sind dies noch Unikate, aber Zamani ist optimistisch, dass die Zeit nicht mehr so fern ist, wenn sie ihre eigene Ladenkette aufmachen kann. Das setzt allerdings voraus, dass die Frauen auch den Mut haben, solch eine Kleidung in der Öffentlichkeit zu tragen. Zamani selbst versucht mit gutem Beispiel voran zu gehen.

O-TON 6:
Ich trage diese Kleidung all die Zeit. Auch in der Universität oder wenn ich zum Ministerium gehe. Niemand nimmt daran Anstoß. Wir Frauen sind unsere größten Zensoren. Wir brauchen ein wenig mehr Mut, denn wenn die islamischen Regeln eingehalten werden, kann niemand etwas sagen.

Schaut man auf die Zahl der Frauen, die derzeit wegen allzu freizügiger Kleidung verhaftet werden, dann scheint es am Mut nicht zu fehlen. Was fehlt, ist die Einsicht der Sittenwächter, dass sie mit ihrem Kampf für die angemessene Saumlänge auf längerer Sicht auf verlorenem Posten stehen.

 

Länge 4:04

 

 

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© Martin Ebbing 2003