Der Parteichef und die Frauen


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HADEP PlakatWenn Ali Ürküt aus seinem Zimmer tritt, dann legen einige der Männer, die im Vorraum die alltäglichen Geschäfte der Partei betreiben, reflexartig die Hände an die Hosennaht. Vielleicht ist es die Anwesenheit eines ausländischen Journalisten, die die Männer noch rechtzeitig daran erinnert, dass dies nicht mehr ein Camp irgendwo in den Bergen, sondern ein Büro im zweiten Stock an der geschäftigen Hauptstrasse von Diyarbakir ist.

Ali Ürküt ist Vorsitzender der HADEP in Diyarbakir - ein wichtiger Mann in der Partei, die sich für die politischen, sozialen und kulturellen Rechte der Kurden einsetzt. Diyarbakir hat die grösste kurdische Bevölkerung in der Türkei, der Bürgermeister ist Mitglied der HADEP, entsprechend einflussreich ist der Bezirk in der Partei.

Die türkischen Sicherheitskräfte verdächtigen die HADEP, Verbindungen mit der verbotenen PKK zu besitzen. Büros werden regelmäßig durchsucht, Mitglieder verhaftet.

Ali Ürküt besitzt nicht nur Autorität, sondern er strahlt das Phlegma eines vielbeschäftigten Mannes aus, der trotz all seiner Aufgaben die Dinge fest im Griff hat. Er wirkt ein wenig müde und abgespannt, aber konzentriert. Er lächelt nicht, hört aber aufmerksam zu während er das ständig klingelnde Telefon zu ignorieren scheint.

Ürküt ist lange genug Politiker, um Fragen einfach zu ignorieren und dann seine eigenen Antworten zu geben. Das drängenste Problem in Diyarbakir? "90 Prozent der Bevölkerung hier sind Kurden. Die türkische Regierung muss ihre Existenz und ihre Rechte akzeptieren." Ob sich das Klima für eine politische Lösung mit der türkischen Regierung seit dem Beginn des Waffenstillstandes vor zwei Jahren verbessert habe? "Die türkische Regierung bewegt sich nicht, aber sie muss die Existenz der kurdischen Bevölkerung und ihre Rechte anerkennen."

Ali ÜrkütAber Ürküt ist auch klug genug um zu erkennen, dass diese Mantra bei seinem Gegenüber nur gequälte Langeweile hervorruft. "Sehen Sie, wir ignorieren nicht, dass in der türkischen Gesellschaft in der jüngsten Zeit ein zunehmendes Interesse gewachsen ist, dieses Problem zu lösen. Im Radio und im Fernsehen wird über die Kurdenfrage diskutiert und es gibt auch von vereinzelten Politikern sehr konstruktive Idee, aber die Regierung und vor allem das Parlament rühren sich nicht von der Stelle. In der Türkei hat die Armee einen sehr großen Einfluss auf die Politik. Ohne ihre Zustimmung und Unterstützung ist nichts möglich, und die Armee blockiert."

Die wirtschaftliche Situation? "In dieser Region gibt es eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir uns mit den Ursachen beschäftigen. Dann wird alles andere folgen. Der Schlüssel ist die gewaltsame Unterdrückung. Es gibt keine Investitionen, weil die Wirtschaft Angst hat. Während des Krieges wurden die Menschen von Dörfern hierher vertrieben und das hat die Probleme noch verschärft. In ihren Dörfern konnten sie arbeiten, hier nicht. Daraus wiederum sind eine Reihe von Folgeproblemen entstanden. Die Arbeitslosigkeit hat sich noch weiter erhöht. Es gibt ein Bildungsproblem, ein Gesundheitsproblem. Die türkische Regierung verspricht zwar, sich dieser Probleme anzunehmen, aber bislang waren dies immer nur versprechen."

Ürküt beginnt Gefallen an unserer Unterhaltung zu finden. Er straft mich auch nicht mehr mit einem strengen Blick, wenn ich meine Ungeduld über allzu plakative Propaganda zu erkennen gebe oder skeptisch dazwischen frage.

