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FrauenzentrumÖzlem Öztürk erzählt den Vorfall so: "Vor etwa zwei Jahren wurde eine Frau von ihren Angehörigen zu uns gebracht. Sie konnte nicht mehr sehen, sie konnte nicht mehr richtig hören und sie konnte nicht mehr gehen. Mehrere Monate lang war sie in einem Zimmer eingesperrt gewesen und ihr Ehemann sowie die Familie ihres Mannes hatten sie gefoltert. Einmal am Tag wurde ihr Säure in die Augen, in die Ohren und auf die Zehen geträufelt. Sie sollte so dafür bestraft werden, dass sie ihrem Ehemann angeblich nicht gehorchte. Nach einiger Zeit fiel dann der Familie der Frau auf, dass sie verschwunden war, und sie haben nach ihr gesucht. Schliesslich gelang es ihnen, sie aus dem Haus des Ehemannes zu befreien und sie brachten sie dann zu uns.

Wir haben die Frau dann nach Istanbul in ein Krankenhaus vermittelt, wo sie halbwegs wieder geheilt werden konnte, und wir haben die Polizei eingeschaltet. Als die Frau dann aus Istanbul wieder zurück kam, hat ihr Mann und die Familie des Mannes sie massiv unter Druck gesetzt, die Strafanzeige wieder zurück zu ziehen. Sie haben ihr gedroht, nicht nur sie sondern auch andere Mitglieder ihrer Familie würden umgebracht. Die Frau ist dann zu ihrem Mann zurückgekehrt. Seither haben wir nichts mehr von ihr gehört."

Das "wir" in dieser erschreckenden Geschichte ist das Frauenzentrum von Diyarbakir. Es liegt in einem wunderschönen Haus in einer Seitenstrasse nicht weit von der Stadtmauer entfernt in einem kleinen Garten. Unten befindet sich ein Restaurant mit einer schattigen Terrasse, das von den Frauen betrieben wird. Darüber ein Kindergarten und die Büroräume. Die Einnahmen des Restaurants tragen dazu bei, das Zentrum, das vor zwei Jahren gegründet wurde, zu finanzieren. Öffentliche Unterstützung gibt es nicht.

Der Fall der Folterung der Ehefrau mit Säure sei ohne Zweifel der extremste Fall, dem sie bislang begegnet seit. Özlem Öztürk gehört ebenso wie Nebahat Akkoc zum Gründerkreis des Zentrums. Beide sind resolut wirkende, stämmige Frauen, die geduldig und ausführlich aber ohne jeden Anflug von Emotionen meine Fragen beantworten, aber mehr auch nicht. Ich frage, sie antworten. Punkt.

In erster Linie betreibt das Zentrum "Interventionshilfe." Frauen in Not kommen zu ihnen, sie versuchen zu helfen. "In erster Linie sind dies Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, die von ihren Männern sexuell missbraucht oder anderweitig behandelt werden", erklärt Özlem. Etwa einhundert Frauen suchen jede Woche ihre Hilfe. "Meist sind es Frauen aus der Stadt mit einer gewissen Bildung", ergänzt sie. "Im Moment haben wir noch große Schwierigkeiten die Frauen auf dem Land zu erreichen."

"Fast alle Frauen suchen bei uns Rat, wie sie ihre Ehe wieder kitten können", so Nebahat. "An Scheidung denkt keine, auch wenn sie noch so misshandelt wird. Wenn Scheidung überhaupt ein Thema ist, dann meist auf den Wunsch der Männer, die ihre Frau loswerden möchten, weil sie eine andere haben. Die Frauen leben in dem Bewusstsein, dass es ihre Aufgabe ist, ihrem Mann zu dienen und oft fühlen sie sich auch noch schuldig, wenn ihr Mann mit ihnen unzufrieden ist. Die Männer dagegen fühlen sich als die Herren und sie glauben auch das Recht zu besitzen, ihre Frauen zu bestrafen, wenn sie ihnen nicht zu Willen ist."

