Iran: Sport mit Kopftuch

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Am Ende war es nur Platz 28, aber für Nassim Hassanpour, die 20jährige iranische Pistolenschützin. Mit einer Medaille hatte sie nicht gerechnet, sondern die olympischen Spiele in Athen waren für sie nur eine Vorbereitung auf die nächsten Spiele in vier Jahren in Peking.

O-TON 1:
Ich bereite mich auf die Olympiade 2008 in Peking vor. Ich hatte nicht einmal damit gerechnet, dass ich überhaupt nach Athen fahren würde. Meine Trainerin hat mir gesagt, ich will dich in Peking mit einer Medaille sehen. Die nächsten vier Jahre werde ich deshalb trainieren und trainieren.

Hassanpour besitzt einen nüchternen Blick auf die Welt. Ja, natürlich sei es eine Ehre, sein Land bei der Olympiade vertreten zu dürfen, aber es sei nichts besonderes, das einzige weibliche Mitglied des iranischen Teams zu sein. Sie weiß, was man von ihr erwartet, was sie sagen und was sie besser nicht sagen soll - und sie weiß, was möglich und was nicht möglich ist.

O-TON 2:
Schon mit drei Jahren habe ich mit Turnen angefangen. Ich habe aber mit 15 wieder aufgehört, weil ich damit im Iran nicht sehr weit komme.

Turnerinnen sind leicht bekleidet und Frauen, die nicht züchtig verhüllt sind, dürfen im Iran nicht öffentlich auftreten.

O-TON 3:
Als iranische Sportlerin kann man wegen der Bekleidungsvorschriften nicht an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Ich möchte aber gern dabei sein und nach Möglichkeit in meinem Sport zur Spitze der Welt oder zumindest in Asien gehören.

Welchen Sport Frauen im Iran betreiben können, bestimmt unter anderem die Kleiderordnung. Schiessen beispielsweise ist auch mit Kopftuch und weitfallendem Mantel möglich. Rudern oder Tischtennis notfalls auch, und Taek-Wan-Do, das wie andere Kampfsportarten im Iran sehr populär ist, wird allemal in einer Uniform mit einem Kopfschutz praktiziert, die alle wichtigen Körperteile inklusive Kopfhaar bedeckt hält. Turnen, Schwimmen oder Leichtathletik dagegen scheiden aus.

Die Situation ist heute schon besser als vor 5 Jahren und auch besser als vielen anderen islamischen Ländern wie beispielsweise Saudi Arabien oder Pakistan, in denen Frauen grundsätzlich öffentlich keinen Sport betreiben dürfen.

Rohelle Ahadpour hatte vor drei Jahren erfahren, dass man auf einem See in Teheran auch als Frau rudern könne, und zwei Wochen später sass sie gemeinsam mit ihrer Schwester in einem Boot. Beinah wäre sie sogar auch nach Athen gefahren, aber sie ist bei der Qualifikation an den übermächtigen Chinesinnen gescheitert.

O-TON 4:
Wenn wir bessere Kleidung beim Training und bei den Wettbewerben hätten, sowie die anderen Frauen in Asien, dann denke ich, könnten wir besser sein. Diese Kleidung ist schwer, sehr schwer. Auf dem Wasser wird sie nass und noch schwerer.

Die Kleidung ist nicht das einzige Hindernis, das angehende Sportlerinnen im Iran zu überwinden haben. Vielleicht noch gewichtiger ist allgemein die Rolle, die Frauen in der iranischen Gesellschaft zugeschrieben wird. Nassim Hassanpour:

O-TON 5:
In erster Linie sind Frauen im Iran erst einmal Hausfrauen und sie treiben keinen Sport. Die Sportlerinnen, die heiraten, können zudem selten ihren Sport fortsetzen. Wenn man wirklich an die Spitze will im Iran, dann muss man auf einiges verzichten. Entweder man heiratet nicht oder man hat zumindest keine Kinder. Die Männer sind nicht sehr verständnisvoll. Meist müssen die Frauen zu Hause bleiben und sich um den Haushalt kümmern.

Sport zu treiben gilt im Iran immer noch als anrüchig. Entsprechend gering ist die Zahl der Sportstätten und Trainingsmöglichkeiten für Frauen, und wenn Frauen Sport treiben, dann meist hinter verschlossenen Türen und von den Medien unbeachtet.

Aber die Dinge ändern sich. Einmal, weil sich das gesellschaftliche Klima im Iran langsam, aber unaufhaltsam ändert. Die rigorosen Vorschriften werden immer mehr ignoriert und auch den konservativen Sittenwächtern bleibt nichts anderes mehr übrig, als die Zügel lockerer zu lassen. So wird die Schulsport für Mädchen verbessert und es existiert eine eigene Organisation für Frauensport.

Zum anderen gibt es immer mehr Frauen wie Rohelle Ahadpour, die mutig jede Gelegenheit nutzen, jeden Freiraum besetzen, der sich ihnen bietet und sich einfach nicht entmutigen lassen.

O-TON 6:
Wenn wir ins Ausland fahren, werden wir ausgelacht. Wir müssen die Kopfdeckung und die anderen Sachen tragen, aber das wird von vielen Nicht-Moslems nicht akzeptiert. Sie machen sich über uns lustig. Es ist sehr schwierig, nach Europa zu fahren und dort beispielsweise an Wettkämpfen teilzunehmen.

Trotzdem: Ahadpour rudert weiter. Ziel ist auch für sie die Olympiade in vier Jahren in Peking.


 

Länge 3:23

 

 

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