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WartezimmerDie Unterhalt fällt ein wenig schwer, und das liegt diesmal nicht ausschliesslich an meinem mangelhaften Türkischkenntnissen.

Die junge Frau bringt nur sehr gepresst ein paar Worte hervor. Ihren Mund öffnet sie nicht und ihr Gesicht bleibt völlig reglos. Ihre Stimme ist flach und so leise, dass man mit dem Ohr näher an sie herangehen muss, um überhaupt etwas zu verstehen. Sie habe Zahnschmerzen, ist schliesslich zu verstehen. Seit drei Wochen plage sie nun schon einer ihrer unteren Backzähne. Sie könne weder richtig sprechen noch essen. Warum sie denn so lange gewartet habe? Nun, und mit der rechten Hand übt sie einen leichten Druck auf ihre Wange aus, was offensichtlich den Schmerz ein wenig lindert, nun sie habe erst jetzt von einer Bekannten von dieser Klinik erfahren.

Auch ihre Banknachbarin hat Zahnschmerzen, aber nicht ganz so schlimm. Immerhin kann sie noch tapfer lächeln. Die Frau ganz rechts hält einen knapp einjährigen Säugling mit erschreckend dünnen Armen und Beinen auf dem Arm. Irgend etwas sei mit seinem Bauch nicht in Ordnung, und die klagend nach oben erhobene freie Hand unterstreicht, welche Sorgen sie sich deswegen macht.

Die drei Frauen warten mit rund 20 weiteren Patienten auf den Beginn der Sprechstunde in der ambulanten städtischen Klinik neben der grossen Moschee im Zentrum der Altstadt von Diyarbakir. Hierher kommt, wer sich sonst keine ärztliche Versorgung leisten kann. Das sind vor allem die Menschen, die von ihren Dörfern vertrieben wurden, keine Krankenversicherung und keine Arbeit besitzen. Etwa 4.000 Patienten kommen im Monat, 1.000 die Woche.

KrankenschwesterFinanziert wird die Klinik von der Stadt. Sie zahlt die Gehälter der insgesamt 25 Ärzte, Laborhilfen und Krankenschwestern. Zur Klinik gehören eine allgemeine ambulante Praxis, eine Zahnarztpraxis, ein Labor für die gängigen Analysen von Blut und Urin, ein Röntgenapparat, Ultraschall und sowie Medikamentenausgabe. Die finanziellen Mitel sind knapp. Einen festen Etat gibt es nicht. Anschaffungen, vom Pflaster bis zur Reparatur des Ultraschallgerätes müssen jeweils einzeln bei der Stadtverwaltung beantragt und genehmigt werden.

"Wir behandeln eigentlich alle gängigen Krankheiten, mit denen man es so zu tun hat, vom gebrochenen Finger bis zur Blasenentzündung", sagt Suzan Kartiüstün. "Die schweren Fälle überweisen wir allerdings an einen Facharzt oder ein anderes Krankenhaus.

Suzan Kartiüstün ist eine Überraschung. Ihr Äusseres signalisiert bis ins kleinste Detail eine stille, frömmelnde Frau, die man eher beim Studium islamischer Traktate als hinter dem Schreibtisch eines Arztes vermuten würde. Ihre Haut ist käsig-blass, als habe sie die letzten Jahre in der dunklen Ecke eines Zimmers gelebt. Alles an ihr wirkt klein und schmal. Ihrem Körper muss schon früh die Energie ausgegangen sein. Die Hände sind klein und schmal, das Gesicht ist klein und schmal und bietet auch nur einer kleinen und schmalen Nase Platz. Sie ist kaum 1 Meter 60 gross und ihre Schultern sind schmal. Auf ihrem Stuhl könnte gut noch eine zweite Person ihrer Statur sitzen, ohne dass sich beide berühren müssten. Eingehüllt wird diese Statuette in einem stahlblauen Mantel, der an ihr eher wie ein Zelt und nicht wie ein Kleidungsstück wirkt. Das unscheinbar gemusterte Kopftuch ist mit kleinen Nadeln eng um den Kopf gesteckt.

Suzan KartiüstünAber dann erzählt sie von ihrer Arbeit, wobei sie Berna, die dolmetscht immer wieder korregiert und mit den englischen Fachausdrücken aushilft. Die am häufigsten auftretenden Krankheiten bei ihren Patienten sind im Sommer Infektionskrankheiten. Salmonellen, Amöben und andere Erreger, die meist durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen werden. "Die Kanalisation ist teilweise so überlastet und so marode, dass sich Abwasser und Trinkwasser miteinander vermischen. Hinzu kommt, dass in einigen Stadtteilen, vor allem in den Armenvierteln, es überhaupt keine ausreichende Abwasserbeseitigung gibt."

Im Winter sind es Erkältungskrankheiten, die das Wartezimmer der Klinik füllen - von der Bronchitis bis zur Lungenentzündung. Wieder trift es die Armen, deren Häuser nicht ausreichend beheizt sind.

Neben dieser akuten Hilfe, bietet die Klinik aber noch mehr an. So gehört Schwangerschaftsberatung ebenso zum Programm wie Familienplanung. Die Abteilung für Familienplanung hat Suzan Kartiüstün selbst aufgebaut. "Wir beraten Paare, die Schwierigkeiten haben, ein Kind zu bekommen. Wir beraten aber auch über den Gebrauch von Verhütungsmitteln wie Kondomen und die Spirale und wir verschreiben auf Wunsch die Pille." Und Abtreibungen? Sie schaut mich mit einem Blick an, der verrät, dass sie auf diese Frage des westlichen Ausländers gewartet hat. "Abtreibungen führen wir nicht durch, weil uns dazu das Fachpersonal fehlt. Wir beraten aber die Frauen und überweisen sie in die entsprechenden Kliniken."

KlinikDass Abtreibungen in der Türkei legal sind, wusste ich, aber überrascht bin ich davon, dass eine Frau, die nach allen äusseren Anzeichen eine strenggläubige Moslemin ist, Abtreibungen für akzeptabel hält. Wieder schaut Suzan mich mit diesem leicht spöttischen Blick an. Meine Verwirrung scheint ihr Freude zu bereiten. "Es gibt im Islam den Grundsatz 'Beschneide nicht den wachsenden Baum'. Gemeint ist, dass das Wachstum einer Familie, das Zeugen von Nachkommen nicht behindert werden soll. Aber es gibt Ausnahmen. Beispielsweise wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist oder wenn die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen eigentlich ein weiteres Kind nicht zulassen. Dann ist auch für den Islam eine Abtreibung akzeptabel. So ganz anders als der christliche Westen sind wir auch nicht. Zumindest nicht in diesem Punkt."

Ein spitzbübisches Lachen blitzt auf ihrem Gesicht und sie streckt mir die Hand zum Abschied entgegen. Sie muss sich um ihre Patienten kümmern.

Ich nehme ihre Hand in meine, wage es aber nicht, sie zu drücken.

 

Eyvallah / Xatirete

 

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© Martin Ebbing 2001