Iran: Erwartungen an den neuen Präsidenten

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Die Politiker machen immer große Versprechungen, aber wenn sie mal gewählt wurden, wird nichts mehr davon gehalten. Sie sind viel mehr an der Erhaltung ihrer eigenen Macht interessiert und an der Möglichkeit, sich selbst zu bereichern. Die meisten sind korrupt, die Mullahs eingeschlossen.

Diese Verdrossenheit mit der Politik, der dieser Oberstbauer in einem kleinen Dorf im Osten Irans freien Lauf lässt, ist so etwas wie das Grundthema jeder politischen Unterhaltung. Es ist nahezu unmöglich jemanden zu finden, der rundherum zufrieden mit den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran ist.

Korruption rangiert ganz oben auf der Beschwerdeliste – gleich neben den steigenden Preisen und den stagnierenden Einkommen. Gern wird darauf verwiesen, dass der Iran mit seinen Vorkommen an Öl und Gas auf einem der größten Bodenschätze der Welt sitzt und dennoch in der Dritten Welt stecken geblieben ist.

Die Erwartungen an den neuen Präsidenten Ahmadinejad sind deshalb einfach und gerade heraus.

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Für die kleinen Leute muss etwas getan werden, sagt dieser Gemüsehändler auf einem Basar im Norden Teherans. Die Jugend braucht Arbeit, die Preise müssen stabil bleiben und es muss wieder Gerechtigkeit herrschen. Die korrupten Manager, die sich immer nur selbst bereichern, müssen vertreiben und dazu gezwungen werden, das Geld wieder zurück zu geben.

Ahmadinejad war der Präsidentschaftskandidat, der diese Stimmung am besten erkannt hat und mit seinen Versprechungen, der Anwalt der einfachen Leute zu sein, dem entgegenkam. Sein einfacher Lebensstil macht ihn zudem persönlich glaubwürdig.

Es gehört zu den Eigenarten des politischen Klimas im Iran, dass nicht die islamische Revolution, die die Kleriker an die Macht gebracht hat, für die Misere verantwortlich gemacht wird, sondern dass man eine Fehlentwicklung glaubt. Die Revolution, die soziale Gerechtigkeit versprochen hat, sei vom rechten Weg abgekommen. Ahmadinejad will sie wieder zu ihren ursprünglichen Zielen zurückführen.

Es gibt daneben auch eine nicht unbedeutende Gruppe, die sich weniger über den rechten islamischen Weg den Kopf zerbrechen, sondern schlicht glauben, es sei Zeit für einen Wechsel und von Ahmadinejads gradliniger Entschlossenheit beeindruckt sind. Sie haben es mit den Reformern versucht. Die sind am konservativen Establishment gescheitert. Nun sind sie bereit, einer neuen, noch unbelasteten Kraft eine Chance zu geben.

Stimmen wie diese Fotografin aus Teheran, die ein Ende der gesellschaftlichen Öffnung befürchten, hört man unter Angehörigen der Mittelschicht in den großen Städten.

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Im besten Fall wird Ahmadinejad den Reformprozess zum Stillstand bringen. Er ist ein religiöser Eiferer, der für Frauenrechte, Meinungsfreiheit oder Demokratie wenig übrig hat. Im schlimmsten Fall wird er uns wieder ins Mittelalter zurück bringen.

Obwohl solche pro-demokratische Haltungen in ausländischen Medien gern für eine weit verbreitete Stimmung gehalten werden, ist ihre Bedeutung und ihr Einfluss – wie die Wahlen gezeigt haben – doch geringer, als wir gern annehmen möchten.

Der Lebensalltag der Mehrheit der Iraner ist von der täglichen Frage erfüllt, wie man das Brot auf den Tisch bringen und die Miete bezahlen kann. Die Kinder brauchen eine Arbeit, Zweit- und Drittjobs keine Seltenheit und das Geld, das man in der Hand hält, schmilzt wie die Butter in der stechenden Sonne.

Der Streit über das Atomprogramm ist da ein sehr abgelegenes Thema und Demokratie und Meinungsfreiheit etwas für diejenigen, die sich um ihr Auskommen nicht sorgen müssen.

Ahmadinejad hat soziale Gerechtigkeit, Hilfe für die Schwachen und ein menschenwürdigeres Leben versprochen. Deshalb haben sie ihn gewählt und nun wartet man darauf, dass er diese Versprechen einlöst.

 

 

Länge 3:36

 

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© Martin Ebbing 2005