| 20.
Mai 2001 - Rot-grüne Erregung |

Diyarbakir ist in Aufregung und den ganzen Tag über ist zu spüren,
wie diese Aufregung steigt. Am frühen Morgen
war die Luft noch frisch und klar und ein leichter Wind blähte
leicht die grossen rot-grünen Fahnen, die von Drahtseilen über
der Strassenmitte und von Gebäuden herunterhängen. --> |
| 21. Mai 2001 - Wohnungssuche |
Der erste
Immobilienmakler, den wir aufsuchen, hält gerade seinen Mittagsschlaf.
Ein kleiner Junge steigt die Treppe in dem winzigen Büro hinauf,
um den Mann zu wecken. Schläfrig blinzelt er uns entgegen, schüttelt
uns die Hand und ofensichtlich hat er leichte Orientierungsschwierigkeiten:
die Frau führt das Gespräch und der Mann steht schweigend
daneben. Er kratzt sich am Kopf und lässt seine goldenen Schneidezähne
aufblitzen. --> |
| 22. Mai 2001 - Wir rufen zurück |

Er drückt mir ein achtseitiges Prospekt in deutscher
Sprache in die Hand, das neben einer Reihe von Fotos die üblichen
Informationen enthält: "Diyarbakir ist mit seinem geschichtlichen,
kulturellen und folkloristischem Reichtum und der herzlichen Gastlichkeit
seiner Einwohner eine Reise wert!" Das Wort "Kurden"
kommt in dem gesamten Prospekt nicht einmal vor. --> |
| 23. Mai 2001 - Tigris |
Ein
Polizeistaat schafft ein Klima des Misstrauens und auch ich spüre,
wie sich diese Paranoia einschleicht und die eigene Urteilsfähigkeit
ins Wanken bringt. --> |
| 24. Mai 2001 - Bitterer Geschmack |

Was ist mit dem türkischen Kaffee passiert? Vielleicht
ist dies nicht so eine furchtbar drängende Frage, aber wer seinen
Tag gern mit einer guten Tasse Kaffee beginnt, mag sich darüber
Gedanken machen. --> |
| 25. Mai 2001 - Splitter |
Ein
Tag ohne ein Oberthema oder einen roten Faden, mehr eine Sammlung
von Splittern und Eindrücken. --> |
| 26. Mai 2001 - Wartesaal |

Die Stadt ist von den Menschen, die ihr Land verlassen mussten, überwältigt.
Wieviel es genau sind, die in Diyarbakir eine Bleibe gesucht haben,
wisse niemand. Vor fünf Jahren habe die Einwohnerzahl nach einigen
Angaben etwa 300.000 betragen. Heute werden 2 Millionen geschätzt.
--> |
| 27. Mai 2001 - Auf der Mauer |
Schweigend
machen wir uns auf den Weg. Ich halte mich von den Rändern ein
wenig fern, da der Blick nach unten bei mir leichte Schwindelgefühle
auslöst. Am Fuss der Mauer spielen im Schatten Jungen Fussball.
Vereinzelte Schafe grasen unter den Bäumen. Die Altstadt präsentiert
sich als Gewimmel verschachtelter Häuser, aus denen steil die
Minarette herausragen. --> |
| 28. Mai 2001 - Stiller Krieg |

Sehr vorsichtig taste ich mich an das Thema heran,
bedanke mich, dass sie gekommen sind, und äussere Verständnis,
dass es sicher sehr schwierig für sie sei, über dieses Stück
ihrer Vergangenheit noch einmal zu reden. Sie nicken mir dankbar zu.
Ob ich ihre Namen nennen könne? Selbstverständlich. Fotos?
Aber sicher. Alle drei möchten ihre Geschichte erzählen.
"Wir haben nichts Falsches getan, und alle Welt soll erfahren,
was hier geschieht," sagt Masum. --> |
| 29. Mai 2001 - Die Polizei greift
ein |
Eigentlich
hatte ich heute mit dem Gedanken geliebäugelt, einmal einen Ruhetag
einzulegen, ein wenig die Seele baumeln zu lassen und zu versuchen,
wieder mehr Abstand zu gewinnen. Aber dann meldete sich Cem, einer
meiner Dolmetscher, bei mir im Hotel. --> |
| 30. Mai 2001 -Die Kinder |

