Iran: Das ganze Leben eine Lüge

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Shervin ist 19 Jahre alt und zählt damit zu den 50 Prozent der iranischen Bevölkerung, die 20 Jahre und jünger sind. Er wohnt in einer kleineren Stadt nördlich von Teheran. Auffällig an ihm ist allenfalls seine Kette mit einem gezackten Metallstern, aber ansonsten führt er ein recht durchschnittliches Leben.

O-TON 1 [0:27]
Unser Leben ist voller Vorschriften. Wenn man mit einem Mädchen abends ausgeht, besteht zu 90 Prozent die Gefahr, dass man verhaftet wird. Dann kann man einen Haufen Schwierigkeiten bekommen. Sie können behaupten, man habe etwas Unislamisches getan, obwohl das Mädchen vielleicht nichts weiter war als eine ganz normale Freundin.

Oder wenn man zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist, kann es sogar noch schlimmer kommen. Vor zwei Jahren trieb es Shervin, der nicht sonderlich religiös ist, ins Stadtzentrum, um sich die jährlichen Zeremonien anlässlich des Todes des Iman Hussein anzuschauen.

O-TON 2 [0:27]
An diesem Tag ist ein Menschenauflauf in der Stadt und viele kommen nur, um zuzuschauen. Ich bin nur dahin gegangen, um ein paar Mädchen kennenzulernen, denn an diesem Abend sind auch viele Mädchen da sind. Aber plötzlich wurde ich verhaftet und man warf mir vor eine politisch subversive Person zu sein und versucht zu haben, ein Mitglied unseres Führungsrates zu ermorden.

Shervin wurde ins Gefängnis geworfen und drei Tage lang festgehalten.

O-TON 3 [0:43]
Ich war in Einzelhaft und wenn man mich abgeholt hat, wurden mir zuerst die Augen verbunden und dann wurde ich von drei oder vier Leuten verhört. Sie schlugen mich mit Fäusten und Stöcken und traten mich. Am Ende legten sie mich auf ein Bett und folterten mich mit Elektroschocks. Ich fragte sie, was wollte ihr, dass ich sage. Sag uns, dass du einen Feuerwerkskörper gezündet hast, und ich habe, gesagt, okay, okay, ich war es.
Nach diesem Vorfall, wenn es irgendwo irgendwelche Demonstrationen gibt, traue ich mich nirgendwo mehr hinzugehen. Ich bekomme dann jeweils eine Vorladung zu einem Verhör, wo ich gefragt werde, ob ich dabei war.

Willkürliche Verhaftungen sind im Iran heute die Ausnahme und nicht die Regel. Aber es kann jederzeit passieren. Für jeden gelten die strengen Verhaltensregeln, die nach Aussagen der konservativen Kleriker von jedem Moslem eingehalten werden müssen. Kein Alkohol ist selbstverständlich. Unzüchtige Kleidung, womit auch das Zuschaustellen der weiblichen Haare gemeint ist, ist verboten. Zärtlichkeiten, und sei es nur Händchenhalten, in der Öffentlichkeit - ebenfalls verboten wie jeder unbeaufsichtigte Kontakt zwischen einem unverheirateten Paar.

Einige dieser Regeln werden in den letzten Jahren einfach ignoriert. So kann man in einem Taxi westliche Popmusik hören, und die Kinder wohlhabender Familien feiern nächtliche Parties, auf denen auch Alkohol getrunken wird und die Mädchen wie auf einer Party im Westen gekleidet sind.

Die Vorschriften bestehen aber nach wie vor, und wenn man bei einem Verstoß erwischt wird, kann man geschlagen oder auch für ein paar Tage ins Gefängnis geworfen werden.

Vor allem für junge Frauen wie Shaparak ist die Situation noch schwieriger, weil für sie die Regeln nicht nur strenger sind, sondern weil noch schärfer darauf geachtet wird, dass sie sie auch einhalten.


O-TON 4 [1:00]
Als Frau ist das Leben im Iran noch schwieriger als für einen Mann. Man muss ständig lügen. Beispielsweise die Kleidung. Man täuscht vor, man würde ständig die islamische Kleidung, den Umhang und das Kopftuch, tragen, aber das bin nicht ich. Wenn ich zu einer Party gehe, trage ich darunter westliche Kleidung. Auf den Parties sind natürlich auch Männer. Wenn man einen Freund hat, kann man es niemandem erzählen. Wenn man mit ihm ausgeht und man wird von der Polizei angehalten, muss man erzählen, er ist ein Verwandter oder mein Vetter oder irgendeine andere Lüge. In jeder Lage muss man hier lügen, sonst macht man sich schuldig.

Für viele junge Leute ist es weniger der fehlende Alkohol, das Verbot von Make-up oder bauchfreiem T-Shirt, das ihren Unmut mit dem bestehenden Regime schürt. Sie sind es einfach satt, ewig zu lügen.
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Länge 4:29

 

 

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© Martin Ebbing 2003