Iran: Britische Skulpturen imTehran Museum of Contemporary Art

Bei Rückfragen erreichen Sie mich telefonisch unter

[49] 0700.04045444

oder einfacher per Email



„Solide“ ist vielleicht das Wort, das einem westlichen Betrachter bei einem Rundgang durch die Ausstellung „Turning Points“ (auf Deutsch „Wendepunkte“) einfallen könnte. 61 Arbeiten von 15 britischen Bildhauern sind zu sehen – ein Querschnitt durch die plastische Kunst des Vereinigten Königreiches des 20. Jahrhunderts. Vertreten sind die großen Namen, von Henry Moore über Tony Cragg und Bill Woodrow bis hin zu Gilbert & George und Shirazeh Houshiary, über nicht unbedingt ihre großen Werke.

In einem westlichen Museum dürfte die Schau vielleicht mit einer braven Erwähnung durch die Kritik rechnen, in Teheran, wo sie seit dem 24. Februar zu sehen ist, erfreut sie sich aber allergrößter Aufmerksamkeit. Alle Zeitungen des Landes, selbst die konservativen Blätter, schreiben darüber und beim Publikum ist sie ein großer Erfolg.

O-TON 1:
Ich hörte von meinen Freunden, es sei eine sehr gute Ausstellung, und deshalb bin ich gekommen. Aber es ist weit mehr als nur eine „gute Ausstellung“. Es ist grossartig.

Viele Besucher wie Atieh Nouri gehören zur jungen Generation oder sind sehr kunstinteressiert, wenn nicht gar selber Künstler.

Wenn Kritik an der Ausstellung geäußert wird, dann ist es eigentlich ein Lob.

O-TON 2:
Ich hatte eigentlich mehr erwartet. Es sind recht wenig Arbeiten in dieser Ausstellung, aber das, was zu sehen ist, ist sehr interessant.

Der Appetit auf westliche Kunst ist nach langen Jahren der Enthaltsamkeit größer als das Angebot. Das Museum für Moderne Kunst in Teheran hat zwar in den letzten Jahren auch andere Ausstellungen mit Künstlern aus Europa organisiert, aber nichts von diesem Umfang.

Vielen der Besucher sind die Werke von Barry Flanagan, Richard Long oder Barbara Hepworth durchaus nicht unbekannt, aber es ist ein großer Unterschied, ob man sie nur von Abbildungen her kennt oder ob man sie leibhaftig vor sich hat.

Mohammad Reza Payandeh studiert Kunst und seit der Eröffnung der Ausstellung ist er jeden Tag gekommen. Besonders angetan hat es ihm „Rot auf Grün“, eine Arbeit von Anya Galaccio, in der 10.000 rote Rosen in einem rechteckigen Bett arrangiert sind.

O-TON 3:
Ich habe einige Ausstellungen gesehen, aber nichts von dieser Qualität. Jeden Abend schaue ich mir zwei, drei Stunden lang Kunst im Internet an. Die Kunstwerke aber hier zu sehen, hat für mich ganz neue Sichtweisen eröffnet. Beispielsweise das Rosenbeet hier. Am Anfang roch es nach Rosen, jetzt riecht es nach Verfall. Das kann man im Internet nicht erleben.

Von den Besuchern nicht zu hören ist Unverständnis oder gar Ablehnung gegenüber den ausgestellten Arbeiten, und auch die konservative Presse schreibt schlimmstenfalls distanziert, mag sich aber auch nicht vor Empörung erregen.

Die Toleranz gegenüber westlicher Kunst sei im Iran weit größer als man im Ausland oft glauben wolle, sagt Dr. Ali Reza Sami Azar, der Direktor des Museums. Nicht er sondern vor allem der British Council, das Auslandskulturinstitut Großbritanniens, mit dem zusammen die Schau organisiert wurde, habe sich mehr darum gesorgt, keinen Anstoß zu erregen.

O-TON 4:
Um Rücksicht auf die islamischen Regeln und die moralischen Einschränkungen, die in unserer Gesellschaft immer noch herrschen, hat sich vor allem der British Council bemüht. Wir von unserer Seite haben immer darauf gedrängt, so viele Künstler wie möglich mit einzubeziehen. Aber der British Council war ein wenig vorsichtiger, um zu vermeiden, dass es in diesem Stadium der kulturellen Zusammenarbeit mit dem Iran zu Kontroversen und Auseinandersetzungen kommt.

Zu den Tabus gehört jede Darstellung von Nacktheit oder Erotik sowie alles, was das religiöse Empfinden beleidigen könnte.

Ein ganzes Jahr hat die Vorbereitung der Ausstellung in Anspruch genommen und es ist mehr oder weniger Zufall, dass die Eröffnung kurze Zeit nach den Parlamentswahlen stattfand. Bei den Wahlen konnten die Konservativen die Mehrheit zurückgewinnen, was durch den Umstand stark begünstigt wurde, dass die Kandidaten des Reformflügels erst gar nicht zugelassen wurden.

Die Frage drängt sich auf, ob es mit dem Machtwechsel auch zu einer Einschränkung der gerade gewonnenen bescheidenen Freiheiten kommen wird. Einzelne Besucher der Ausstellung teilen diese Befürchtung, aber die Mehrheit ist nicht so pessimistisch.

O-TON 5:
Ich denke, die Konservativen haben begonnen zu verstehen, was Jugendliche wollen, und sie haben langsam angefangen, dies auch zu akzeptieren.

Auch Direktor Sami Azar glaubt nicht, dass sich die Freiheiten wieder ein schränken lassen.

O-TON 6:
Ehrlich gesagt, die relativ freie Situation, in der wir arbeiten, ist nicht durch Beschlüsse des Parlaments geschaffen worden, sondern sie ist in den letzten fünf Jahren durch die Eigeninitiative der Bevölkerung entstanden. Auch Parlamentarier blieben von solchen populären Stimmungen nicht unberührt. Was wir tun, ist das Ergebnis des neuen Klimas und des enormen kulturellen Wandels, der im Iran stattgefunden hat. Ich denke, niemand wird das wieder zurückdrehen können.

Die britischen Skulpturen, da ist er sich sicher, werden nicht vorerst die letzte Ausstellung westlicher Kunst im Iran sein. Für den April steht eine Schau mit Werken von Gerhard Richter auf dem Ausstellungsplan.

Länge 5:10

 

 

[Angebote]


top

© Martin Ebbing 2004