Warum verkaufst du Sesamringe? - Um meine Familie
zu unterstützen. - Wieviel verdienst du denn am Tag? -
2 bis 3 Millionen TL (4 bis 6 DM). - Warum musst du die Familie
unterstützen? - Sie braucht Geld. - Warum braucht deine
Familie Geld? - Ich muss verkaufen, weil wir kein Geld haben.
--> |
| 31. Mai 2001 - Ruhetag |
Ausspannen,
lesen, Email beantworten, Ordnung schaffen, durchatmen... -->
|
| 1. Juni 2001 - "Gemeinschaftshaus" |

Haben unverheiratete türkische Männer Sex?
Theoretisch nein. Die strengen, auf dem Islam basierenden Sitten schreiben
vor, dass ein Geschlechtsverkehr nur in der Ehe stattfinden darf.
Ehebruch ist selbstverständlich auch verboten. Nun, die Mathematik
ist einfach. --> |
| 2. Juni 2001 - Eser |
Eser
ist mir zugelaufen wie ein Hund. Dies ist keine sehr respektvolle
Art, über einen Menschen zu schreiben, aber die Redeweise ist
zu treffend, um nicht Gebrauch von ihr zu machen. --> |
| 3. Juni 2001 - Koma Amed |
 Jedes
Wort wird von der Menge mitgesungen. Brennende Pappstreifen werden
zu einem Meer kleiner Fackeln in die Luft gestreckt. Die Menge feiert.
Sie feiert die fünf Musiker auf der Bühne, aber sie feiert
vor allem sich selbst, ihre kurdische Kultur, ihre kurdische Identität.
--> |
| 4. Juni 2001 - Kültür |
"Es gibt keine klaren Richtlinien, was erlaubt
ist und was nicht. Wir versuchen es halt und schauen, was passiert."
Serif Baltas ist einer der Organisatoren des Kultur- und Kunstfestivals
von Diyarbakir, das gestern zu ende gegangen ist. --> |
| 5. Juni 2001 - Paca |

"Güzelis" in Diyarbakir ist eines der
wenigen Restaurants, die Paca anbieten. Warum das Gericht in dieser
armen Region oft gegessen wird, aber nicht unbedingt beliebt ist,
wird leicht verständlich. Grundbestandteil, so erklärt mir
Masum, der Koch, ist ein enthäuteter Schafskopf. Natürlich
kann man auch mehrere nehmen. -->
|
| 6. Juni 2001 - Licht und Schatten |
Am faszinierendsten aber ist das Licht. Zu jeder Tageszeit
sehen die Gebäude und Gassen anders aus. So lange die Sonne am
Himmel steht, sind die Kontraste hart. Mal liegt eine Häuserfront
im tiefsten Schatten, der die Details einhüllt, mal hebt das
Licht jede einzelne Fuge, jeden Riss im Mauerwerk hervor. --> |
| 7. Juni 2001 - Ruhetag |

Ein weiterer Ruhetag. Ich werde mich einfach zu den
alten Männern in den Schatten der Bäume setzen und ihnen
beim Spiel zuschauen. --> |
| 8. Juni 2001 - Warnung |
Sollten Sie einmal nach Diyarbakir kommen und sich
mit dem Gedanken tragen, zum Tigris hinunter zu spazieren, empfehle
ich Ihnen: tun Sie es nicht! --> |
| 9. Juni 2001 - Zwischenbericht meiner
fünf Sinne |

Die Rufe von den Minaretten zum Morgengebet gegen 4:00
Uhr, wenn die Stadt noch ruhig ist. Es beginnt mit einer vereinzelten,
klagenden Stimme aus der Ferne, die dann von einer zweiten, mehr aus
der Nähe, abgelöst wird. Eine dritte kommt hinzu und es
entwickelt sich ein Dialog. Worte gleiten über die schlafende
Stadt und setzen sich sanft nieder. --> |
| 10. Juni 2001 - Felat |
Ich denke, es war ein Missverständnis, das diesen
Ausbruch bei Felat ausgelöst hat. Ansonsten
ist Felat eher ein zurückhaltender Mensch. Wir sind über
Nietzsche ins Gespräch gekommen. Scherzhaft haben wir gemeinsam
die "Diyarbakir Nietzsche Gesellschaft" gegründet.
Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist die fehlerfreie Aussprache
des Namens "Friederich". Das hat leider die Zahl der möglichen
Bewerber gegen Null sinken lassen. --> |
| 11. Juni 2001 - Die Leiden des Herrn
Akgümes |

