Iran: Bam - Drei Monate danach

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ATMO 1
Ja, es ist schön. Das sind die Dinger, die wieder für alles entschädigen.

Friedhelm Simon von der deutschen Hilfsorganisation H.E.L.P. ist zufrieden. Einer der Wohncontainer, die seine Organisation nach Bam gebracht hat, ist auf seinem Stellplatz aufgestellt worden und er hat die Schlüssel an die überdankbaren neuen Bewohner übergeben können.

H.E.L.P. betreibt ein Programm, mit dem für 20 obdachlose Familien, bei denen ein Mitglied während des Erdbebens eine Querschnittsverletzung erlitten hat, eine neue Unterkunft zur Verfügung gestellt wird.

Mariam Zarafschan fiel ein Türbalken auf den Rücken, als sie versuchte, sich mit ihrem zweijährigen Sohn aus ihrem einstürzenden Haus zu retten. Seither kann sie sich von der Brust abwärts nicht mehr bewegen. Sie wurde in einem Krankenhaus behandelt und lebt seither mit dem Rest ihrer Familie inmitten der Trümmer in einem Zelt, das der iranische Rote Halbmond gestiftet hat.

O-TON 2:
Während der 20 Tage, seit ich aus dem Krankenhaus entlasse wurde, konnte ich mich nicht einmal duschen und ich habe mir nur einmal die Haare waschen können. Es ist sehr schwierig.

„Schwierig“ ist noch eine sehr milde Beschreibung der Lebenssituation der Menschen, die das Erdbeben überlebt haben und weiter in Bam ausharren. Wie viel es genau sind, weiss niemand. 93.000 Einwohner hatte die Stadt offiziell vor dem Beben, geschätzte 44.000 haben bei der Katastrophe das Leben verloren. Überlebende, die die Möglichkeit hatten, haben die Stadt verlassen oder Unterschlupf bei Verwandten anderenorts gesucht.

Aber es sind immer noch mehrere Zehntausend, die in dem Trümmerfeld ausharren und auf den Wiederaufbau von Bam warten. Viel geändert hat sich für sie in den vergangenen drei Monaten nicht. Sie alle haben eine Zeltbahn über dem Kopf und werden mit dem Lebensnotwendigsten versorgt. Krankenstationen sind eingerichtet worden und die meisten Schulen haben zumindest provisorisch wieder geöffnet – viel mehr aber auch nicht.

Zahra Rostam Abadi hat bei dem Erdbeben ihren Mann und ihre beiden Kinder verloren. Sie teilt sich eines der Zelte mit ihrer Mutter und einer Tante.

O-TON 3:
Wir haben kaum Wasser, und die hygienischen Verhältnisse sind miserabel. Unsere Kinder gehen zur Schule, aber wir können ihnen keine Bücher oder Schreibwaren kaufen. Sie sind ganz verlottert.
Man sagt, das Ausland habe eine Menge Hilfe geschickt, aber wir haben nichts bekommen. Wir sind den Leuten natürlich dankbar, aber gesehen haben wir davon nichts.
Ein großes Problem ist, dass wir keinen Kühlschrank haben. Manchmal bekommen wir zwar frische Hühner, aber wie sollen wir die bei dieser Hitze aufbewahren?
Air-Conditioner gibt es natürlich auch nicht. In den Zelten staut sich die Hitze und als alleinstehender Frau gehört es sich für mich nicht, das Zelt offen stehen zu lassen.

Der Verdacht, dass die ausländische Hilfe in dunklen Kanälen versickert, ist weit verbreitet. Am 9. März erklärte der Vorsitzende des iranischen Roten Halbmondes öffentlich, nur ein geringer Teil der gespendeten Gelder erreiche tatsächlich Bam. Seine Organisation habe bislang 1,9 Millionen US Dollar erhalten, obwohl aus Dokumenten hervorgehe, dass 11,8 Millionen Dollar eingetroffen seien. Wenige Tage später überwies das Außenministerium der Organisation weitere 2 Millionen Dollar.

Nachzufragen, wie es mit dem Wiederaufbau weitergeht, ist nicht so einfach. Sucht man nach den Verantwortlichen, dann findet man im Zentrum von Bam ein paar abgebrannte Container, die einst die Büros der Stadtverwaltung waren. Eine aufgebrachte Menge hat ihrer Wut über das anhaltende Elend freien Lauf gelassen.

In einem Zelt auf einem bewachten Gelände findet man schließlich eine Gruppe Männer, die aber abstreitet, für irgendetwas verantwortlich zu sein und weder ihre Namen nennen noch ein Interview geben will. Sie räumen aber ein, dass mit dem Wiederaufbau von Bam nicht alles so laufe, wie es solle. Es sei eine große Aufgabe, mit der manche Behörde überfordert sei. Auf der anderen Seite seien sie aber auch von der ausländischen Hilfe enttäuscht.

O-TON 4:
Was die ausländischen Hilfsorganisationen versprochen und was sie tatsächlich getan hätten, sei manchmal ein himmelweiter Unterschied. Die Golfstaaten beispielsweise hätten 400 Millionen Dollar versprochen und das habe natürlich hohe Erwartungen geweckt. Sehr bald hätten die Golfstaaten aber ihre Meinung geändert und gesagt, dies sei keine einmalige Zahlung sondern nur ein Kredit.

In der Tat besitzen nicht alle Hilfsorganisationen das Geschick, sich auf die Mischung von Schlendrian, Inkompetenz und Bürokratie bei einigen iranischen Behörden einzustellen.

Das Malteser Hilfswerk beispielsweise war direkt nach dem Beben mit einem Rettungsteam vor Ort. Als diese Arbeit eingestellt wurde, wurde ein neuer Mann nach Bam geschickt, um beim Wiederaufbau zu helfen. Der orderte 20 Schulcontainer, wurde aber wieder abgezogen, bevor die Hilfsgüter eintrafen. Carsten Stork ist nun seit sechs Tagen für die Malteser der neue Mann vor Ort. Er ist das erste Mal im Iran und als er sich die Container anschauen wollte, erlebte er eine Überraschung:

O-TON 5:
Es waren vorgesehen 20 Schulcontainer für Bam, sechs Toilettencontainer, die zur Verfügung gestellt werden, aber hier fehlt ganz offensichtlich der Toilettencontainer, oder die zwei Toilettencontainer, die vorgesehen waren. Wo sie sind, weiss natürlich wieder keiner so genau. Es schiebt einer auf den anderen.

Reibungslos dagegen funktioniert in Bam die Versorgung mit Opium. In der Stadt, die an der Schmuggelroute von Afghanistan in den Westen liegt, waren Drogen immer schon leicht erhältlich, aber seit dem Erdbeben ist der Konsum sprunghaft gestiegen.

Von dieser Frau sagen ihre Zeltnachbarn, sie sei Drogenhändlerin. Sie streitet es zwar ab, zeigt sich gleichzeitig aber sehr hilfsbereit zu besorgen, was man brauche.

O-TON 6:
Ja, es wird geraucht. Was können die Menschen auch tun? Sie haben keine andere Wahl. Sie haben ihre Familien verloren, und was sollen sie jetzt machen. Die Menschen sind völlig verwirrt. Sie haben niemanden, an den sie sich wenden können, keinen Onkel, keine Tante. Niemanden. Das sind die Leute, die rauchen. Die, die Hilfe bekommen, brauchen kein Opium.

Länge 6:12


 

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© Martin Ebbing 2004