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AussenbezirkFür den Weg vom Zentrum an den südlichen Stadtrand benötigt der Minibus nicht einmal zehn Minuten. Der Weg führt durch Ofis, dem Stadtviertel für die besser Gestellten, am Eingang zur Basis der türkischen Luftwaffe vorbei in ein Viertel, in dem die mehrgeschossigen Wohnhäuser, die die Hauptstrasse säumen, einen nicht mehr ganz sauberen Anstrich tragen. Auf den Balkonen sind vereinzelt Brennholzstapel und eingerollte Habseligkeiten zu sehen. Die Hauseingänge sind dunkel, die Geschäften bedienen mit ihren Angeboten nur den notwendigen Bedarf.

D., L. und ich suchen nach einer Adresse, wo eine Familie wohnen soll, die aus ihrem Dorf während des Krieges zwischen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und den türkischen Sicherheitskräften vertrieben wurde, und nun gern zurück möchte. D. soll für mich aus dem Türkischen übersetzen, L. ist dabei, um uns mit dem Kurdischen auszuhelfen. Er war erst gestern nach zweitägiger Haft von der Polizei entlassen worden. L. gehört zu einer Gruppe von Studenten, die zum Semesterabschluss eine Veranstaltung mit kurdischen Gedichten, Tanz und Theater organisiert haben. Die Veranstaltung wurde verboten, zwei der Organisatoren für zwei Tage festgenommen. L.: "Es war nicht so schlimm. Nur Schläge, keine Folter."

GasseDie Wohnung, die wir suchen, befindet sich in einem der Hochhäuser. Ein Seiteneingang führt in das düstere Treppenhaus, an dem seit dem Rohbau nicht mehr gearbeitet wurde. Im dritten Stock erwarten uns ein fünfzehnjähriges Mädchen, ein junger Mann und eine füllige Frau mit einem hellen Kopftuch. Wir werden ins das Wohnzimmer hereingebeten. Ich mache den Fehler und strecke der Frau zur Begrüssung meine Hand entgegen. Sie dreht sich ab, als habe ich ihr einen toten Vogel gezeigt, und verlässt das Zimmer. "Es ist nicht erlaubt, eine fremde Frau zu berühren", klärt mich D. auf. Verunsichert setze ich mich auf den mir zugewiesenen Platz. Das Wohnzimmer ist recht karg eingerichtet. An einer Wand und unter dem Fenster je ein langes, durchgessenes Sofa, an der zweiten Wand ein Tisch und an der vierten Wand schließlich eine zerschundene Schrankwand. Auf dem Schrank schauen die aufgerollten Betten für fünf Personen hervor. Es wird uns Wasser angeboten.

Nein, der Vater und Vorsteher des Haushaltes sei nicht zuhause. Er sei mit der Mutter in das Dorf, um zu schauen, was aus ihrem Besitz geworden sei, erklärt uns das Mädchen. Ob denn jemand anders mit uns sprechen könne? Die Grossmutter wird hereingeholt, aber auch sie mag nicht so recht zu erzählen, warum die Familie aus dem Dorf in die Stadt ziehen musste und warum es so schwierig ist, wieder zurückzukehren.

Blick auf DorfplatzSo stehen D., L. und ich wieder auf der Strasse und versuchen auf eigene Faust jemanden zu finden, der uns weiterhelfen kann. Hunderttausende Menschen wurden während des Krieges Opfer der Vertreibung und suchten Zuflucht in Diyarbakir. Also sollte es uns doch möglich sein, einige davon zu finden.

