Iran: Dehebala

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Atmo 1

[Dorf]

Dehebala ist eine Oase. Das Dorf liegt ein gute halbe Stunde von Yazd entfernt in einem tief geschnittenen Tal zwischen zwei schroffen Bergketten im Osten des Irans.

Dies ist eine Wüstenregion. Nichts als brauner Fels, Steine, Geröll und Schotter und dazwischen ein paar hartnäckige Sträucher. In Dehabala ist es aber grün. Schon beim Einbiegen in das Tal sieht man rechts von der einzigen Strasse die Kirsch-, Äpfel-, Mandel- und Wallnussbäume.

Am oberen Ende, dort wo die Strasse eine Schleife macht, um wieder in das Tal zurück zu führen, sitzt gegenüber dem kleinen Krämerladen im Schatten einer Mauer Mohammad Ali Mohsenzadeh auf einem geschälten Baumstamm und wartet auf den Bagger, der für ihn das Loch für ein Wasserreservoir ausheben soll. Er hat all seine 76 Lebensjahre in Dehebala verbracht.

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Ich baue eine ganze Reihe von Früchten an: Äpfel, Walnüsse, Kirschen, Mandeln, Weintrauben. Dazu hatte ich früher auch Gemüse, aber der Gemüseanbau ist sehr arbeitsintensiv. Das lohnt sich nicht mehr. Jeder hier hat auch noch ein paar Schafe.

Es geht ihm gut, räumt Mohsenzadeh freimütig ein. Je nach Größe des Besitzes kann man im Jahr zwischen 1 Millionen und 10 Millionen Tohman verdienen. Das sind umgerechnet rund 800 bis 8.000 Euro. Mohsenzadeh gehört zu den reicheren Bauern.

Der Revolution stand Mohsenzadeh eher gleichgültig gegenüber.

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Bei uns hat das keinen großen Unterschied gemacht. Unsere Landwirtschaft ist nicht mechanisiert. Betroffen waren nur die Bourgeois. Nur die Bodenpreise sind seither gestiegen.

Es gibt auch in Dehebala Radio und Fernsehen, wenn auch nicht alle Programme zu empfangen sind. Über das politische Geschehen in der 730 Kilometer entfernten Hauptstadt Teheran ist Mohsenzadeh halbwegs informiert, aber es interessiert ihn nicht brennend.

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Was man im Radio hören kann, sind viele Versprechungen, aber wenig davon wird tatsächlich in die Tat umgesetzt.

Im letzten Jahr beispielsweise, nach dem Frosteinbruch, der viele Früchte zerstörte hatte, versprach die Regierung finanzielle Hilfe. Es gab große Versprechungen, es wurde viel diskutiert und geredet, aber am Ende gab es für die 150 Familien, die in Dehebala wohnen, gerade einen Zuschuss von 200.000 Tohman (160 Euro) zum Bau eines Haman, eines neuen Badehauses.

Mit einer abwinkenden Handbewegung macht Mohsenzadeh deutlich, was er von solchen Politikern hält.

Er kennt die wichtigsten Kandidaten bei der morgen anstehenden Wahl. Er weiß, dass Rafsanjani, der schon mal Präsident von 1989 bis 1997 war, wieder kandidiert. Er kennt den ehemaligen Polizeichef Qalibaf und Larijani, der lange das staatliche Fernsehen und den staatlichen Rundfunk geleitet hat. Beide sind Konservative, die sich jetzt als Pragmatiker geben.

Auch der Name Mustafa Moin, der Spitzenkandidat der Reformpartei, ist ihm ein Begriff, aber er kann nicht so recht mit ihm etwas anfangen. Dass Moin erst vom konservativen Wächterrat zur Wahl nicht zugelassen werden sollte, weiß Mohsenzadeh nicht.

Bei der letzten Präsidentschaftswahl vor vier Jahren ist er wählen gegangen und hat wie die meisten im Dorf Mohammad Khatami, dem noch amtierenden Präsidenten, seine Stimme gebenen. Khatami, der nach zwei Amtszeiten nicht wieder antreten darf, stammt aus Ardakan, einem kleinen Ort in der Gegend. Auch wenn Khatami nicht viel erreicht habe, so ist Mohsenzadeh überzeugt, hat er doch sein Bestes versucht.

O-TON 4:

Er war ein guter Präsident. Vor allem hat er es erreicht, dass wir wieder Beziehungen zu den anderen Ländern haben. Er ist ein guter Mann. Er wollte etwas tun, aber man hat ihn nicht gelassen.

Wer genau Khatami woran gehindert hat, kann oder mag Mohsenzadeh nicht sagen. Es mischen sich für ihn seine allgemeine Skepsis gegenüber den Politikern mit seiner Ablehnung der Verbindung von Religion und Politik. Religion ist für ihn die eine Sache, aber die Politik hat vor allem dafür zu sorgen, dass es den Menschen besser geht.

O-TON 5

Wir waren schon vor der Revolution religiös. Wir waren immer sehr religiös, aber mit diesem Regime bin ich nicht glücklich. Vor der Revolution war das Leben besser. Man hat uns mehr geholfen. Zudem kann man im Fernsehen sehen, wie sich die Welt verändert. Es gibt Fortschritt, aber bei uns ist alles stehen geblieben.

