Deutsche-kurdische Küche


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MigrosMein letzter Tag und die passende Gelegenheit, einmal die Rollen umzukehren. Ich war einen Monat lang Gast in Diyarbakir gewesen, nun möchte ich zumindest ein wenig zurückgeben.

Ich habe die Menschen, die mich während meiner Zeit hier unterstützt haben und zu denen sich eine Art Freundschaft entwickelt hat, zum Essen eingeladen. Nicht irgendwo in einem Restaurant, sondern ich möchte selber kochen. Deutsch, was ein nicht unerhebliches Problem darstellt. Die zentrale Lebensfrage jeder Hausfrau weltweit: was kochen? Sauerkraut mit Eisbein, Saumagen oder Erbsensuppe erscheinen mir ein zu grosses Klischee. Zudem muss man sich nach den Möglichkeiten richten. Die Möglichkeiten auf einem durchschnittlichen Markt in Diyarbakir bestehen aus Tomaten, Gurken, Auberginen, Kartoffeln, Zwiebeln, Oliven, Petersilie, Knoblauch und den Früchten der Saison. Keine Salate und keine weiteren Gemüse. Das schränkt die Speisekarte gehörig ein. Fleisch ist zudem für kurdische Gäste unverzichtbar. Lammfleisch.

Aus der Klemme, ein deutsches Gericht mit Lammfleisch und wenigen weiteren Zutaten zu finden, befreite mit die Webseite eines deutschen Frauenmagazins. Meine Wahl fiel auf eine Suppe mit Lammfleischklössen. Das klingt nicht nach einem sehr deutschen Gericht, aber immerhin war das Rezept aus einer deutschen Zeitschrift.

NachbarnBerna hatte sich bereit erklärt, mir ihre Wohnung zum Kochen zur Verfügung zu stellen und sie wollte mich auch beim Einkaufen begleiten. Die Schlüsselprobleme auf meiner Einkaufsliste, das war nach kurzer Beratung klar, waren Suppengrün und Karotten. Für Suppengrün fand ich in meinem Wörterbuch nicht einmal ein passendes türkisches Wort.

So versuchen wir unser Glück bei Migros, einer Supermarktkette für den Geldbeutel und den Geschmack der wohlhabenderen Kreise in Diyarbakir. Alle Supermärkte der Welt sind nach den selben Prinzipien gestaltet: lange Gänge für die problemlose Navigation mit dem Einkaufswagen, das Gemüse am Eingang, Dosen und Packungen eng gestapelt in den Regalen und dazwischen die Sonderangebote. Aber nicht alle Supermärkte haben das selbe Warensortiment. So hat Migros in Diyarbakir zwar Kirchererbsen in Dosen, denn zum Einweichen über Nacht bleibt mir keine Zeit mehr, aber kein Suppengrün. Dafür gibt es Karotten, gleich in grossen Kilopackungen. Mit Blick auf die Lasten in unserem Einkaufswagen, die wir noch quer durch die Stadt zu schleppen haben, schlägt Berna vor, die Karotten doch lieber in dem Laden bei ihr in der Nachbarschaft zu kaufen. Ich mache den Fehler und willige ein.

Um eine lange, ermüdende Suche auf einen kurzen Nenner zu bringen: es gibt in Bernas Nachbarschaft keinen Laden, der Karotten führt. Weder einen Kilometer die Strasse hinaus, noch einen Kilometer die Strasse hinunter und auch in keinen Laden dazwischen. Wir rufen Felat an und bitten ihn, auf dem Weg nach Karotten Ausschau zu halten. Er kommt mit leeren Händen.

EserBerna wohnt mit drei weiteren Frauen in einer Wohngemeinschaft im sechsten Stock eines Wohnblocks am nördlichen Rand der Stadt. Hier ist das Wohnen billiger. Von ihrem kleinen Balkon aus schaut man auf die Rückseite der Häuserzeile gegenüber. Durch die offenstehenden Balkonfenster kann man Männer sehen, die auf dem Sofa liegen und Fernsehen. Abendbrottische werden abgeräumt, kleine Kinder laufen in Unterwäsche hin und her.

Berna und ihre Mitbewohnerinnen sind Studentinnen. Berna selbst erhält monatlich 60 Dmark von ihren Eltern. Das muss inclusive Miete reichen. Wenn sie mal Geld haben, kaufen sie kiloweise Spaghetti, wozu es an guten Tagen auch mal ein wenig Ketchup gibt. Salz ist das einzige Gewürz im Haushalt. Ich bin der erste, der versucht, mal etwas anderes als Nudeln zu kochen.

Auf Karotten müssen wir verzichten. Das Suppengrün ersetze ich durch eine große Menge Frühlingszwiebeln plus gehackte normale Zwiebeln. Kurden lieben Zwiebeln, was soll also schief gehen. Berna und Aynur formen aus dem Hackfleisch kleine Bällchen. Mehmet, Eser und Felat schneiden und schnitzeln. Die Frauen amüsieren sich still darüber, dass es mir gelungen ist, auch die Männer einzuspannen. Ich trage die Verantwortung.