Als wir von der Hauptverkehrsstrasse zwischen zwei Wohnblocks hindurch in eine Gasse einbiegen, verändert sich die Welt. Der Weg ist unbefestigt, die Häuser und niedrig und eng aneinander geduckt. Frauen sitzen vor den Türen auf dem Boden, verrichten kleine Handarbeiten, schwatzen oder schauen nur, wie die Zeit vergeht. Kinder spielen im Schatten. Es ist wie in einem Dorf. Eine Frau trägt Feuerholz zu einem Ofen, der aus Lehm und Stein auf einem freien Platz gebaut wurde. Bis auf einen mittelalten Mann, der uns aufgregt wie ein nervöses Huhn verfolgt, ist sonst kein Mann zu sehen. Die Kinder haben uns entdeckt und aus jedem Hauseingang, aus jedem Winkel schiessen kleine Jungs mit zerrissenen Schuhen und schmutzigen T-Shirts, Mädchen mit durchgetragenen Kleidern und Schleifen im geflochtenen Haar hervor, um uns lärmend zu bestaunen. Ein dreijähriges Mädchen in einem gelben Kleid wird von den anderen nach vorne geschoben, um mir ein kleines Lied vorzusingen.

L. fragt herum, aber niemand will mit uns sprechen. Die Männer sind "einkaufen", was wohl bedeuten soll, dass sie den Tag mit andern Männern ausser Haus verbringen. Als eine Frau mit einem Karton Kekse die Gasse herunterkommt, lösst sich der Belagerungsring der lachenden und schreienden Kinder auf.

PitosUnd dann steht Pitos neben mir, eine stämmige Frau mit einer mächtigen Nase. Ja, sie wolle dem Fremden etwas sagen und sie redet darauf los. Aber ohne L., der noch mit einer anderen Frau spricht, bleibt mir der kurdische Wortschwall unverständlich. Ich versuche die Dinge ein wenig zu ordnen, rufe L. und bitte ihn, Pitos zu erklären, dass sie bitte in das Mikrophon sprechen möge. Die Kinder haben uns wiederentdeckt und drängeln um die besten Plätze.

Seit wann sie in Diyarbakir lebe? Seit 10 Jahren, antwortet Pitos und sagt noch einiges mehr, was im Trubel aber untergeht. Warum sie nicht in ihr Dorf zurückkehre? Ihre Kinder seien in der Stadt und in ihrem Dorf seien jetzt lauter türkische Soldaten. Wenn sie zurückkehre habe sie wahrscheinlich lauter Schwierigkeiten, übersetzt L. Erst wenn Friede herrsche wolle sie wieder zurück. Wer denn den Frieden störe? Die Regierung, und in L.'s Übersetzung klingt das so, als sei das doch völlig klar. Jeder wisse es.

Wie alt sie sei, will ich wissen. Das wisse sie nicht, lacht Pitos. Wahrscheinlich um die Sechzig.

Eine weitere Frau, Medine, die mit ihrem grauen Gesicht, das aus dem weissen Kopftuck hervorlugt, ihren traurigen, müden Augen und der grossen, fleischigen Nase wie ein gutmütiges Dromedar aussieht, zieht mich am Arm. Auch sie wolle mit mir sprechen, sagt sie und geht ohne meine Antwort abzuwarten voran. Sie führt uns über einen grossen, öden Platz, an dessen Rand weitere Öfen stehen und Frauen Brot backen, zu ihrem Haus. Die Frauen der Nachbarschaft sitzen im Schatten und schauen uns nach.

KeksfrauIch werde der Familie vorgestellt. Dreizehn Personen leben in ihrem Haushalt, sagt Medine mit einer sanften, ruhigen Stimme, die gut zu ihren traurigen Augen passt. Ich kann mir so schnell nicht all die Namen und Verwandtschaftsbeziehungen merken, die sie aufzählt. Sie seien arm, "zu arm". Gemeinsam lebten sie von der Rente ihres Mannes, 100 Millionen TL (200 DM) im Monat.

Eine Nachbarin meldet, die Polizei sei auf dem Weg, aber Medine lässt sich nicht irritieren. Sie seien vor allem deshalb arm, weil ihr Sohn im Gefängnis säße, klagt sie und zeigt auf das Foto an der Wand. Warum er inhaftiert worden sei? Weil er Kurde sei. Aber mit der PKK habe er nichts zu tun? Aber Kurden und die PKK, das seien doch das selbe, und Medine streckt ob so viel Unverstandes des Fremden die Arme in die Höhe.