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[Bauarbeiter]

Auf der anderen Seite des Tales, jenseits des Flusses, arbeiten vier Männer an dem Bau einer Ziegelmauer. Einer rührt den Speis, zwei transportieren Speis und Ziegel von der Strasse den Hang hinauf zum Grundstück, der vierte mauert.

Die Männer arbeiten im Schatten einiger Mandelbäume, die kein Laub tragen, weil sie von einem Schädling befallen sind. Kleine Gespinste, in denen grüngraue Larven verpuppt sind, hängen überall an den dürren Ästen.

Das Grundstück hat bis vor sieben Monaten Ali Bagheshari gehört, der es aber an einen wohlhabenden Händler aus Yazd verkauft hat. Die Reichen in Yazd haben Dehebala wegen seines Grüns und der staubfreien, kühlen Luft als Wochenenddomizil entdeckt und kaufen Grundstücke auf, um sich darauf Häuser zu bauen.

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Wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte, dann hätte ich mein Grundstück niemals verkauft und ich würde auch nicht für die reichen Leute arbeiten. Aber was soll ich tun? Die Regierung hilft uns nicht. Deshalb muss ich Teile meines Besitzes verkaufen, um zu überleben.

Verständlich, dass Bagheshari auf die Regierung nicht gut zu sprechen ist.

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Ich bin mit dieser Regierung nicht zufrieden. Ich bin damit nicht allein. Als beispielsweise die Fachleute von der Schädlingsbekämpfung kamen, haben sie einmal die Bäume besprüht, sich aber nie darum gekümmert, ob diese Chemikalien auch wirklich etwas nutzen. Es geht nicht nur um mich. Es geht auch um die anderen Menschen hier, das ganze Dorf und die Dörfer in der Umgebung. Die Regierung muss uns unterstützen und sie muss vor allem etwas für die jungen Menschen hier tun. Keiner der Jungen will mehr im Dorf bleiben. Meine Kinder sind in die Stadt gezogen und gehen dort zur Universität. Ich bin 65 Jahre alt. Um mich mache ich mir keine Sorge mehr, aber um die jungen Leute.

Vor der Revolution hatte das Dorf mehr als 4.000 Einwohner. Heute ist es noch knapp die Hälfte.

Die Revolution selbst fand Bagheshari nicht schlecht. Anfangs wären die Bauern unterstützt worden, aber in den letzten Jahren gehe es ständig bergab.

Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat auch er Khatami gewählt und am Freitag will er selbstverständlich erneut zur Wahl gehen. Wen er wählen wird, weiß er nicht. Ein religiöser Kandidat wäre ihm schon recht, aber Religion ist für ihn nicht ausschlaggebend.

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Nur religiös zu sein, ist nicht genug. Man muss vor allem ein Politiker sein. Ein Präsident muss etwas von den Dingen verstehen und aktiv sein. Gott hat gesagt, nur zu beten ist nicht gut. Man muss auch arbeiten.

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[Dorf]

Durch das offene Fenster seines Wohnzimmers kann Yusefi in wenigen Wochen die reifen Weintrauben pflücken. Die Ranken reichen bis in das Zimmer hinein, das ansonsten aber nur mit ein paar billigen Teppichen, einer zusammengerollten Schlafmatte sowie Sitzkissen ausgestattet ist.

Yusefis Frau bringt aus der Küche hinter dem Vorhang den Tee, hält sich aber ansonsten im Hintergrund. In Dehebala gelten noch die traditionellen Regeln, nach denen Frauen sich von Fremden fernhalten sollen.

Yusefi schaut bitter auf das, was die Revolution gebracht hat.

O-TON 9

Ich habe einen Kleinbus, mit dem ich einen Taxi-Betrieb nach Yazd betreibe. Ich muss im Jahr für den Bus 600.000 Tohman an Versicherung bezahlen. Mit jeder Fahrt verdiene ich 5.000 Tohman. Davon gehen 4.000 Tohman an Kosten für die Versicherung und die Unterhaltung des Busses ab. Wie soll ich damit klarkommen? Der Freitagsprediger hier im Dorf hatte vor der Revolution nur einen Esel. Jetzt fährt er einen Peugeot und hat eine Wohnung in der Stadt und mehrere Häuser. Die Bauern haben nichts.

Bei der letzten Wahl hat Yusefi ebenfalls für Khatami gestimmt, aber jetzt weiß er noch nicht, ob er wieder wählen gehen wird.

O-TON 10

Vor der Revolution haben sie uns 75 Tohman am Tag pro Person als direkte Bezahlung aus den Öleinnahmen versprochen. Ein Arbeiter verdiente damals 10 Tohman am Tag. Wir haben das Geld nie gesehen. Jetzt habe ich im Fernsehen gesehen, dass ein Kandidat jedem Iraner, der älter als 17 Jahre ist, 50.000 Tohman pro Monat aus den Öleinnahmen verspricht, sollte er Präsident werden. Das sind doch alles Gauner und Betrüger.

Damit will Yusefi das Thema ruhen lassen. Ich rege mich doch nur auf, sagt er.

 

Länge 8:56

 

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© Martin Ebbing 2005