Es kann passieren, dass nachts, wenn man gerade aus
dem Taxis aussteigt, ein mittelalter, unscheinbarer Mann auf den Fahrgast
zukommt und in etwas holperigem Englisch seine Hilfe anbietet. Touristische
Basisarbeit. So habe ich Herrn Resit Akgümes kennengelernt. --> |
| 12. Juni 2001 - Plagen |
Die erste habe ich vor vier Tagen gesehen. Nein, als
erstes habe ich sie gespürt. Aus dem Nichts heraus traf mich
ein Gegenstand als ich abends auf dem Balkon meines Hotels saß
und arbeitete. Es fühlte sich an, als habe mich jemand mit einer
Kastanie oder einer Walnuss beworfen. Es war nicht schmerzhaft, aber
der Aufprall war doch deutlich zu spüren. Ein kleiner Schlag
genau zwischen den Schulterblättern. --> |
| 13. Juni 2001 - Dorf |

Für den Weg vom Zentrum an den südlichen
Stadtrand benötigt der Minibus nicht einmal zehn Minuten. Der
Weg führt durch Ofis, dem Stadtviertel für die besser
Gestellten, am Eingang zur Basis der türkischen Luftwaffe vorbei
in ein Viertel, in dem die mehrgeschossigen Wohnhäuser, die die
Hauptstrasse säumen, einen nicht mehr ganz sauberen Anstrich
tragen. --> |
| 14. Juni 2001 - Aynur |
Aynur lacht gern. Sie hat ein Lächeln, das tief
aus ihrem Inneren kommt und wie Blasen glucksend und unaufhaltsam
an die Oberfläche steigt. Als sie noch
klein war, hatte sie einen Traum, was sie in ihrem Leben einmal werden
will. Sie wollte Rechtsanwältin beim Europäischen Menschengerichtshof
werden. Mit 13 verknallte sich Aynur in einen
Filmschauspieler und entschloss sich, doch lieber Regisseurin zu werden.
Heute ist sie 23 und steht an der Universität von Diyarbakir
kurz vor dem Abschluss als Englischlehrerin. --> |
| 15. Juni 2001 - Frauen |

Vor etwa zwei Jahren wurde eine Frau von ihren Angehörigen zu
uns gebracht. Sie konnte nicht mehr sehen, sie konnte nicht mehr richtig
hören und sie konnte nicht mehr gehen. Mehrere Monate lang war
sie in einem Zimmer eingesperrt gewesen und ihr Ehemann sowie die
Familie ihres Mannes hatten sie gefoltert. -->
|
| 16. Juni 2001 - Letzter Ruhetag |
Dritter und letzter Ruhetag. Die Kugeln klacken nicht
so oft, wie sie sollen. Üben! --> |
| 17. Juni 2001 - Klinik |

Suzan Kartiüstün ist eine Überraschung. Ihr Äusseres
signalisiert bis ins kleinste Detail eine stille, frömmelnde
Frau, die man eher beim Studium islamischer Traktate als hinter dem
Schreibtisch eines Arztes vermuten würde. Ihre Haut ist käsig-blass,
als habe sie die letzten Jahre in der dunklen Ecke eines Zimmers gelebt.
--> |
| 18. Juni 2001 - Der Parteichef und
die Frauen |
"Die wichtigste Veränderung betrifft die Rolle der Frauen. Die
kurdischen Frauen haben sich sehr verändert. Die Frauen, die in der
Stadt leben und lesen und schreiben können, sind selbstbewusster geworden
und nehmen aktiver am Leben teil." --> |
| 19. Juni 2001 - Suzan Samanci |

Samanci schreibt Gedichte und Erzählungen über die Farben
und den Duft der Blumen und Gräser in den kurdischen Bergen,
die drückend heißen Nächte in den Städten, das
Leben in den kurdischen Dörfern während des Krieges, über
Vertreibung, Haft, Liebespaare, türkische Soldaten und PKK Kämpfer.
In ihren Geschichten flirrt die Luft vor Hitze, leuchten die wilden
Beeren, fürchten türkische Soldaten den Anbruch des Tages
und flüstern sich wortkarge Ehepaare ein wenig Trost zu. --> |
| 20. Juni 2001 - Deutsch-kurdische
Küche |
Ich
habe die Menschen, die mich während meiner Zeit hier unterstützt haben
und zu denen sich eine Art Freundschaft entwickelt hat, zum Essen
eingeladen. Nicht irgendwo in einem Restaurant, sondern ich möchte
selber kochen. Deutsch, was ein nicht unerhebliches Problem darstellt.
Die zentrale Lebensfrage jeder Hausfrau weltweit: was kochen? --> |
| top |