Suzan Samanci


Die Reportagen
Radio
Die Reise

Email


StickereiIn Vorbereitung auf meinen Aufenthalt in Diyarbakir habe ich auch im Internet nach Informationen gesucht. Die Suche war nicht sonderlich erfolgreich, aber auf den Seiten eines Buchhändlers bin ich auf zwei Bücher der kurdischen Schriftstellerin Suzan Samanci gestoßen, die in Diyarbakir aufgewachsen ist und hier auch wohnt.

Ihre beiden auf Deutsch erschienenen Erzählbände waren eine Entdeckung. Samanci schreibt Gedichte und Erzählungen über die Farben und den Duft der Blumen und Gräser in den kurdischen Bergen, die drückend heißen Nächte in den Städten, das Leben in den kurdischen Dörfern während des Krieges, über Vertreibung, Haft, Liebespaare, türkische Soldaten und PKK Kämpfer. In ihren Geschichten flirrt die Luft vor Hitze, leuchten die wilden Beeren, fürchten türkische Soldaten den Anbruch des Tages und flüstern sich wortkarge Ehepaare ein wenig Trost zu.

Wie sieht eine Autorin aus, die solche Geschichten schreibt? Ich stellte mir eine hagere Frau vor, zäh, mit zupackenden Händen und Spuren bitterer Erfahrungen im Gesicht.

Die persönliche Begegnung ist eine Überraschung. Suzan Samanci wohnt im modernen, geschäftigen Stadtteil Ofis. Ihre Wohnung im fünften Stockwerk eines anonymen Hochhauses ist großzügig und strahlt die Behaglichkeit eines mittelständischen Wohlstandes aus. Ein junges, dürres Hausmädchen mit strengen Gesichtszügen führt den Besucher in das Wohnzimmer. Tee, nicht in den kleinen, bauchigen Gläsern sondern in Tassen, und kurdisches Gebäck werden serviert.

Suzan Samanci hat ein rundes Gesicht mit einem hellen Lächeln. Ihr glattes, dunkelblondes Haar streicht sie hinter die Ohren, wodurch ihr Gesicht noch runder wirkt. Sie ist sorgfältig und sehr dezent geschminkt, nur die Andeutung eines Lidschattens und gedeckter, leicht glänzender rose Lippenstift. In ihrem schlichten weißen, ärmellosen Sommerkleid, das ein wenig spannt, könnte sie gut als eine Lehrerin an einer höheren Schule durchgehen: eine ruhige Autorität mit gewandtem, kultiviertem Auftreten, hinter dem eine tiefe Leidenschaft glüht.

Suzan SamanciWenn sie über sich und ihre Arbeit spricht, wirkt sie, als habe sie Mühe zu entscheiden, was sie aus der Fülle dessen, was sie zu sagen hat, zuerst erzählen soll.

Sie habe schon als Kind angefangen zu schreiben, erzählt sie, und fügt schnell hinzu, dass dies natürlich jeder Schriftsteller sagen würde, aber es sei wirklich wahr. Schon in der Oberschule habe sie Sartre und Simone de Beauvoir gelesen, wobei Beauvoir eine Schlüsselrolle für sie dabei gespielt habe, ihre weibliche Identität zu entdecken.

Samanci begann, Gedichte zu schreiben. 1990 erschien das erste von bislang sechs Büchern.

Ihre ersten schriftstellerischen Arbeiten, gesteht sie ganz ohne kokettierendes Lächeln ein, hätten doch einiges zu wünschen übrig gelassen. Aber sie habe in den letzten zehn Jahren einiges gelernt. "Ich habe mich sehr verbessert", sagt sie, und der Satz bleibt ohne einen Versuch stehen, dem möglichen Verdacht schamlosen Eigenlobes entgegen zu wirken.