Nach einigen Verwicklungen stellt sich heraus, dass ihr Sohn wegen Mitgliedschaft in der PKK für neun Jahre im Gefängnis gesessen hat. Dann wurde er vor einem Jahr erneut verhaftet und aus dem selben Grund noch einmal zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Im Hintergrund höre ich einige Unruhe vor dem Haus. Ein älteres Mädchen kommt herein. Die Polizei sei wieder gegangen.

MedineIch frage Medine, wie lange sie schon in Diyarbakir lebe. 25 Jahre. Ob sie denn noch einmal in ihr Dorf, das nicht weit von der Stadt entfernt liegt, zurück möchte. Aber natürlich. Vor zehn Jahren haben sie und ihr Mann es schon mal versucht, aber damals war noch Krieg und es wurde geschossen. Sie habe Angst gehabt. Nun warte sie darauf, dass die Regierung ihr eine Erlaubnis zur Rückkehr erteilen würde. Wie alt sie sei? 67, vielleicht aber auch 68 Jahre. Ob sie denn glaube, dass sie vor ihrem Tod ihr Dorf noch einmal sehen würde. Sie müsse beten gehen, antwortet Medine, und hält für den Fremden beide Hände mit den Oberflächen nach oben neben dem Kopf. Ohne ein weiteres Wort verlässt sie das Zimmer.

Ihren Platz auf der Sitzgelegenheit nimmt Masallah ein, eine hübsche Frau mit einem kräftigen Körper und strahlenden Augen. Auch sie wolle mir etwas erzählen. Ihre beiden Brüder seien von den Regierungssoldaten erschossen worden, berichtet sie. Erst habe sich der eine der PKK angeschlossen und sei erschossen worden. Nach seinem Tod habe der zweite Bruder es ihm nachgetan und dasselbe Schicksal erleiden müssen. Die Polizei sei dann gekommen und habe ihr Haus niedergebrannt. Nachden sie ihr eigenes Haus verloren haben, lebe sie und ihr Mann nach kurdischer Sitte wieder im Haushalt ihrer Schwiergermutter.

Ja, sie möchte sehr gerne wieder in ihr Dorf zurück, und Masallahs Stimme wird lebhaft, aber sie hätten einen Antrag auf Rückkehr vor einem Jahr bei der Regierung in Ankara gestellt und bislang noch keine Antwort bekommen. Es sei doch ihr eigenes Haus, was denn passieren würde, wenn sie ohne Genehmigung zurpückkehren würden, frage ich. Oh, die Regierungssoldaten würden sie nicht lassen und wahrscheinlich würde ihr Mann dann ins Gefängnis gesteckt.

MasallahAls ich mich verabschiede, steht Meline wieder neben mir. Sie entschuldigt sich, dass sie mir keinen Tee angeboten habe, aber zur Zeit habe sie keine Möglichkeit, Wasser warm zu machen, weil ihnen der Strom abgestellt wurde.

Sie möchte gern, dass ich ihr helfe, lässt sie L. wissen. Sie möchte gern ihren Sohn im Gefängnis besuchen. "Was kann ich da für sie tun? Soll ich sie begleiten?" frage ich L. "Nun ja, es gibt da einige wirtschaftliche Schwierigkeiten."

Einen kleinen Moment zögere ich, ob es korrekt ist, wenn ich Journalist einen Gefängnisbesuch bei einem PKK-Mitglied finanziere. Dann gebe ich ihr einen Geldschein und verbuche es innerlich als humanitäre Hilfe.

"Allah wird Wohlgefallen an dir finden", bedankt sich Meline.

 

Eyvallah / Xatirete

 

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© Martin Ebbing 2001