Während von einem scheuen Angestellten des Büros, der so bemüht darum ist, nicht aufzufallen, dass die Löffel wie eine helle Glocke klingeln, eine weitere Runde Tee gebracht wird, denkt Ürküt über meine Frage nach, ob sich die Lebensbedingungen der Kurden nicht rapide ändern. Sie werden vom land vertrieben, finden in der Stadt keine Zukunft und wandern mehr und mehr in den Westen der Türkei oder in die reicheren europäischen Länder ab. Die Antwort kommt langsam wie das Wasser aus einem tropfenden Hahn. "Die Wanderung bringt eine Reihe von Problemen mit sich." Er nimmt gleich zwei Würfel Zucker und lässt sie in seinen Tee plumpsen. "Die Menschen, die aus den Dörfern kommen, haben einen ganz anderen Lebensstil. In der Stadt fühlen sie sich fremd, entwurzelt. Sie haben wirtschaftliche Probleme, sie haben persönliche Probleme. Sie können sich nur schwer an die neue Situation gewöhnen. Nicht zufällig begehen so viele Menschen Selbstmord."

Mit dem Löffel rührt er den Zucker vom Boden des Glases.

Ali Ürküt"Die Leute wollen in ihre Dörfer zurück, aber nur wenigen wird die Rückkehr erlaubt. Die Regierung hat zwar ein Rückkehrprogramm verkündet, es ist ihr aber nicht wirklich ernst damit."

Der Löffel steht nicht still.

Gut, aber was bedeutet das für die immer wieder beschworene kurdische Identität, die kurdische Kultur und Lebensweise, für deren Erhalt sich die HADEP wie andere kurdische Aktivisten einsetzen?

"Ein Wandel findet statt. Die Kurden werden zu aufgeschlosseneren, offeneren Menschen. Früher lebten sie in eng gefügten Gemeinschaften. Das lag zum einen an den strengen Sitten und an den religiösen Vorschriften, aber auch an den feudalistischen Verhältnissen. Der Krieg hat vielleicht dazu beigetragen, diese feudalen Strukturen zu zerstören. In dieser Hinsicht war er nützlich. Jetzt gibt es ein soziales Bewusstsein. Die Menschen nehmen nun die Welt um sie herum wahr. Sie werden modern. Man sieht den Unterschied sofort, wenn man ein kurdisches Dorf und ein Dorf in Mittelanatolien miteinander vergleicht. Kurden wissen heute mehr über die Welt."

Gut, aber was bedeutet dies für die Anstrengungen um den Erhalt der eigenen Identität? Was verändert sich, was soll bewahrt werden?

Ürkür setzt das Teeglas wieder ab, ohne getrunken zu haben.

HADEP Plakat"Die wichtigste Veränderung betrifft die Rolle der Frauen. Die kurdischen Frauen haben sich sehr verändert. Die Frauen, die in der Stadt leben und lesen und schreiben können, sind selbstbewusster geworden und nehmen aktiver am Leben teil. Bedeutender sind die Veränderungen aber vielleicht noch auf den Dörfern, die früher eine in sich abgeschlossene Welt bildeten. Die Frauen dort haben früher nicht einmal mit den Männern gesprochen und sie hatten auch keinen Ort, wo sie sich über ihre eigenen Belange austauschen konnten. Der Krieg hat das geändert. Die Frauen haben oft die Verantwortung für die ganze Familie übernehmen müssen. Sie sind selbstbewusster und auch ein Stück gleichberechtigter geworden. Heute kommen die Frauen mit ihren Männern und sie nehmen gemeinsam am sozialen und politischen Leben teil. Was daraus wird, wird davon abhängen, in welche Richtung sich die türkische Gesellschaft ändern wird."

Und die Identität?

Ürkür trinkt in großen Schlucken seinen Tee.

 

Eyvallah / Xatirete

 

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© Martin Ebbing 2001