Die überwiegende Mehrzahl ihrer Geschichten und Personen sind in der östlichen Türkei und unter der kurdischen Bevölkerung angesiedelt. Ihre Protagonisten sind Bauern, Frauen vom Land, Kämpfer der PKK, türkische Soldaten, Lehrerinnen, Angehörige der schmalen Mittelschicht in den kurdischen Städten sowie Wanderarbeiter.

"Ich interessiere mich nicht für Politik", sagt Samanci, oder "Die Welt ist sehr schmutzig". Literatur dagegen sei eine "klare, reine Sache". Sie zitiert Albert Camus, "Literatur bedeutet, den Kopf über den Alltag zu erheben". Gleichzeitig reagiert sie fast empört auf die Frage, warum die Situation der Kurden, der Krieg, Hintergrund fast all ihrer Geschichten ist. "In dieser Gegend gab es viel Leid und Tod. Die Herzen der Mütter wurden in große Aufregung versetzt. Es gibt hier Angst und Furcht. Wie kann ich da über andere Dinge schreiben? Etwa über das Nachtleben in Istanbul?" Sie schüttelt den Kopf.

Das Hausmädchen füllt die Teetassen nach, lächelt zum ersten Mal und zieht sich dann still zurück, während Suzan Samanci betont, sie sei auf keinen Fall eine Realistin. "Für mich stehen Schönheit und Kunst an erster Stelle. Ich möchte die Menschen emotional berühren und ich bilde nicht einfach die Wirklichkeit ab. Wenn ich zum Beispiel über Wanderarbeiter schreibe, versuche ich nicht die tatsächlich gesprochene Sprache zu benutzen, sondern ich schreibe in einer eigenen, künstlichen Sprache."

Die Sprache ist ein Problem. Suzan Samanci schreibt nicht in Kurdisch sondern in Türkisch, der Sprache der Kultur also, die die Kurden als aufgezwungen empfinden und von der sie sich befreien wollen. Der Grund ist sehr einfach: Samanci beherrscht nur das umgangssprachliche, nicht aber das literarische Kurdisch.

uzan Samanci"Der Schriftsteller, der nicht seine eigene Kultur lebt und seine eigene Sprache spricht, ist ein Drama", sagt sie und es klingt weder Bedauern noch Selbstmitleid, sondern tiefer Ärger in ihrer Stimme mit. Samancis Vater war Lehrer und in ihrer Kindheit mussten sie nach Anatolien umsiedeln. Das Sprechen auf Kurdisch war verboten und so konnte nur zu Hause leise in der Muttersprache geflüstert werden. "Wenn wir heimlich das kurdische Programm von Radio Eriwan hörten, hatten wir immer schreckliche Angst, erwischt zu werden."

So lernt sie jetzt die literarische Form ihrer Muttersprache. Die kurdischen Ausgaben einiger ihrer Bücher wurden von einem Verlag besorgt. "Es war schon ein eigenartiges Gefühl, diese Bücher in der Hand zu halten." Eine kleine Pause entsteht, in der sie sich noch einmal die Erinnerung ins Bewusstsein ruft.

Möglich wurde diese Übersetzung durch eine Lockerung der Sprachpolitik der türkischen Regierung, die vor knapp zwei Jahren begann. Seither sind Veröffentlichungen in kurdischer Sprache zumindest nicht mehr verboten. Das heißt allerdings nicht unbedingt, dass sie auch erlaubt sind. Es gibt bislang weder kurdischsprachige Fernseh- oder Radiosender noch Zeitungen, und auch der Verkauf von kurdischer Literatur hängt von der Gnade respektive Willkür der türkischen Sicherheitspolizei ab. Samanci: "Nach türkischem Gesetz ist das Veröffentlichen von kurdischer Literatur nicht mehr verboten, aber die Regierung benutzt andere Wege. So werden die Bücher in den Buchhandlungen beschlagnahmt."

