Irak: Jalal Talabani

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Manche Träume werden wahr, die man nicht einmal geträumt hat.

Vor fünf Jahren hätte Jalal Talabani sicher nicht davon geträumt, der erste frei gewählte Präsident des Iraks zu werden. Wenn er überhaupt geträumt hat, dann von einem unabhängigen Kurdistan und vielleicht davon, seinen Rivalen um die Führerschaft der irakischen Kurden, Mahsud Barzani ausschalten zu können.

Der neue Mann, der das neue Irak nun für alle Welt repräsentieren soll, hat einen recht kurvenreichen Aufstieg zur Spitze hinter sich. Seine offizielle Biographie gibt kein Geburtsdatum sondern nur das Geburtsjahr 1933 an. Geboren wurde er in dem kleinen Flecken Kelkan in der Nähe der heute zwischen Kurden, Arabern und Turkmenen heftig umstrittenen Stadt Kirkuk.

Bereits mit 14 schloss er sich der Kurdischen Demokratischen Party von Mustafa Barzani an und er wurde bereits mit 18 in das Zentralkomitee der KDP gewählt.

Nachdem 1961 eine Rebellion der Kurden niedergeschlagen wird, schließ er sich erst einer Absplitterung der KDP an und gründet 1975 schließlich seine eigene Partei, die Patriotische Union Kurdistans, kurz PUK.

Zu ihren Anhängern zählten vor allem die mehr urbanen Kurden, Intellektuelle und Linke, während die KDP ihren Rückhalt eher in den traditionellen Stammesstrukturen hat. Talabani und seine PUK schrieben sich am Anfang den Sozialismus auf die Fahnen, rückten im Laufe der Jahre politisch aber immer mehr in die Mitte und verstehen sich heute als eine Art Sozialdemokraten.

Als die Amerikaner nach Ende des Golfkrieges 1991 eine Schutzzone im nördlichen Irak einrichtete, bekam Talabani die Chance, einen Staat im Staate zu gründen. Rund um seinen Sitz in Suleymanjia entstand eine selbstverwaltete Enklave, die trotz der Bedrohung durch Saddams Truppen und völliger Isolation nicht nur überleben sondern auch wirtschaftlich prosperieren konnte.

Suleymanjia ist heute die am westlichsten orientierte Stadt im ganzen Irak. Religion gilt als Privatsache, an den Universitäten studiert ein hoher Anteil an Frauen, allgemein gelten Frauen als gleichberechtigt und können sogar bei den Peshmerga (der kurdischen Guerillaarmee) dienen, die private Wirtschaft wird ermuntert und man versucht sich als Demokraten.

Talabani erwies sich als gewiefter Realist. Er ließ sich vom Iran unterstützen, ohne von Teheran vereinnahmt zu werden. Um eine bewaffnete Konfrontation mit der Türkei zu vermeiden, nahm er es hin, dass türkische Truppen auf von ihm kontrollierten Boden Krieg gegen die türkisch-kurdische PKK führten, obwohl er anfangs mit der PKK sympathisierte.

Er ist sicher kein mustergültiger Demokrat, sondern besitzt stark autokratische Züge, aber in der Region ist er einer der besten Demokraten, die man finden kann.

Als der Feldzug der Amerikaner gegen Saddam Hussein immer wahrscheinlicher wurde, war er bereit, die Rivalität mit Mahsud Barzani, dem Sohn des verstorbenen Mustafa, hintanzustellen. Gemeinsam beschlossen sie, die Situation nicht für die Ausrufung eines unabhängigen Kurdistans zu nutzen, sondern die realistischere Option, die Kooperation mit den Amerikanern, zu wählen.

Nachdem der junge Barzani kein Interesse an nationalen Ämtern zeigte und es gelungen war, den Anspruch auf einen Teil der Macht zu untermauern, in dem durch die erfolgreiche Mobilisierung der kurdischen Wähler das kurdische Wahlbündnis zur zweistärksten Kraft im Parlament wurde, sitzt Talabani ab heute im Präsidentenpalast in Bagdad.

Er weis, dass dies mehr eine repräsentative Position ohne wirkliche Machtbefugnisse ist, aber es wird ihm eine Genugtuung sein, nachdem Kurden so lange im Irak Bürger zweiter Klasse waren. Zudem wird ihm die neue Aufgabe ausreichend Zeit lassen, seinen eigentlichen Traum, den Traum vom unabhängigen Kurdistan, weiter zu träumen.

 

Länge 3:01

 

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© Martin Ebbing 2005