Afghanistan: Wahlen in Kalaibuz

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ATMO 1
[Außenatmo]

Auch wenn es so aussehen mag, ist Kalaibuz nicht das Ende der Welt. Eher des westliche Ende Afghanistans, mehr als eine Tagesreise von der Hauptstadt Kabul entfernt. Die Grenzen zu Pakistan und dem Iran sind – zumindest auf der Landkarte – nicht weit.

Im Schatten Jahrtausende alter Ruinen eines längst vergangenen Königreiches erstrecken sich an einem kleinen Fluss gut 200 Häuser und Hütten sowie die schwarzen, weit gespannten Zelte von Nomaden, die sich hier für einige Zeit niedergelassen haben. Drum herum ist nichts als Sand, Geröll und ein paar kärgliche Gräser, die sich trotzig zu behaupten versuchen.

Die Menschen leben von Viehzucht und dem, was der von der Sonne verbrannte Boden hergibt. Strom, Telefon oder Fernsehen sind in Kalaibuz noch nicht angekommen. Eine Schule oder ein Krankenhaus existieren nicht.

In Kalaibuz ist die Zeit ein ganz klein wenig stehen geblieben.

O-TON 1:
[Original Paschtun]

Ich werde den König wählen, antwortet Khudaraim auf die Frage, wen er bei den Präsidentschaftswahlen wählen werde. Nach eigenen Angaben ist er etwa 60 Jahre alt, hat noch in der Armee des Königs gedient, und besitzt heute ein paar Schafe und Kamele, die seinen ärmlichen Lebensunterhalt sichern.

Die Nachricht, dass der König nicht mehr zur Wahl stehe, irritiert ihn ein wenig. Dann wähle er eben einen anderen.

O-TON 2:
Ich werde einen Menschen wählen, der nach dem Koran lebt und dem Propheten Mohammed und den religiösen Gesetzen folgt und der sich für die Menschen einsetzt.

Wählen will er aber auf jeden Fall und er ist ein ganz klein wenig stolz, dass er eine Registrierkarte für die Wahl in der Tasche trägt.

Auch Jawid, der vom Anbau von Getreide und Obst lebt, hat sich registrieren lassen.


O-TON 3:
Ich freue mich auf die Wahlen. Ich will, dass Hamid Karzai Präsident wird. Er wird Schulen und Krankenhäuser und alles bauen, damit unsere Kinder eine bessere Zukunft haben.

Für alle in Kalaibuz wird der Einwurf des Stimmzettels in die Urne, die beim Dorfkältesten aufgestellt wird, die erste Wahl in ihrem Leben sein und es eindeutig, dass Präsident Hamid Karzai ihr Favorit ist.

O-TON 4:
25 Jahre lang gab es Krieg. Alles nur Zerstörung und nichts wurde für uns getan. In den zwei Jahren, seit Karzai Präsident ist, hat er sich aber für uns eingesetzt. Deshalb vertrauen wir ihm.

Karzai ist wie die überwiegende Mehrheit der Bewohner von Kalaibuz Paschtune. Das bringt ihm als Kandidat einen Vorteil. Zum zweiten ist er als Präsident auch in den abgelegenen Orten Menschen wie Golahmad bekannt.

O-TON 5:
Ich werde Karzai wählen. Er ist unser Präsident. Die anderen kenne ich nicht.

Da es in Afghanistan keinen Wahlkampf im westlichen Sinn mit Auftritten der Kandidaten, Wahlprogrammen und Broschüren gibt, ist der Bekanntheitsgrad sehr wichtig. Man orientiert sich daran, was für Informationen bei den Besuchen in Laskhargar, der nächsten Stadt, mitgebracht und weitererzählt werden. In Kalaibuz gibt es nicht einmal Plakate, die sonst gelegentlich zu finden sind.

Zudem personifiziert Karzai einen neuen Abschnitt in der Geschichte Afghanistans.

O-TON 6:
Uns geht es jetzt besser. Seit der Krieg vorbei ist, können wir in Frieden leben. Keine Soldaten kommen mehr und zerstören alles.

Eine Stimme für Karzai ist deshalb für viele eine Stimme für ein Ende der Zwistigkeiten und blutigen Auseinandersetzungen.

Kalaibuz liegt in einer Region, die als extrem unsicher gilt. Taliban haben hier zwar keinen Fuß fassen können, aber westliche Hilfsorganisationen haben die Gegend aus Angst vor gewaltsamen Aktionen gegen die Wahlen verlassen. Auch die UN ist nur unter Polizeischutz in die Ortschaften gefahren, um die Wähler zu registrieren.

Sadakhan, der mit seinen Tieren elf Personen zu ernähren versucht, zuckt dazu nur mit den Schultern.

O-TON 7:
Nichts ist hier passiert. Wir sind freie Menschen. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Niemand will uns etwas.

Nicht eingeschlossen sind bei diesen „Niemand“ allerdings die Diebe und Räuber, die gelegentlich auch Kalaibuz heimsuchen.

Trotz der als gefährlich eingeschätzten Sicherheitslage hat die UN ein Drittel mehr Wähler registrieren können, als vorab erwartet wurden. Es hätten sogar noch mehr sein können, wären den Helfern nicht die Registrierkarten ausgegangen.

Mit 16 Prozent ist der Anteil der Frauen allerdings noch geringer als im Landesdurchschnitt. Der Männer in Kalaibuz beteuern aber wie Jawid hoch und heilig, dass auch seine vier Frauen wählen gehen können.

O-TON 8:
Sie sind alle registriert und werden auch wählen gehen.

Selber fragen darf ein Fremder die Frauen allerdings nicht. Sie verständen von solchen Sachen ja nichts, flüstert Jawid dem Reporter vertrauensvoll ins Ohr.

 

Länge 4:45

 

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© Martin Ebbing 2004