Ihre eigenen Bücher sind bislang von solchen Aktionen verschont geblieben, aber zu Zeiten des Sprachverbotes erhob die Staatsanwaltschaft auch gegen sie mehrfach Anklage, weil sie kurdische Worte und Redewendungen in ihren Erzählungen verwandte. Suzan Samanci ging straffrei aus.

Sie hält die Politik der türkischen Regierung gegenüber ihrer kurdischen Minderheit für provinziell und hinterwäldlerisch, und obwohl sie über sich sagt, sie interessiere sich nicht für Politik, hat sie eine dezidierte Meinung. Die Türkei sei wie eine Schildkröte. "Sie bewegt sich nur sehr langsam vorwärts, in sehr kleinen Schritten. Die Türkei hat große Angst, geteilt zu werden, und ist ein wenig paranoid. Veränderung ist aber ein Naturgesetz und dazu gehört auch, Menschen anderer Kulturen zu akzeptieren. Andere Kulturen tragen dazu bei, die Kultur eines Landes zu bereichern".

Gewollt oder ungewollt trägt Samanci ebenfalls zur Bereicherung der türkischen Kultur bei. Da sie in Türkisch schreibt, findet sie auch Leser über den kurdischen Kulturkreis hinaus und wird auch von den Literaturkritikern in Istanbul wahrgenommen. 1997 erhielt sie den türkischen Orhan-Kemal-Erzählerpreis, wenn auch die Verleihung nicht ganz ohne Kontroversen stattfand.

Suzan Samanci versucht erst gar nicht zu verbergen, dass ihr diese Art der Anerkennung sehr wichtig ist. Sie beisst ein Stück von dem Gebäck ab, kaut damenhaft langsam und lässt ein wenig Zeit verstreichen, um die Nachricht von dem Preis ein wenig wirken zu lassen.

Dennoch wirkt Samanci nicht arrogant, sondern eher offen und vertraulich. Sie lässt mich ganz unverstellt an ihren kleinen Triumphen, ihren Vorstellungen und Plänen teilhaben.

Kurdische LiteraturDie kulturelle Identität der Kurden und vor allem der Gebrauch der eigenen Sprache ist nach der militärischen Niederlage der PKK in den Mittelpunkt der Politik gerückt. Suzan Samanci schreibt aber nicht in Kurdisch - weil sie es nicht kann. Genau so zwiespältig wie diese Situation ist auch ihre Haltung dazu. Auf der einen Seite sagt sie, nicht Kurdisch schreiben zu können sei ein großer Mangel, denn "alle Kulturen haben ihre eigenen Charakteristika und dies drückt sich auch in der Sprache aus". Auf der anderen Seite bezeichnet sie sich als eine Schriftstellerin, "die in Türkisch schreibt, aber wie eine Kurdin fühlt" ohne dass dabei ein Bedauern mitklingt.

Und dann gibt es da noch eine dritte Position: sie nennt Gabriel Garcia Marquez oder Carlos Fuentes als Beispiele und spricht von "lokalem Kolorit", "kulturellen Wurzeln" und "Originalität" auf der einen und "Universalität" auf der anderen Seite. "Es ist wichtig, Universalität zu erreichen, aber zuerst muss man natürlich seine eigene Farbe, seine Originalität entwickeln. Wenn eine Mutter in Chile meine Bücher liest, dann möchte ich, dass sie dasselbe empfindet, was wir auch empfunden haben."

Zum Abschluss bitte ich sie - Tribut an das Radio - mir noch etwas vorzulesen. Was ich denn hören möchte? Ich entscheide mich für eine Geschichte über Diyarbakir, eine Erinnerung an die Stadt ihrer Kindheit und ihren ersten Ausflug in die Berge. Flüssig, als hätte sie die Zeilen erst vor wenigen Tagen geschrieben, liest sie mit leicht singender Stimme die ersten Absätze.

Eyvallah / Xatirete.

 

[top] [vorheriger Tag] [Übersicht Diyarbakir] [nächster Tag]

 

 

© Martin Ebbing 2001