BernaWenn man gemeinsam kocht, redet man miteinander. Das Hauptthema ist die Frage, was ich eigentlich über jeden genau geschrieben habe. Sie kennen zwar alle die Webseite, können dort ihre Fotos sehen und ihre Namen lesen, aber sie können die deutschen Texte nicht verstehen. Aus den Fragen ist nicht nur das unwohle Gefühl herauszulesen, Gegenstand der Beobachtung gewesen zu sein, ohne das Testergebnis zu kennen, sondern auch die im Hintergrund immer anwesende Sorge, nicht mit einem Satz oder in einem Zusammenhang zitiert worden zu sein, der zu Schwierigkeiten mit der Polizei führen könnte. Ich versuche aus dem Gedächtnis einzelne Textpassagen zu übersetzen, aber die Sorge bleibt.

Wir haben viel Zeit. Die einzige Kochgelegenheit in Bernas Wohnung besteht aus einem Campingkocher, der zischend und mit aller Kraft eine Suppe für zwölf Personen zum Kochen zu bringen versucht.

Ich stelle die Gegenfrage (fishing for compliments), wie meine Gäste eigentlich die ganze Zeit meine Anwesenheit ertragen konnten. Eser, mein sanfter Schutzengel, der die ganzen Tagen über kaum von meiner Seite gewichen ist, zuckt die Schulter. "Nun ja, es war eigentlich so wie sonst mit ausländischen Journalisten auch", und benimmt sich dabei, als wisse er vor lauter ausländischen Journalisten nicht wohin. Felat, sonst der Skeptiker, sagt ganz unvermittelt mit dem freundlichsten Gesicht, das ich jemals bei ihm gesehen habe, "Ich finde es grossartig, dass du hier gewesen bist. Wir sind so isoliert von der Welt. Die Welt weiss nichts von uns und wir wissen nichts von ihr. Wir haben immer nur Umgang mit Menschen, die so sind wie wir. Und ich finde es auch gut, dass du über uns geschrieben hast - obwohl du damit Geld verdienst." Felat hat ein tiefes Misstrauen gegen Journalisten, die seiner Ansicht nach charakterlich noch zwei Stufen unter den Gebrauchtwagen anzusiedeln sind.

Kocher"Ich habe viel von dir gelernt", bringt Berna mich in Verlegenheit. Manche Fragen sollte man einfach nicht stellen. Sie spricht von Zielstrebigkeit, Effektivität und Organisation und gelobt, ab sofort ihr Leben zu ändern, und fügt dann nach kurzem Nachdenken hinzu: "Du bist sehr verrückt", was offensichtlich weder als Kritik noch als Kompliment sondern schlicht als Tatsachenfeststellung gemeint ist.

Nach gut zweieinhalb Stunden steigen in der Suppe, die laut Rezept in einer knappen halben Stunde zuzubereiten ist, die ersten kleinen Blasen auf. Nach einer knappen weiteren Stunde sprudelt es. Wir essen nach kurdischen Art (und weil die Möbel fehlen) auf dem Boden. Der Koch wird artig gelobt und ich bleibe stumm, als darüber diskutiert wird, dass die deutsche Küche doch viele Gemeinsamkeiten mit türkischen und kurdischen Speisen aufweise.

Dann kommt, was ich kenne und was kommen musste: ich werde gedrängt, ein deutsches Lied zu singen. Man könnte mir kaum einen grösseren Schrecken einjagen. Nur mit einem grossen Redeschwall gelingt es mir, meine Gäste davon abzubringen, mich derart zu demütigen. Aber gesungen wird. Aynur summt die Melodie eines kurdischen Volksliedes und nach und nach stimmen die anderen ein. Ein weiteres Lied folgt, ein drittes, ein viertes.

Das EssenIch schaue aus meiner Sofaecke zu. Einen Monat lang haben ich immer wieder neugierige Fragen nach der Lebensweise in Westeuropa beantwortet. Jede Antwort wurde mit einem stummen Seufzer aufgenommen. Wir haben über Traditionen und Zwänge, die Rolle der Frauen, Freiheit und Verantwortung diskutiert. Nun sitzen die selben Menschen vor mir wie die Pfadpfinder auf dem Fussboden und verbringen den Abend damit, Lieder zu singen.

Zu später Stunde rückt Eser, der mich still beobachtet hat, an mich heran und sagt. "Ich weiss zwar nicht, was du schreibst, aber ich glaube, du bist ein guter Journalist."

Es ist schon recht früh, als A. (dessen Name aus sehr privaten Gründe hier nicht genannt werden soll) Richtung Hotel gehen. Die Strassen sind leer. Ein warmer Wind bläst und entgegen.

A.: "Ich glaube, ich bin betrunken. Ich kann keine gerade Linie mehr gehen."

A. war einer der vier Männer, die den gesamten Abend über je eine Dose Bier betrunken haben. Die Frauen haben nur mal genippt.

Ich brumme ein "Hmmm" als Zeichen der Kenntnisnahme.

Wir kommen an einem beleuchteten Lebensmittelladen vorbei, in dem ein Mann mit dem Kopf auf der Theke schläft.

A.: "Vielleicht sollten wir noch ein Bier trinken gehen."

"Später", schlage ich vor.

Eyvallah / Xatirete.

 

Abschied

 

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© Martin Ebbing 2001