Iran: Jomhuriat - erste neue Reformer-Tageszeitung nach fünf Jahren

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Der Hauptartikel auf der ersten Seite informiert über die Beratungen im Rechtsausschuss des Parlamentes über ein neues Scheidungsgesetz. Auf der Wirtschaftsseite wird über einen Streik der Krankenschwestern berichtet. Der erste Teil eines längeren Interviews mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty wird abgedruckt und ein längerer Artikel registriert, dass immerhin die Öffentlichkeit bei Verhandlungen vor der Pressekammer des Gerichtes jetzt zugelassen ist, während politische Verfahren immer noch hinter verschlossenen Türen geführt werden. Das ganze im modernen, luftigen Lay-out iranischer Zeitungen mit farbigen Fotos auf gutem Papier.

Es ist die erste Ausgabe von Jomhuriat, einer neuen, Reform orientierten Tageszeitung. Das Blatt ist gleichzeitig die erste Neugründung nach der Welle von Schließungen ähnlicher Zeitungen vor fünf Jahren. Die Mehrheit der rund 80 Mitarbeiter von Jomhuriat hatte damals ihren Arbeitsplatz verloren, viele haben wegen ihrer politischen Einstellung im Gefängnis gesessen.

Chefredakteur ist Emadeddin Baghi, der gleichzeitig der Vorsitzende des Komitee für politische Gefangene im Iran ist. Er selbst saß 5 Jahre im Gefängnis, ein weiteres Verfahren läuft derzeit noch gegen ihn. Dennoch ist er unerschrocken:

O-TON 1:
Wir sind dickköpfig, aber die Gesellschaft hat sich auch geändert. Wir wollen die Repressionen sinnlos machen.

Wenn man schweigt, dann hätten die Zensoren gewonnen, glaubt er. Man müsse die Unterdrückung der Meinungsfreiheit immer wieder erneut in Frage stellen.

O-TON 2:
Wir glauben nicht, dass wir die Verlierer der Schließung der Zeitungen waren. Ich denke, wir waren die Gewinner, denn wir haben den Menschen die gesellschaftliche Situation deutlicher gemacht. Vor den Zeitungen der Reformer gab es nicht eine einzige Nachricht über politische Gefangene, aber heute sind die Machtstrukturen gezwungen, dies zu akzeptieren. Ja, es hat gesellschaftliche Veränderungen gegeben und es hat auch die Machtstrukturen verändert. Die Kombination dieser beiden Elemente hat die Voraussetzungen für uns geschaffen, eine neue Zeitung zu veröffentlichen.

Geändert hat sich zum einen, dass die Konservativen im Februar die Mehrheit im Parlament wiedergewonnen haben. Die Wahlen waren zwar nicht fair, weil die meisten Reformer von der Kandidatur ausgeschlossen wurden, aber es wurde auch deutlich, dass die Wähler sich von den Reformern abwenden, weil es ihnen nicht gelungen ist, wirkliche demokratische Veränderungen herbeizuführen. Eine Entpolitisierung, eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Treiben an der Spitze der politischen Hierarchie des Landes hat eingesetzt.

Auf der anderen Seite nehmen sich mehr und mehr Iraner die Freiheiten, die die Konservativen ihnen eigentlich versagen wollen – von der Nutzung des Internets für offene politische Debatten über Satellitenfernsehen, das eigentlich verboten ist, bis hin zum freizügigen Umgang mit der Kleiderordnung.

O-TON 3:
Es mag zutreffen, dass die Menschen die Politik und die politischen Streitereien satt haben, aber man muss das in dem Zusammenhang mit der Situation im Iran sehen. Im Iran ist alles politisch, ob man es mag oder nicht. Sogar das Brot und der Käse, den wir essen, ist in einem gewissen Sinn politisch. Ich glaube, die Menschen sind diese politischen Machtkämpfe leid, aber sie sind weiterhin an Politik interessiert, weil es ihr Leben betrifft. Sie glauben nicht mehr daran, dass die Leute an der Spitze der politischen Hierarchie wirkliche Veränderungen herbeiführen können.

Jomhuriat will auf die neue Stimmung im Lande reagieren. Den Lesern soll eine Zeitung ganz neuer Art angeboten werden. Die Berichte über die Tagespolitik sollen zugunsten der Darstellung von gesellschaftlichen Entwicklungen und Trends zurückstehen. Neue Sparten werden eingerichtet. So soll auf einer Extra-Seite über die Gewerkschaftsbewegung und die wirtschaftliche Situation informiert werden. Dem Thema Menschenrechte soll täglich eine weitere Seite gewidmet werden, auf der die Leser auch sehr praktisch etwas über ihre Rechte erfahren. Die im Ausland lebenden Iranern, die meist aus politischen Gründen oder aus Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen das Land verlassen haben, sollen ein eigenes Forum bekommen und Jomhuriat will sich ganz konkret für seine Leser einsetzen. Sie können Briefe mit Beschwerden über alltägliche Schwierigkeiten mit Behörden und Ämtern schreiben. Den Klagen wird dann nachgegangen und die Ergebnisse veröffentlicht.

Es gibt eine weitere Novität: erstmals wird mit Pavin Emami eine Frau das politische Ressort einer iranischen Zeitung leiten. Das hat für viel Wirbel im Vorfeld gesorgt, aber Emami sieht es gelassen.

O-TON 4:
Der Grund, warum so viel Aufhebens darum gemacht wird, ist, dass Politik im Iran immer eine Sache der Männer war. Frauen haben dafür kein großes Interesse gezeigt. Das ist ein Grund. Der andere ist, dass besonders die Reformer sich immer für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ausgesprochen haben, aber wenig Taten gefolgt sind. In der Praxis haben sie Frauen selten nach ihren wirklichen Fähigkeiten behandelt.

Auch das soll sich jetzt – zumindest bei Jomhuriat – ändern.

Die Zeitung, das weiß die Redaktion, ist ein Versuch, das gegenwärtige politische Klima im Iran zu testen. Das Blatt will die derzeitigen Grenzen der Meinungsfreiheit ausloten.

Das kann schief gehen. Chefredakteur Emadeddin Baghi mag sich nicht festlegen, wie lange Jomhuriat erscheinen kann, aber sollte die Zeitung geschlossen werden, dann ist dies zwar ein Rückschlag, aber nichts, was ihn aus der Bahn werfen würde.

O-TON 5:
Für iranische Journalisten, die bei einer Reformer-Zeitungen arbeiten, ist es schon Routine geworden. Wenn man am Abend die Redaktion verlässt, kann man nie sicher sein, dass man am anderen Morgen wieder zur Arbeit gehen kann.

 

Länge 5:48

 

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© Martin Ebbing 2004