Irak: Kirkuk

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ATMO

[Turkmenen Konvoi]

Laut hupend zieht ein Auto-Konvoi der Turkmenischen Front, eine der sechs turkmenischen Parteien der Stadt, durch die Strassen von Kirkuk. Die lärmende Gruppe ist eine Ausnahme im ansonsten sehr stillen Wahlkampf. An vielen Zäunen und Mauern hängen zwar Plakate und einige Autobesitzer haben Poster der Parteien in ihre Rückfenster geklebt, aber es finden keine öffentlichen Wahlveranstaltungen statt. Es ist auch kein Spitzenpolitiker der Parteien, die zur Wahl des neuen Parlamentes angetreten sind, in Kirkuk aufgetaucht. Es ist zu gefährlich.

Am Mittwoch kamen bei einem Bombenanschlag auf eine Polizeistation 7 Menschen ums Leben. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag kam es zu zwei weiteren Anschlägen, bei denen vier Menschen ihr Leben verloren. Ein Dolmetscher, der für die US Truppen arbeitete, wurde erschossen am Straßenrand gefunden.

Es ist aber nicht nur diese alltägliche Gewalt, die in Kirkuk ein Klima der Anspannung und Angst geschaffen hat.

O-TON 1

Wir sind aus Kirkuk geflohen und jetzt zurückgekehrt, aber wir wissen nicht wohin.

Asis Khalif war ein Opfer der Arabisierungskampagne Saddam Husseins. Systematisch wurden die Kurden vertrieben und Araber aus dem Süden Iraks angesiedelt. Khalif kehrte nach dem Sturz des Diktators nach Kirkuk zurück, aber sein Haus und Hof war noch von Saddams Schergen zerstört worden. Seitdem lebt er gemeinsam mit 650 Familien mit einem ähnlichen Schicksal in selbstgebauten provisorischen Hütten und Zelten direkt dem neben dem Fußballstadium der Stadt.

O-TON 2

Kirkuk ist meine Heimatstadt. Hier haben mein Vater und mein Großvater gelebt und hier will ich auch leben.

Rund 200.000 Kurden, die einst vertrieben wurden, wollen in die Stadt zurück. Sie reklamieren Eigentum für sich, das seit Jahren von Arabern in Besitz genommen wurde.

Die Araber, denen nun selbst droht, zu Vertriebenen zu werden, wollen aus Angst auch vor einem deutschen Mikrophon nichts sagen. Viele von ihnen sind schon heimlich weggezogen und die ethnische Zusammensetzung des Zentrums der nördlichen irakischen Ölindustrie ändert sich erneut.

Die Kurden sind auf dem Weg, die Mehrheit zu bilden, was ihren politischen Führern nur recht sein kann. Sie wollen Kirkuk zur Hauptstadt einer autonomen kurdischen Provinz innerhalb des Iraks erklären. Damit würden sie gleichzeitig auch den Zugriff auf die reichhaltigen Ölvorkommen, die unter der Stadt liegen, erhalten.

Die dritte große Bevölkerungsgruppe bilden die Turkmenen, die ethnisch mit den Türken verwandt sind. Unter ihnen gibt es eine Reihe von Hitzköpfen, die Kirkuk wiederum für sich in Anspruch nehmen und damit die Spannungen noch verschärfen. Sie pflegen enge Beziehungen zur Türkei, die wiederum jede Stärkung der Autonomie der Kurden zu verhindern versucht.

In der Mehrheit herrschen aber gemäßigtere Stimmen vor:

O-TON 3

Wir Turkmenen sind die drittgrößte Gruppe hier. Wir haben das selbe Recht wie die anderen auch zu wählen. Es gibt für mich keine großen Streitigkeiten mit den Kurden oder den Arabern. Wir können im Frieden miteinander leben.

Mohammed Begorle will unter allen Umständen am Sonntag wählen gehen.

O-TON 4

[Original]

Es gehe um seine Zukunft und deshalb müsse er seine Stimme abgeben, sagt der 78jährige Rentner. Wählen wird der die „Liste der Brüderlichkeit“, ein Zusammenschluss der beiden großen kurdischen Parteien mit arabischen, turkmenischen und asyrischen Vertretern, die zu den ebenfalls am Sonntag stattfindenden Wahlen der Bezirksregierung antritt.

Die Liste wurde gegründet, um eine zu große Polarisierung zu verhindern.

Gleichzeitig unternimmt jede Gruppe trotz der schwierigen Sicherheitslage alles, um ihre Wähler für ihre Listen zu den nationalen Parlamentswahlen zu mobilisieren. Vor allem die Kurden wollen beweisen, dass sie die größte Bevölkerungsgruppe bilden.

Mit Nervosität wird darauf gewartet, ob das Wahlergebnis – wie immer es auch ausfallen mag – von allen Bevölkerungsgruppen angenommen werden wird. Kirkuk ist damit zum Testfall geworden, ob ein friedliches Zusammenleben aller ethnischen und religiösen Gruppen im Irak wirklich möglich ist.

 

Länge 4:22

 

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© Martin Ebbing 2005