Aynur


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AynurAynur lacht gern. Sie hat ein Lächeln, das tief aus ihrem Inneren kommt und wie Blasen glucksend und unaufhaltsam an die Oberfläche steigt.

Als sie noch klein war, hatte sie einen Traum, was sie in ihrem Leben einmal werden will. Viele junge Mädchen träumen von Stewardessen, Fotomodellen, Kosmetikerinnen oder Architektin, aber Aynurs Traum war für eine Zehnjährige doch ein wenig ungewöhnlich. Sie wollte Rechtsanwältin beim Europäischen Menschengerichtshof werden. Die Anregung zu diesem Wunsch kam von ihrer Familie, die sich lange für Menschenrechte eingesetzt hat und selbst immer wieder Opfer von Menschenrechtsverletzungen war.

Mit 13 verknallte sich Aynur in einen Filmschauspieler und entschloss sich, doch lieber Regisseurin zu werden, um dessen wichtige Arbeit zu unterstützen. Heute ist sie 23 und steht an der Universität von Diyarbakir kurz vor dem Abschluss als Englischlehrerin.

Der Weg dorthin war nicht einfach. "Ich hatte eine Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Problemen." sagt sie. Beispielsweise wurde kurz vor Ende der Schule ein Familienmitglied krank. Aynur musste aushelfen und konnte sich nicht so auf die Eingangsprüfung für die Aufnahme zur Universität vorbereiten (in der Türkei entscheidet eine Eingangsprüfung über den Hochschulzugang und von der Note dieser Prüfung hängt es nach einem komplexen Verfahren ab, welches Fach man an einer bestimmten Universität studierten kann.), wie sie es wollte. So reichte die Note für ein Jurastudium nicht aus und sie wurde sie Englischlehrerin.

"Ich kann nicht sagen, dass ich keine Lehrerin werden wollte." lacht Aynur. "Ich möchte durchaus, denn Unterrichten ist eine große Herausforderung. Als ich das erste Mal vor einer Klasse stand, habe ich gemerkt wie wichtig und wie schwierig das ist. Besonders in diesem Teil der Türkei hat ein Lehrer viele Schwierigkeiten, wirtschaftliche und politische Probleme. Man kann nicht die Lehrerin sein, die man gern sein möchte."

AynurDie Lehrerin zu sein, die man sein will, ist überall auf der Welt nicht einfach, aber die türkische Regierung plagt ihre Beamten mit allerlei bürokratischen Gängeleien. So ist es einer Lehrerin beispielsweise nicht erlaubt, ohne schriftliche Genehmigung den Bezirk ihres Wohnortes zu verlassen.

Dies ist lästig, aber es gibt eine ganze Reihe von gewichtigeren Problemen, die Aynur zum Teil noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennt. "Meine Eltern waren arm und bis ich zur Oberstufe ging, hatten wir ständig finanzielle Probleme. Eigentlich sollte in der Türkei der Unterricht kostenlos sein, aber das ist nur Theorie. In der Praxis ist das aber oft nicht der Fall. Als ich in der Grundschule war, steckten meine Eltern in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, aber die Schule verlangt von uns, dass ich sowohl für das Zeugnis wie für die Reinigung des Schulgebäudes bezahlen sollte." Diesmal lacht Aynur nicht.

In den letzten Jahren hat sich zwar einiges verbessert, aber die Grundprobleme bleiben bestehen. Der Südosten der Türkei ist die ärmste Region des Landes und hat gleichzeitig auch das geringste Bildungsniveau. Die Ausstattung der Schulen ist schlecht und die Lehrer werden schlecht bezahlt.

AynurAynur ist, und hier lacht sie wieder, wie fast alle Menschen im Südosten der Türkei Kurdin. Kurdisch war und ist aber im öffentlichen Leben - und damit auch in den Schulen - nicht erlaubt. "Kurdische Kinder werden von Lehrern unterrichtet, die oft eine nicht sehr demokratische Einstellung habe", so Aynur. "Sie zwingen die Kinder, kein Kurdisch zu sprechen. Oder die Kinder, die nur kurdisch sprechen können, werden als abschreckendes Beispiel vor die Klasse gestellt. Das kann einen sehr grossen Effekt auf die Kinder, vor allem auf die kleinen Kinder haben."

Aller Voraussicht nach wird Aynur nach ihrem Examen in eine kleine Landschule irgendwo in einem kurdischen Gebiet versetzt werden. Dort sind die Menschen nicht nur besonders arm, sondern es herrschen auch sehr traditionelle Sitten und Moralvorstellungen. "Ich habe gesagt, es sei schwer, Lehrer zu sein, aber es ist noch viel schwerer, eine Lehrerin zu sein." Wieder lacht sie. "In den kleinen Dörfern herrschen sehr strenge religiöse Auffassungen, und wenn man sich nicht an diese Regeln hält, bekommt man sehr schnell einen schlechten Ruf. Man wird nicht respektiert, nicht nur als Lehrerin sondern auch als alleinstehende Frau. So sind immer noch sehr viele Menschen dort der Auffassung, eine Frau sollte nicht mit einem Mann sprechen. Die Menschen müssen mich aber als Lehrerin und als Person schätzen und um ihren Respekt zu verdienen, muss man sich mit seinem Verhalten an ihre Vorstellungen anpassen."

AynurDas bedeute natürlich nicht, dass sie ihre eigene Auffassung aufgeben wolle, fügt Aynur schnell hinzu, und natürlich müsse man auch die Einstellung dieser Menschen einwirken, ihnen helfen, modernere Ideen zu akzeptieren. Auf der anderen Seite, dürfe man ihnen natürlich auch nicht vor den Kopf stossen. An ihrem unsicheren Lächeln ist zu erkennen, dass sie selbst nicht so genau weiss, wo da die Linie zu ziehen ist.

Das sind eigentlich schon Probleme genug, aber es kommen noch einige Schwierigkeiten dazu. Aynur ist stolz darauf, Kurdin zu sein, und sie macht auch keinen Hehl daraus, dass sie für die Anerkennung kurdischer Kultur und kurdischer Identität eintritt. Damit fällt sie automatisch unter den Personenkreis, der den türkischen Sicherheitskräften suspekt ist.

"Im letzten Jahr hatte ich Schwierigkeiten in der Schule. Die Polizei holte mich unter den Augen aller vom Mittagessen aus der Kantine und brachten mich für zwei Stunden in eines der Büros, die die Polizei an der Universität hat. Sie drohten mir und gaben mir den Rat, mich nicht an bestimmten Aktivitäten zu beteiligen, sonst würden sie dafür sorgen, dass ich die Universität verlassen müsse. Seither beobachten sie mich und meine Freunde und versuchen herauszubekommen, mit wem ich spreche und was ich tue."

Ob sie sich auf ihren zukünftigen Beruf und das Leben auf dem Lande freue. Aynur lächelt tapfer.

 

Eyvallah / Xatirete

 

Aynur

 

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© Martin Ebbing 2001