Özlem ÖztürkIch frage nach der rechtlichen Situation bei einer Scheidung. "Der Mann behält in der Regel das Haus und das andere Eigentum bis auf ein paar persönliche Dinge der Frau", so Nebahat.
"Die Frau kehrt zu ihren Eltern zurück, weil sie meist kein eigenes Einkommen hat. Wenn der Mann will, bekommt er vor Gericht meist auch das Recht an den Kindern zugesprochen. Bleiben die Kinder bei der Frau, muss er allerdings für die Kinder, nicht die Frau, Unterhalt bezahlen."

Zur Zeit werde im Parlament ein neues Scheidungsgesetz diskutiert, dass die Güterverteilung nach der Scheidung gerechter regeln soll. Das Frauenzentrum setzt sich mit anderen türkischen Frauengruppen für eine Lösung ein, die die Stellung der Frauen stärkt. "Aber was nützt ein besseres Scheidungsgesetz", frage ich, "wenn die Frauen sich nicht scheiden lassen wollen?" Beide Frauen nicken mir zustimmend zu.

Ob sie einen Fall in der Türkei kennen würden, in dem ein Ehemann wegen Misshandlung seiner Frau vor Gericht gestellt und bestraft worden sei? "Nur in den Fällen", antwortet Özlem, "wo es zu schwerer Körperverletzung oder gar zum Totschlag gekommen ist." Sexuelle Gewalt in der Ehe ist nicht strafbar.

Wie sie denn unter diesen Bedingungen den Frauen denn überhaupt helfen können? "Wir hören zu", so Nebahat, "und beraten die Frauen in ihren rechtlichen Möglichkeiten. Dann überlassen wir die Entscheidung ihnen und wie immer die Entscheidung dann ausfällt, wir versuchen die Frauen darin zu unterstützen." Und wenn die Frau nun unbedingt zu ihrem brutalen Mann zurückkehren will? Beide Frauen zucken mit den Schultern.

Das Frauenzentrum in Diyarbakir ist das erste im Südosten der Türkei. Wie denn die Männer darauf reagieren würden? "Manchmal gibt es schon Schwierigkeiten" antwortet Nebahat knapp und erweckt den Eindruck, als wolle sie sagen "wie sollen sie schon reagieren?" Von der Regierung oder der Stadt wird ihnen auf keinen Fall allzu grosses Wohlwollen entgegen gebracht. Deshalb bemüht sich das Zentrum, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Erst gegen Ende wird das Gespräch etwas lebhafter. Wir reden vom Einfluss der Medien und etwas verunglückt versuche ich zu erklären, dass ich mir schwer vorstellen könne, dass nicht das Fernsehen das klassische Rollenverständnis ein wenig aufweichen würde. Schliesslich werden auch in der Türkei Filme gezeigt, in denen Frauen eine gleichberechtigtere Rolle besitzen.

Nebahat Akkoc"Ja", die Dinge beginnen sich zu ändern", stimmt mir Özlem zu. "Nicht allein wegen des Fernsehens, aber auch. Vor allem junge Frauen orientieren sich heute an westlichen Vorstellungen. Nicht sehr viele, aber doch immer mehr Frauen verfügen über ein eigenes Einkommen und sind deshalb von ihren Männern unabhängig. Viele Dörfer sind während des Krieges zerstört und die Familien in die Städte vertrieben worden. Hier kommen vor allem die Frauen mit anderen Vorstellungen in Kontakt. Ein Teil der Männer ist im Krieg gestorben und sie müssen den Haushalt führen. Die jungen Mädchen können hier auf bessere Schulen gehen und haben bessere Chancen für die Zukunft. Dinge kommen in Bewegung."

"Aber die jungen Mädchen haben es schwer", fügt Nebahat hinzu. "Sie werden nach traditionellen Vorstellungen gross. Gleichzeitig versuchen sie ausserhalb des Hauses ein moderneres Leben zu führen. Sie befinden sich zwischen zwei Welten und das führt oft zu Konflikten - sowohl zu Konflikten mit der Familie wie zu Konflikten mit der Umwelt und oft auch zu Konflikten mit sich selbst."

Ich lächele Berna zu, die für mich übersetzt. Wenigstens sie lächelt zurück.

 

Eyvallah / Xatirete

 

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© Martin Ebbing 2001